Die Ausstellung Liebe ist ein Hemd aus Feuer. Liebespaare bei HAP Grieshaber im Kunstmuseum Reutlingen | Spendhaus widmet sich auf einer Ausstellungsetage dem Motiv des Liebespaars, das sich durch HAP Grieshabers (1909-1981) gesamtes Œuvre zieht. Ob im kleinen oder großen Format, als Einzelblattholzschnitt oder innerhalb einer Serie – der Holzschneider beschäftigt sich in allen Schaffensphasen mit dem Bildthema. Für viele Aspekte der menschlichen Zweisamkeit findet er eine eigene Formensprache: In Innigkeit und Geborgenheit vereint er Mann und Frau zu einer unauflöslichen Einheit in Farbe und Fläche. Trennung setzt Grieshaber mit einem weißen Keil in der Mitte ausdrucksstark in Szene. Es sind Darstellungen, die aus tiefen Empfindungen und Erlebnissen entwachsen und die das Leben selbst, ob zärtlich, dramatisch oder ekstatisch, feiern. 

Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg greift Grieshaber das Motiv des Liebespaars zum ersten Mal im kleinformatigen Holzschnitt Paar auf. Das Blatt dominiert eine Bogenform, die sich als eine innige Umarmung zweier Liebender herausstellt - wie zwei Puzzlestücke sind sie zu einer Form vereint. Es folgen weitere in ihrer sanften Farbigkeit poetische Bilder mit vereinzelten Naturelementen, die damit das Paar schon früh in der Landschaft verorten.    

Ab den 1950er-Jahren sprengt Grieshaber das bisherige Format des Holzschnitts und steigert es zum autonomen Werk. Seine Liebespaare gewinnen an Größe und Ausdruckskraft; die Werke haben einen mehrschichtigen Bildaufbau und werden experimentell sowohl in ihrer Formensprache als auch in der Holzschnitttechnik. In diese Zeit fallen auch private Lebenssituationen, die Grieshaber zum Anlass für seine Bilder nimmt. Eines seiner ersten großformatigen Holzschnitte Scheidung spielt mit einem singulären Bildmotiv auf die Trennung von seiner ersten Ehefrau Lena Krieg (1901-1981) an. Die nur ein Jahr später entstandene Huldigung (Standesamt) thematisiert wiederum die Heirat mit der Malerin Riccarda Gohr (1907-1985).    

Die von Grieshaber zeit seines Lebens angestrebte Einheit von Natur und Mensch erreicht er am eindrücklichsten mit seinen Paaren zwischen Bäumen, Blüten und Wiesen. Die heimatliche Landschaft – die Schwäbische Alb – bildet zuweilen den Hintergrund für ihr Beisammensein. Teilweise ist das Liebespaar nicht nur zu einer Einheit verschmolzen, sondern löst sich geradezu in der es umgebenden Natur auf. In den großformatigen Holzschnitten Baumblüte findet diese Darstellung ihren Höhepunkt. Lebensbejahend und sinnlich, mit kräftigen Farben und zarten Blütenelementen, verwebt der Künstler seine Paare untrennbar mit der frühlingshaften Landschaftsszenerie. Grieshabers enge Bindung an die Natur und sein ungebrochener Glaube an ihre Kräfte wird in den Holzschnitten spürbar.

Ebenfalls sind ausgesuchte Holzschnitte aus wichtigen Serien Grieshabers in der Ausstellung vertreten, die belegen, wie verwoben das Bildmotiv in sein Gesamtwerk ist. Unkonventionell, aber von Grieshaber selbst als Liebespaare eingestuft, sind seine Totentänze. Der Tod führt mit dem Herzog, auf einem anderen Blatt mit der Herzogin, einen letzten, innigen Tanz, bis er sie aus dieser Welt mit sich nimmt. Die in kräftigen Farben gedruckten Paare in Grieshabers Holzschnitten zur von Carl Orff vertonten und inszenierten Carmina Burana bewegen sich gleichermaßen ekstatisch und lebenshungrig über die Bildfläche. 

In seinen späten Lebensjahren greift Grieshaber nochmals die bereits 1936 in einem Holzschnittbuch behandelte Schwäbische Alb in einer Serie von Lithographien und Holzschnitten auf. Die rauhe Alb stellt in Grieshabers Œuvre die ungenierteste Auseinandersetzung mit dem Liebespaar dar, bei der die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau in die heimatliche Landschaft eingeschrieben ist und im Beisammensein von mythischen Fabelwesen und Tieren in paradiesische Sphären erhoben wird.

Grieshaber lotet die Möglichkeiten des Werkstoffs Holz aus, um seinen Paaren das Gewachsene, Naturnahe und Organische, dem Leben und der Schöpfung eng verbundene zu verleihen. Ihre Gesten der Umarmung, ihr Liebkosen und ihre Nähe stellen vielleicht Gegenbilder zu Grieshabers politischen Arbeiten dar. Dennoch zeugen sie von seiner humanitären Grundhaltung, seiner Lebensbejahung, seiner Fähigkeit zur Liebe und seiner Abneigung von Gewalt. Mit dem Motiv des Liebespaars verfolgt Grieshaber zwei seiner wichtigsten Anliegen: die Figuration in der Kunst hochzuhalten sowie sein Bedürfnis, „die großen Themen der Menschheit“ anzugehen. 

Der Titel der Ausstellung ist dem gleichnamigen Gedichtzyklus von Paul Konrad Kurz (1927-2005) mit Holzschnitten von HAP Grieshaber entnommen, der wiederum auf einen Vers des türkischen Dichters Nâzim Hikmet (1902-1963) zurückgeht.


Öffnungszeiten:
Diens­tag, Mitt­woch, Frei­tag, Sams­tag: 11:00 - 17:00 Uhr
Don­ners­tag: 11:00 - 19:00 Uhr
Sonn­tag / Fei­er­tag: 11:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kunstmuseum-reutlingen.de

HAP Grieshaber, Liebespaar (1938), Farbholzschnitt auf Werkdruckkarton, 40 x 50 cm, Foto: Kunstmuseum Reutlingen © VG Bild-Kunst, Bonn 2022.
03.06. - 25.09.2022

Die Liebe ist ein Hemd aus Feuer Liebespaare bei HAP Grieshaber

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Spendhausstraße 3
72764 Reutlingen