Pierre-Auguste Renoir ist einer der herausragenden Maler des französischen Impressionismus – und weit mehr als das. Das Städel Museum befasst sich in einer groß angelegten Sonderausstellung erstmals intensiv mit den überraschenden Bezügen seiner Kunst zur Malerei des Rokoko. Galt diese nach der Französischen Revolution zunächst als frivol und unmoralisch, so erlebte sie im 19. Jahrhundert eine fulminante Wiederbelebung und war zu Lebzeiten Renoirs überaus präsent. Als Porzellanmaler ausgebildet, war der Maler selbst bestens mit der Motivwelt von Künstlern wie Antoine Watteau, Jean-Baptiste Siméon Chardin, François Boucher und Jean- Honoré Fragonard vertraut. Renoir teilt mit dem Rokoko die Vorliebe für bestimmte Themen wie das Flanieren in Parkanlagen und am Flussufer, die Rast im Freien oder das Gartenfest. Ebenso widmete er sich der Darstellung häuslicher Szenen und befasste sich wiederholt mit dem familiären Beieinander sowie mit intimen Momenten wie dem Baden, Lesen oder Musizieren. Neben seiner Orientierung an der Motivwelt des Rokoko schätzte Renoir besonders die lockere und skizzenhafte Malweise sowie die leuchtende Palette dieser Werke, die sowohl für ihn als auch für zahlreiche weitere Künstlerinnen und Künstler im Umfeld des Impressionismus vorbildhaft waren.

Die Ausstellung im Städel stellt die komplexe Rezeptionsgeschichte des Rokoko im 19. Jahrhundert in Frankreich vor. Durch treffende Gegenüberstellungen der Kunst Renoirs mit Werken des 18. Jahrhunderts sowie seiner Zeitgenossen – Edgar Degas, Édouard Manet, Claude Monet oder Berthe Morisot – entsteht ein Einblick in die vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Rokoko im Impressionismus.

„RENOIR. ROCOCO REVIVAL“ wird von der Sparkassen-Finanzgruppe mit der Deutsche Leasing AG, der Frankfurter Sparkasse und dem Sparkassen-Kulturfonds des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes als einem Hauptförderer unterstützt. Maßgeblich ermöglicht hat die Ausstellung der Städelsche Museums-Verein e.V. mit den STÄDELFREUNDEN 1815. Eine weitere Unterstützung erfährt das Vorhaben durch die Dagmar-Westberg-Stiftung.

Ausgehend von bedeutenden Kunstwerken aus der Sammlung des Städel Museums, wie etwa Renoirs Nach dem Mittagessen, 1879, oder Antoine Watteaus Die Einschiffung nach Kythera, ca. 1709/10, präsentiert „RENOIR. ROCOCO REVIVAL“ insgesamt rund 120 herausragende Gemälde, Arbeiten auf Papier, Skulpturen und kunsthandwerkliche Objekte aus internationalen Museen, darunter die National Gallery of Art in Washington, D.C., das Musée d’Orsay in Paris, die National Gallery in London, das Metropolitan Museum of Art in New York und das J. Paul Getty Museum in Los Angeles sowie aus privaten Sammlungen.

„Das erste Ausstellungshighlight im Frankfurter Städel 2022 ist dem Meister des Impressionismus und seiner Rokoko-Leidenschaft gewidmet. Damit knüpft ‚Renoir. Rococo Revival‘ nicht nur an vorangegangene große Ausstellungen zur französischen Kunst der Moderne im Städel an, sondern schließt auch so manche Lücke in einem noch überraschend wenig erforschten Themenfeld des Impressionismus. Dass wir diese Ausstellung in Zeiten der Pandemie vollumfänglich planen und umsetzen konnten, verdanken wir dem herausragenden Einsatz und Engagement von allen Beteiligten, den leihgebenden Museen sowie unseren Förderern und Partnern. Es ist ein großes Glück, sie alle an der Seite des Städel Museums zu wissen“, so Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums.

„Es ist uns ein wichtiges Anliegen, bundesweit Kultur-Leuchttürme zu fördern. Die Zusammenarbeit anlässlich dieser Ausstellung ist ein weiterer Höhepunkt in der jahrelangen Partnerschaft mit dem Städel Museum. Die Schau bietet die einmalige Chance, in der Gegenüberstellung mit Werken des Rokoko die Kunst Renoirs neu zu entdecken und Verbindungslinien zwischen den Epochen nachzuvollziehen“, erläutert Heike Kramer, Direktorin Gesellschaftliches Engagement des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Die Unterstützung als Hauptförderer erfolgt gemeinsam mit der Deutsche Leasing AG und der Frankfurter Sparkasse. Kramer ergänzt: „Perspektiven erweitern, neue Verbindungen herstellen und Verständigung fördern – das ist ein wesentlicher Teil der Kraft von Kunst. Gleichzeitig ist es auch Antrieb und Ziel von Museumsarbeit und die Motivation der Sparkassen- Finanzgruppe zur Förderung dieser Ausstellung.“

Sylvia von Metzler, Vorsitzende des Vorstands des Städelschen Museums-Vereins e. V., über das Engagement: „Kunst zu entdecken, zu erleben und zu ermöglichen, dafür steht der Städelsche Museums-Verein seit mehr als 122 Jahren. Es ist unser erstes Anliegen, sowohl durch bedeutende Ankäufe zur Erweiterung der Sammlung des Städel Museums beizutragen als auch das vielbeachtete Ausstellungsprogramm zu unterstützen – vor allem mit dem Förderkreis der STÄDELFREUNDE 1815, dessen Mitglieder sich in besonderer Weise für diese Aufgabe starkmachen. Mit Renoir steht ein Liebling des Publikums im Zentrum, eine der prägenden Künstlerpersönlichkeiten der französischen Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Woher Renoir seine Inspiration nahm und warum seine Werke bis heute so charmant erscheinen, davon wird uns diese Ausstellung erzählen.“

„Unsere Ausstellung regt dazu an, die facettenreichen Bezüge Renoirs und seiner Zeitgenossen zum 18. Jahrhundert in ihrer ganzen Vielseitigkeit zu erkunden. Tradition und Moderne befinden sich gerade bei Renoir in einem fruchtbaren Wechselspiel: Seine Neuinterpretationen altbekannter und wieder in Mode gekommener Sujets der Kunst des Rokoko wie seine modernen Fêtes galantes, Genre- und Boudoirszenen, Aktdarstellungen und Stillleben integrierten sich vortrefflich in die üppig mit Möbeln im Stil des Rokoko ausgestatteten Interieurs seiner Sammler“, so das Kuratorenteam Alexander Eiling, Juliane Betz und Fabienne Ruppen.

THEMEN DER AUSSTELLUNG
Gemälde einer vermeintlich sorgenfreien Welt, bevölkert von prachtvoll gekleideten Menschen, die sich dem Amüsement und der Zerstreuung hingeben, haben das Bild des Rokoko geprägt. Der Begriff Rokoko bezieht sich auf einen spätbarocken Dekorationsstil, der zwischen 1715 und 1780 in Architektur, Kunst und Kunstgewerbe, Mobiliar und Mode vorherrschte. Nach der französischen Revolution 1789 galt dieser zunächst als unmodern und rückwärtsgewandt: „rococo“ wurde umgangssprachlich sogar zum Synonym für schlechten Geschmack. Ab den 1830er- Jahren erfuhr der Stil allerdings einen beispiellosen Aufschwung, so dass man heute von einem „Rococo-Revival“ im 19. Jahrhundert spricht. Die damals zunehmende Wertschätzung von Kunst und Kultur des vorangegangenen Jahrhunderts erklärt sich auch vor dem Hintergrund der im Entstehen begriffenen Nationalstaaten. In Frankreich sahen Sammler, Kunstkritiker oder Schriftsteller im Rokoko die höchste Verkörperung eines genuin französischen Stils. Neben Ausstellungen und wachsenden Sammlungsbeständen etwa im Musée du Louvre trug zu Pierre-Auguste Renoirs Lebzeiten (1841–1919) auch die Verbreitung von vielbeachteten Schriften (beispielsweise der Brüder Goncourt) und druckgrafischen Reproduktionen von Rokoko-Werken in Kunstzeitschriften zu einer erhöhten Sichtbarkeit der Kunst des 18. Jahrhunderts bei.

Renoirs künstlerische Verbindungen zum Rokoko erwiesen sich bereits zu Beginn seiner Karriere als besonders eng und sollten bis zum Ende seines Lebens nicht abreißen. Inspiration für seine Arbeit lieferte ihm zufolge vor allem die Sammlung des Louvre, wo ihn unter anderem Gemälde von François Boucher und Antoine Watteau nachhaltig beeinflussten. Am Beispiel der ersten Fassung von Watteaus Die Einschiffung nach Kythera von 1709/10 (Städel Museum) wird Renoirs Auseinandersetzung mit den Themen und der Bildsprache des Rokoko deutlich. Das Gemälde steht am Beginn der Ausstellung Renoirs Werken Frau mit einem Fächer von ca. 1879 (The Clark Art Institute, Williamstown) und Der Spaziergang von 1870 (J. Paul Getty Museum, Los Angeles) gegenüber.

Die Protagonistinnen und Protagonisten in den Bildern von Renoir und seinen Zeitgenossen gehören nicht mehr dem Adel an, sondern der Bourgeoisie, die sich an Orten der urbanen Freizeitkultur vergnügt – sei es in blühenden Pariser Parks und Gärten wie die Frau mit einem Sonnenschirm von 1875 (Museo Nacional Thyssen Bornemisza, Madrid), in Gartencafés wie in Nach dem Mittagessen (1879, Städel Museum) oder in der Oper wie bei Im Theater (1876/77, The National Gallery, London). Anders als die idealisierten Naturkulissen in Rokoko-Gemälden lassen sich die von Renoir wiedergegebenen Orte des bürgerlichen Vergnügens oft genau benennen. Beispielsweise hält er in seinem Gemälde Ruderer bei Chatou von 1879 (National Gallery of Art, Washington, D.C.), das motivisch an Watteaus Die Einschiffung nach Kythera erinnert, keine fiktive Liebesinsel aus der Mythologie fest, sondern ein populäres Ausflugslokal an der Seine. Damit formuliert er eine persönliche, moderne Spielart der Fêtes galantes oder Fêtes champêtres, die Künstler wie Watteau und dessen einziger Schüler Jean-Baptiste Pater im 18. Jahrhundert als Bildtypus etabliert hatten. Durch solche Bezugnahmen versprach sich Renoir nicht zuletzt kommerziellen Erfolg auf dem Kunstmarkt.

Die Vielschichtigkeit von Renoirs Rokoko-Rezeption wird auch in weiteren künstlerischen Medien sichtbar, vor allem im Bereich der Zeichnung. Eine besondere Vorliebe hegte er für Zeichentechniken des 18. Jahrhunderts: die Pastellmalerei sowie die Trois-crayons-Technik. Bei Letzterer handelt es sich um eine Kombination von drei Kreiden (Rötel, schwarze und weiße Kreide). Renoir hat sie, wie seine Vorgänger Watteau, Nicolas Lancret oder Boucher, sowohl für Skizzen als auch für eigenständige Zeichnungen verwendet. Die Pastellmalerei nutzte er hingegen vorwiegend für repräsentative Porträts. Die Ausstellung präsentiert Skizzen und eigenständige Zeichnungen Renoirs neben herausragenden Werkbeispielen von Künstlern des Rokoko.

Ein weiterer zentraler Aspekt, der Renoir mit der Kunst des 18. Jahrhunderts verbindet, ist das Interesse an der Décoration, dem Zusammenspiel von Malerei und Kunsthandwerk. In seinen wenigen theoretischen Schriften forderte Renoir in Anbetracht der zunehmenden Mechanisierung, die gravierende Folgen für das Kunsthandwerk hatte, eine stärkere Verknüpfung von bildender und angewandter Kunst, wie sie im 18. Jahrhundert üblich gewesen war. Von Beispielen aus seiner Ausbildung zum Porzellanmaler über Wandgemälde, die Auftragsarbeiten für sein breites Netzwerk waren, finden sich zahlreiche „dekorative“ Werke in Renoirs Schaffen. In der Ausstellung wird dies beispielhaft an Gemälden gezeigt, die in und für den Landsitz seines Förderers Paul Berard, das Château de Wargemont in der Normandie, entstanden sind.

Das Boudoir galt zu Renoirs Zeiten als Inbegriff des Rokoko. Dem Studierzimmer (cabinet) des Herren entsprechend, diente es seit dem 18. Jahrhundert der Frau als Rückzugsmöglichkeit und bildete in der Literatur und der Kunst die Kulisse für erotische Fantasien. Der Meister der Boudoir-Darstellungen war François Boucher. Dessen Kunst wurde ebenso wie der Raum als solcher ab dem späten 18. Jahrhundert von Denis Diderot als moralisch bedenklich kritisiert. Eine oft konfrontativ sinnliche Darstellungsweise blieb auch für Boudoirszenen des 19. Jahrhunderts kennzeichnend, wie eine Gegenüberstellung von Bouchers Gemälde Ruhendes Mädchen (Louise O’ Murphy) von 1751 (Wallraf-Richartz- Museum & Fondation Corboud, Köln) mit Renoirs Werk Liegender Akt (Gabrielle) von 1903 (Szépmüvészeti Múzeum, Budapest) zeigt.

Die Ausstellung verdeutlicht, dass der weibliche Akt zeitlebens ein zentrales Thema in Renoirs Gesamtwerk bildete. Renoir inszenierte seine Modelle vielfach als Badende vor landschaftlichen Kulissen. Vor allem Kompositionen von Boucher und Jean-Honoré Fragonard in der Sammlung des Louvre dienten ihm dabei als Vorbilder. Die freie und lebendige Pinselführung dieser Rokoko-Künstler sowie die pastellhafte Farbigkeit wirkten sich unmittelbar auf die Malweise Renoirs und seiner Zeitgenossen aus. Wie seine Vorbilder verortete Renoir seine Badenden zumeist fernab der Realität in einer undefinierten Umgebung, so etwa in den Gemälden Weiblicher Akt in einer Landschaft (Musée de l’Orangerie, Paris) und Badende mit Krabbe (Carnegie Museum of Art, Pittsburgh). In Anlehnung an die Werke des 18. Jahrhunderts stehen Renoirs Badende für eine offensive Hinwendung zur Sinnlichkeit: Der weibliche Körper galt dem Künstler als vollkommen und bildete deshalb den idealen Ausgangspunkt für seine malerische Erkundung des Schönen.

In Renoirs Werk finden sich darüber hinaus zahlreiche Genredarstellungen und Rollenporträts, die Motive der Malerei des 18. Jahrhunderts variieren und geschickt aktualisieren. Häufig verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Porträt und Genremalerei. Letztere gibt zumeist Alltagsszenen wieder und zielt auf die Erfassung eines bestimmten Typs, bei Renoir etwa einer jungen Schauspielerin im Theaterkostüm (Madame Henriot ‚en travestie‘, Columbus Museum of Art, Ohio) sowie von lesenden oder handarbeitenden Frauen in häuslicher Umgebung (Porträt der Madame Monet, The Clark Art Institute, Williamstown). Ab den 1890er-Jahren beschäftigte sich Renoir zudem verstärkt mit dem Themenkreis des Musizierens, der schon im 18. Jahrhundert vielfach behandelt wurde (Gitarre spielende Frau, Musée des Beaux-Arts de Lyon). Neben diesen eher heiter gestimmten Motiven wandte sich Renoir Darstellungen zu, die eine moralische Lesart nahelegen und junge Frauen mit scheinbar nachlässiger Kleidung zeigen (Im Sommer, Alte Nationalgalerie, Berlin). Er orientierte sich dabei abermals an Werken des 18. Jahrhunderts, vor allem von Jean- Baptiste Greuze.

Zwar sah Renoir sich selbst als „Figurenmaler“, dennoch spielte auch die Landschaft als Motiv eine bedeutende Rolle, vor allem auf seinen Reisen. Der Künstler schätzte die Lichtsituation en plein air, die ihn zur Verwendung anderer Farbtöne anregte. Die in der Ausstellung gezeigten Landschaftsansichten in unterschiedlichen Medien, von der Öl- über die Aquarellmalerei bis zur Federzeichnung, veranschaulichen Renoirs variantenreiche und individuelle Strich- und Pinselführung. Besonders in Aussagen zu seiner Mal- und Zeichenweise bezog sich der Künstler wiederholt auf das 18. Jahrhundert. Auch Kritiker sahen in der lockeren Pinselschrift seiner wie auch anderer impressionistischer Gemälde eine Parallele zum skizzenhaften Duktus der Rokoko-Malerei, vor allem zu den Werken Fragonards.

Für Renoirs fortwährende Auseinandersetzung mit der Malerei als solcher bildete die Gattung des Stilllebens schließlich ein wichtiges Experimentierfeld. Einige seiner zahlreichen Stillleben orientieren sich deutlich an der Kunst von Jean-Baptiste Siméon Chardin, dem bedeutendsten Stilllebenmaler des 18. Jahrhunderts. In diesen Gemälden geht es weniger um den symbolischen Gehalt der abgebildeten Gegenstände als um das Erkunden der Möglichkeiten der Malerei. Im Fall von Renoir spielte zudem, wie auch für andere Impressionisten, die Beliebtheit der dekorativen Motive bei den Sammlern eine Rolle.