Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G) widmet sich im Rahmen der 8. Triennale der Photographie Hamburg 2022 der Neuinterpretation von zwei Werkkomplexen des Hamburger Fotografen Herbert List (1903–1975). Die Ausstellung präsentiert das noch nie gezeigte Fotobuchprojekt PRÄUSCHERS PANOPTIKUM. EIN BILDERBUCH VON HERBERT LIST. Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich Herbert Lists Aufnahmen von jungen Männern und Skulpturen, die seit den 2000er Jahren als Vorreiter eines „Queer Gaze“ wiederentdeckt wurden – einer Bildsprache, die Geschlechterstereotype und damit verbundene Macht­verhältnisse in Frage stellt. Beide Themen verbindet das Interesse des bekennenden homosexuellen Fotografen am Populären, am Kitsch und an der körperlichen Einbindung der Betrachter*innen in seine Sujets. Die Ausstellung zeigt rund 70 Fotografien von Herbert List aus den 1930er und 1940er Jahren sowie Zeitschriftenartikel, einzelne Wachsfiguren und deren Vorlagen aus der Kunstgeschichte sowie den originalen Buchentwurf für „Präuschers Panoptikum“.

DAS BUCH
„Hereinspaziert in die wundersame Welt des Wachsfigurenkabinetts des Dr. Präuscher im Wiener Prater!“ Als Lists Aufnahmen 1944 entstanden, präsentierte das Panoptikum historische Figurengruppen und Märchen­szenen und beherbergte ein anatomisches Kabinett. Im schummrigen Halbdunkel wurde das medizinische Sujet an Frauenakten vorgeführt: Hier vermischte sich populärwissenschaftliches Interesse mit der Schaulust am Erotischen. List durchschritt diese Welt als Liebhaber des Über­kommenen und Veralteten. Denn nach einer letzten Hochphase dieses Unterhaltungsmodells Ende des 19. Jahrhunderts war das Wachsfiguren-kabinett zu Lists Zeiten bereits aus der Mode gekommen. Lists Interesse galt der Verlebendigung der Szenen durch die Kamera und dem gleich darauf folgenden Zerbrechen der Illusion. Seinem Buch gab er den Anschein eines Führers durch eine künstliche Welt. Die Ausstellung rekonstruiert erstmals das nie erschienene Buch, für das er selbst einen Text beisteuerte, und zeichnet in ihrem ersten Teil die Geschichte der Veröffentlichung von Lists Fotografien nach.

DIE PUBILKATIONSGESCHICHTE
Während es List in den Kriegsjahren nicht gelang, sein Buch zu veröffentlichen, begannen seine Bilder noch im Jahr ihrer Entstehung ein Eigen­leben zu führen. Es gehört zu den Paradoxien dieser Geschichte, dass die Wiener Fotografien des aus der Reichspressekammer ausge­schlossenen und von den NS-Rassegesetzten bedrohten List 1944 in einer Probenum­mer der Zeitschrift „Tele“ abgedruckt wurden, einer Kulturzeit­schrift, die als Geheimprojekt des Deutschen Auswärtigen Amts in Schweden erschien. Ihre Macher schufen so eine Nische für einen dezidiert „queeren“ Blick auf die Welt und für einen Künstler, der sich – mit den Worten der US-amerikanischen Schriftstellerin und Kritikerin Susan Sontag – dem „Camp“ verschrieb, der Lust an der Übertreibung, an Popkultur und Kitsch. Nach Kriegsende – im Jahr 1947 – druckte die drei Jahre zuvor gegründete Schweizer Zeitschrift für Grafik und angewandte Künste „Graphis“ Lists Fotografien mit einem Text von Erich Kästner ab. Die internationale, in drei Sprachen erscheinende Zeitschrift erschloss mit langen Bildstrecken und Artikeln das neue Feld der Gebrauchsgrafik. 2013 schließlich hatten Lists Bilder einen Auftritt in einer Ausstellungspräsen­tation der US-amerikanischen Fotokünstlerin Cindy Sherman für die Biennale di Venezia. Die Ausstellung im MK&G folgt diesen Spuren und zeigt die historischen Kontexte auf, die die Lektüren von Lists Werks über die Jahre verändert haben.

DER EROTISCHE BLICK
Der zweite Teil der Ausstellung richtet den Fokus auf den erotischen Blick Lists und widmet sich seiner Idee von einer Kunst, die berührt und nicht mehr aus der Distanz im „interesselosen Wohlgefallen“ betrachtet werden soll. Seit der Epoche der Klassik (1786-1832) sind wir als Betrachter*innen geschult, Skulpturen nicht zu berühren und die in der Kunst dargestellten Körper nicht zu begehren. List geht einen anderen Weg und setzt die Torsi griechischer Plastiken und die Körper junger Männer in seinen Bildern gleichermaßen erotisch in Szene. In abstraktem Schwarzweiß wird so Marmor zu Haut und Haut zu Marmor. Was aber passiert, wenn eine antikisierende Skulptur des Staatsbildhauers Arno Breker oder die Skulptur eines schlafenden Soldaten in der Großen Deutschen Kunstausstellung im Münchener Haus der Kunst zum Objekt des Begehrens wird? Wie funktionieren die subtilen Umdeutungen, die List für seine Fotografien nutzt? Gibt es einen schwulen Blick oder eine schwule Ästhetik?

BIOGRAFIE HERBERT LIST
Herbert List wurde 1903 als Sohn einer Hamburger Kaufmannsfamilie geboren. Während seiner Lehre bei einem Heidelberger Kaffeeimporteur besuchte er Vorlesungen in Literatur- und Kunstgeschichte, bevor er 1925 in die väterliche Firma eintrat. Durch die Begegnung mit dem Fotografen und Architekten Andreas Feininger wurde List zur künstlerischen Foto­grafie angeregt. Vom Kaufmannsberuf unerfüllt und als „Vierteljude“ durch die Nürnberger Rassengesetze bedroht, ging er 1936 ins Exil. Sein Weg führte über Paris und Italien nach Griechenland. Dort entstanden zahl­reiche seiner stilprägenden Fotografien, in denen er die Ansätze der Neuen Sachlichkeit mit dem Einfluss des französischen Surrealismus verband. Die Besatzung Griechenlands zwingt List 1941 zur Rückkehr nach Deutschland. Dort sucht er nach Möglichkeiten, in der gleichgeschalteten Presse zu publizieren, auch seine Versuche, in den Reichsverband deutscher Fotografen aufgenommen zu werden, scheitern. 1944 wird er zum Kriegsdienst eingezogen. Nach Kriegsende lässt er sich in München nieder, wo seine eindrucksvoll stille Dokumentation der kriegszerstörten Stadt entstand. 1950 wurde List durch das Engagement von Robert Capa Mitglied der Vereinigung Magnum Photos. Auf zahlreiche Reisen porträtierte er Menschen in ihrem alltäglichen Umfeld im Sinne der humanistischen Fotografie. 1964 wurde List mit der David-Octavius-Hill-Medaille der Gesellschaft deutscher Lichtbildner ausgezeichnet. Er verstarb 1975.

PUBLIKATION
Parallel zur Ausstellung erscheint das Buch „Herbert List. Panoptikum“ in einer bibliophilen Ausgabe nach dem Originalentwurf aus den 1940er Jahren, hg. von Monika Faber, Andreas Nierhaus, Peer-Olaf Richter ergänzt um einen Textband mit Beiträgen u.a. von Sandra Mühlenberend, Arne Reimer, Esther Ruelfs, Werner Michael Schwarz, 54 Euro

Die Ausstellung findet in Kooperation mit Bonartes Wien statt und zeigt Leihgaben aus dem Münchner Stadtmuseum und dem Herbert List Nachlass, Hamburg.