Die Ausstellung TERRA INFIRMA vereint die Arbeiten dreier Künstlerinnen, die wie Seismographen auf sich stetig wandelnde Prozesse und Strukturen reagieren. Dabei sind es heute gerade die klimatischen Veänderungen in globalem Ausmaß, die nicht nur in Natur und Landschaft, sondern auch auf gesellschaftlichem Terrain zunehmend sichtbar werden. Die Menschheit, will sie dauerhaft überleben, ist vor neue und beispiellose Herausforderungen gestellt.

Die Berliner Künstlerin Nathalie Grenzhaeuser betrachtet in ihren Werken die Beziehung zwischen Architektur und Topografie, häufig vor dem Hintergrund der Siedlungsgeschichten in entlegenen Teilen der Welt. Mit dem Blick der Fotografin, die sich ohne Rücksicht auf sich selbst in menschenfeindliche Gefilde begibt, sucht sie nach den sichtbaren Spuren der Entwicklungen und Veränderungen von ökologisch fragilen Landschaftsräumen – so auch im arktischen Inselarchipel Spitzbergen, um dessen reiche Ressourcen viele Nationen seit seiner Entdeckung rangeln. Grenzhaeuser zeigt in ihren oft großformatigen Aufnahmen die frappierende, wilde Schönheit der kargen Landschaft, die sie in einen Dialog mit Aspekten menschlicher Nutzung und neuester umweltwissenschaftlicher Forschung bringt. Dieser spannungsreiche Kontrast und die Unwirtlichkeit der Landschaften lösen beim Betrachtenden bisweilen Unbehagen aus. Gleichzeitig gelingt es der Fotografin mittels ihrer spezifischen Bildsprache Assoziationen an die Malerei der Romantik des 19. Jahrhunderts und an das Genre des Science Fiction in Literatur und Film hervorzurufen.

Weltweit bekannt wurde Magdalena Jetelová als Bildhauerin monumentaler Holzskulpturen und als Installationskünstlerin. Doch auch ihr fotografisches Werk erfährt bereits seit Jahren internationale Aufmerksamkeit. In den großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien aus den Werkzyklen Atlantic Wall und Iceland Project, die in der Ausstellung präsentiert werden, beschäftigt sich Jetelová mit dem Thema der Grenze im geografischen und erdgeschichtlichen, im philosophischen und kulturellen Kontext.

Das Iceland Project ist dem transatlantischen Rücken gewidmet. Dieses rund 15.000 Kilometer lange Gebirge auf dem Meeresboden ist Teil eines geologischen Schwellensystems, das sich auf dem Boden der Ozeane über 70.000 Kilometer erstreckt und die ganze Erde umspannt. Island ist der einzige Ort, an dem ein zusammenhängendes, rund 350 Kilometer langes Teilstück des ozeanischen Gebirges über der Wasseroberfläche sichtbar wird. Diese Passage ist gewissermaßen die Nahtstelle, die die Kontinente Amerika, Europa und Afrika einst verbunden hat und an der sich die kontinentalen Platten immer noch berühren und bewegen. An dieser geologischen Schwelle zeichnet Jetelová mit dem Laser als Lichtspur unmittelbar ins Gelände. Dabei entstehen abstrakt anmutende Linien, die sich dahinschlängeln, über geologische Treppenformationen springen, raumgreifende Geländeanstiege zu Vertikalen verkürzen, in Senken verschwinden, neu ansetzen, die Gischt der Geysire und der Brandung durchschneiden, und sich schließlich im Horizont verlieren.
Ist das Iceland Project einem geologischen Phänomen gewidmet, so nimmt Atlantic Wall die von der deutschen Wehrmacht zwischen 1942 und 1944 an den Küsten des Atlantiks und der Nordsee errichtete Verteidigungslinie – den Atlantikwall – zum Thema. Viele der Bunker, Schieß- und Beobachtungstürme der Verteidigungskette gegen die erwartete Invasion der Alliierten wurden nach Kriegsende nicht gesprengt, sondern den Zerfallsprozessen der Natur überlassen und vergessen. – Die Natur, mit den Spuren der ihr eingeschriebenen geologischen, bzw. geschichtlichen Veränderungsprozesse, wird bei Magdalena Jetelová zur Folie, zum lebendigen, dreidimensionalen Blatt, auf das die Künstlerin Lichtzeichnungen legt, als wäre der Laserstrahl ihr Bleistift.

Die ebenso meditativen wie feinsinnigen und poetischen Werke der irischen Künstlerin und Filmemacherin Clare Langan erzählen von einer Welt im Fluss, sie offenbaren die Schönheit und die Tragik von Veränderungsprozessen wie sie sich in Landschaften, in Metropolen oder auch in menschlichen Beziehungen ereignen. – In Langans geradezu hypnotisierender Filminstallation The Floating World (2015), zeigt die Künstlerin die irische Insel Skellig Michael am äußersten Rand Europas, auf der sich eines der am schwersten zugänglichen mittelalterlichen Klöster Irlands aus dem 7. Jahrhundert befindet. Dem anfänglichen Fokus auf Skellig Michael folgen Aufnahmen eindrucksvoller Ansichten der hypermodernen Metropole Dubai und der Karibikinsel Montserrat. – Die Monumentalität und Erhabenheit der Landschaft, die jede menschliche Präsenz auf ein Minimum schrumpfen lässt, steht in Langans Film im Widerspruch zur Konvention ihrer romantisierenden Verklärung. So erweist sich die Versuchung, sich der Identifikation mit einer scheinbar poetisch aufgeladenen Landschaft und der emotionalen Versenkung in die Natur hinzugeben, als pathetischer Trugschluss.

In ihrem neuesten Film The Heart of a Tree (2020), den Langan gemeinsam mit dem Oscar-nominierten Kameramann Robbie Ryan in Island drehte, beschwört die Künstlerin die unheimliche Schönheit der Welt und verknüpft Bilder dystopisch anmutender Landschaften mit fantastischen, traumartigen Sequenzen. Es sind Orte, an denen Zeit nicht mehr existiert, wo Oben und Unten sich verkehren und die Luft über den Wolken zu einem neuen, unsicheren Boden wird. Wahrnehmung, Geist, Gedächtnis, unser Wissen über die Welt wird auf die Probe gestellt. In diesen postapokalyptisch anmutenden Filmlandschaften ist alles in Bewegung – die Elemente Wasser, Erde, Luft, Nebel und Wolken scheinen zu schweben, Licht und Sound (Musik: Jóhann Jóhannsson, Island) entrücken den Betrachter der bekannten Wirklichkeit. Zentrales Thema der Künstlerin ist immer wieder unsere Zivilisation und ihre ungewisse Zukunft, vielleicht sogar ihr Ende. – Und doch suggeriert Langans Bildsprache, was Martin Heidegger und einst die Griechen Aletheia nannten: ein Ort, an dem sich die Wahrheit offenbart, eine Landschaft, die eine Geschichte erzählt, welche eine neue Welt heraufzubeschwören vermag.