Ein Motorradfahrer rast mit grell aufgeblendetem Scheinwerfer direkt auf uns zu. In seiner Geschwindigkeit zieht er alle Aufmerksamkeit auf sich, transportiert den Geruch von Asphalt und Benzin in das anonyme Hotelzimmer, über dessen TV- Bildschirm er rauscht. Das Bild stammt aus der Serie Little Screens, mit der Lee Friedlander den Siegeszug der TV-Geräte als welterklärendes Massenmedium im amerikanischen Alltag thematisiert. Ihre Veröffentlichung 1963 in Harper’s Bazaar begründet den Erfolg von Friedlander als einem Künstler, der heute zu den einflussreichsten Fotograf*innen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört.

Mit der Lee Friedlander . Retrospektive feiert bei C/O Berlin nun eine Ausstellung ihre Deutschland-Premiere, die das sechs Jahrzehnte umspannende Werk des US- amerikanischen Meisters präsentiert: von seinen Anfängen als junger Fotograf, der Jazz-Legenden für Plattencover fotografiert, über seine ersten nicht-kommerziellen Projekte, die während ausgedehnter Roadtrips in den USA und Europa entstehen, bis hin zu seiner fotografischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst und seiner Familie. Trotz der schieren Masse an Bildern besitzen seine Fotografien in ihrer visuellen Essenz einen einzigartigen Wiedererkennungswert. Friedlander, der bis heute noch täglich fotografiert, verbindet eine intuitive Experimentierfreude mit einem beeindruckenden Gedächtnis über kulturelle Referenzen. Mit Leichtigkeit visualisiert er US-amerikanische Geschichtsschreibung im öffentlichen Raum und liefert fotografische Sozialstudien anhand von Schaufenstern und Straßenszenen. In seinen Selbstporträts verwendet er bewusst Schattenrisse und Spiegelungen und revolutioniert so ein Genre, das solche Bildkomponenten bis dato tunlichst vermeiden wollte – sie galten schlicht als Fehler. Immer wieder gelingt es Friedlander, festgesteckte Grenzen in der Fotografie zu seinen Gunsten zu verschieben. Sowohl fotografische Stilmittel von Vorbildern wie Eugène Atget, Robert Frank oder Walker Evans als auch unterschiedliche, formalästhetische Ansätze setzt er harmonisch in Verbindung, so dass sie in ihrer Neugestaltung zu integrativen Bestandteilen seines eigenen Werks werden. Ihm geht es dabei weniger um den viel zitierten ‚decisive moment‘ (Henri Cartier-Bresson), sondern um ein ‚decisive framing‘ bei der Bildkomposition: nicht der entscheidende, fotografische Moment steht also im Vordergrund, sondern die Konstruktion unterschiedlicher Bildebenen. Einzelne Elemente fügen sich bei Friedlander assoziativ zusammen und eröffnen so neuartige Bedeutungszusammenhänge. Ebenso facettenreich wie seine Arbeiten sind auch die Gefühle, welche sie bei den Betrachter*innen auslösen – von Erheiterung über Kontemplation bis hin zu Unbehagen.

Die Ausstellung Lee Friedlander . Retrospektive bietet einen vollständigen, chronologischen Überblick über sein künstlerisches Schaffen. Friedlander gruppiert seine Arbeiten fast immer in Bildserien, die er über Jahre hinweg zusammenfügt, weiterentwickelt und stetig aktualisiert. Neben Projekten, aus denen seine viel beachteten Bücher hervorgegangen sind wie The Little Screens (1963), The American Monument (1976) und America by Car (2010), zeigt die Ausstellung auch eine Vielzahl von Porträts, Selbstporträts, Familienfotos, Naturaufnahmen und Stadtansichten.

Im Laufe der Jahre entfalten seine Bilder ihre tiefere Sinnhaftigkeit, offenbaren ihre sich fortschreibende Gültigkeit bei der Darstellung der sozialen Landschaften von Amerika und zählen daher heutzutage zu den fotografischen Ikonen des US-amerikanischen Alltags. 35 Jahre nach seiner ersten Ausstellung im US Information Center im Berliner Amerika Haus liefern nun bei C/O Berlin rund 350 Fotografien, über 50 Bücher als auch begleitendes Material unterschiedlichste Zugänge zum stilprägenden Oeuvre von Lee Friedlander. Die Ausstellung wurde kuratiert von Carlos Gollonet, Fundación MAPFRE, in Zusammenarbeit mit Felix Hoffmann, C/O Berlin Foundation. Gefördert durch die C/O Berlin Friends.

Lee Friedlander (*1934, USA) begann mit 14 Jahren zu fotografieren und studierte bis 1955 an der Art Center School Los Angeles bei Edward Kaminski. Danach zog Friedlander nach New York, wo er Diane Arbus, Robert Frank und Garry Winogrand kennenlernte. Stipendien der Guggenheim Foundation in den Jahren 1960 und 1962 ermöglichten es ihm, nicht-kommerzielle Projekte zu verfolgen. Als Vertreter der Straßenfotografie setzte er sich mit dem urbanen Raum auseinander, fotografierte außerdem Alltagssituationen und inszenierte sich selbst vor der Kamera. Im Jahr 1967 nahm er an der legendären, von John Szarkowski organisierten Ausstellung New Documents im Museum of Modern Art (MoMA) in New York teil. In 2005 zeigte das MoMA eine umfassende Retrospektive seiner Werke. Friedlanders Fotobücher sind längst Meilensteine des Mediums, darunter Self Portrait (1970), The American Monument (1976), Nudes (1991) und America by Car (2010). Im Jahr 2005 erhielt er den Hasselblad Foundation Award. Friedlanders Arbeiten sind in den bedeutendsten Fotosammlungen der Welt vertreten.