Neue Perspektiven auf Schlüsselwerke der Moderne
Die Intervention „Die Sammlung. Befragen und Weiterdenken“ ist ein weiterführender Teil der aktuellen Kampagne „Die Sammlung. Weiterdenken“. Entlang der Frage „Was repräsentiert eine Sammlung?“ werden in mehreren Kapiteln individuelle Werke der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen näher vorgestellt.

Zugleich knüpft das Format an aktuelle gesellschaftliche Diskussionen an und möchte einen Perspektivwechsel auf die Ideen und Theorien der Moderne ermöglichen. Ziel ist es, in der Sammlung des K20 einen Raum zu bieten, in dem sich die Besucher und Besucherinnen mit den historischen, sozialen und politischen Entstehungsbedingungen zentraler Schlüsselwerke der klassischen Moderne auseinandersetzen können. Gezeigt werden einzelne Sammlungswerke in neuen Dialogen, historische Fotografien in einer Vitrine sowie erweiterte Bilderschilder und Wandtexte. Zudem wird eine Auswahl an thematischer Literatur in der Rotunde mit Sitzecke zur Verfügung stehen. Geplant ist, die einzelnen Interventionen auf der Webseite der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zu archivieren.

Gezeigt werden folgende Kapitel:
Das Erbe Werner Schmalenbachs
Die Gründung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Juli 2021 – Dezember 2021

Im Wandel der Zeit
Zum Umgang mit kolonialen Vorstellungen und Traditionen
Ab Frühjahr 2022

Lücken und Leerstellen
Die wegweisenden Malerinnen der Moderne
Ab Sommer 2022

Werner Schmalenbach und die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Als die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen 1961 gegründet wurde, hatte sich der Kanon der Moderne bereits gefestigt. Auch der Gründungsdirektor Werner Schmalenbach (1920– 2010) folgte der westlichen Kunstgeschichte bei dem Aufbau einer konzentrierten und exzellenten Sammlung für das neue Landesmuseum. Während seiner 28-jährigen Tätigkeit hat er eine Reihe außergewöhnlicher Gemälde zusammengetragen, die international zu den unumstrittenen Schlüsselwerken der europäischen und US-amerikanischen Kunst gehören. Zugleich schärfte Schmalenbach den Nachkriegskanon durch seine präzisen Erwerbungen herausragender „Meisterwerke“. Sein Sammlungsaufbau ging einher mit einem klassischen Museumsentwurf, der eine lineare Entwicklung der Kunstgeschichte abbildete. So kam es auch, dass er seinen „elitären Qualitätsbegriff“ immer wieder gegenüber der öffentlichen Kritik verteidigen musste. Kurz vor Ende seiner Amtszeit begleitete Schmalenbach den Umzug der Sammlung aus dem Schloss Jägerhof (heute das Goethe-Museum Düsseldorf) an den 1986 fertiggestellten Neubau am Grabbeplatz.

Die Idee der Abstraktion in der Moderne
Für Werner Schmalenbachs Verständnis der Moderne nahm Pablo Picasso eine Schlüsselrolle ein. Er fungierte als Synonym, Stellvertreter und Projektionsfläche für die wechselvollen Stilentwicklungen der Avantgarde. So zeige das Bild „Femme au miroir“ – Schmalenbach zufolge – wie Picasso mit „modernen Eingriffen“ gezielt versucht habe, seine „klassische Grundhaltung“ zu brechen. Mit Blick auf eine Skizze, die Picasso beiläufig auf einer Zigarettenschachtel in einem Pariser Café festhielt, werde außerdem deutlich, dass sich auf dem Bild die kubistischen Dreiecksformen im Spiegel aus den Konstruktionslinien ergeben. Schmalenbach sah in Picasso einen Maler, der die Abbildhaftigkeit des Bildes im Anschluss an die geometrische Abstraktion neu belebte.

Umgekehrt erkannte Schmalenbach in Maria Helena Vieira da Silvas „Les Drapeaux“, dass die Malerei in der Sprache der Abstraktion eine bildliche Wirklichkeit evozieren konnte. Das Bild entwerfe – nach Schmalenbach – einen „unperspektivischen Raum“ und lasse kurz vor Beginn des Krieges „die Wirklichkeit als Phantom“ und zugleich als „reale Bedrohung“ erscheinen. So habe sich Vieira da Silva sowohl von den „gegenständlichen“ wie den „geometrischen Fesseln“ befreit. Ihre Gemälde erfüllten die damals gültigen Maßstäbe und konnten Einzug in Schmalenbachs Sammlung der Moderne und Nachkriegskunst halten. Zudem war sie eine der wenigen Künstlerinnen, die im Kontext der Nouvelle École de Paris bekannt geworden ist. Den Ankauf dieses frühen Gemäldes – so Schmalenbach retrospektiv – habe er als einen „persönlichen Fehler“ bereut und hätte stattdessen eines ihrer späteren Werke bevorzugt.

Vieira da Silva und Picasso im Dialog
Vieira da Silva malte „Les Drapeaux“ im August 1939 in ihrem Pariser Wohnatelier auf dem Boulevard Saint-Jacques. Kurz darauf, am 3. September 1939, nachdem die Nationalsozialisten in Polen eingefallen waren, erklärten England und Frankreich Deutschland den Krieg. Noch im selben Monat flüchteten Vieira da Silva und ihr ungarisch-jüdischer Mann Árpád Szenes nach Lissabon. Im Juni 1940 reisten sie weiter nach Brasilien und lebten bis 1947 im Exil in Rio de Janeiro. 1955 wurde „Les Drapeaux“ auf der documenta I in Kassel gezeigt. Drei Jahre später war es bei Vieira da Silvas erster Retrospektive in der Kestner Gesellschaft in Hannover zu sehen, die damals unter der Leitung von Werner Schmalenbach stand. Später reiste das Bild nach Mannheim, Turin und Grenoble. Zusammen mit Lee Bontecou, deren unbetiteltes Werk als Schenkung in die Sammlung einging, ist Vieira da Silva die einzige Künstlerin, deren Arbeiten unter der Leitung Schmalenbachs für das Landesmuseum erworben wurden.

„Femme au miroir“ ist am 16. Februar 1937 entstanden. Zu der Zeit verbrachte Picasso die Wochenenden mit Marie-Thérèse Walter und ihrer gemeinsamen Tochter in einem Landhaus in Le Tremblay-sur-Mauldre, süd-östlich von Paris. Wenige Wochen später, am 26. April 1937, wurde die baskische Stadt Guernica durch einen Luftangriff der spanischen Franco-Truppen im Bündnis mit der deutschen Legion Condor zerstört. Hunderte Zivilisten kamen ums Leben. Als unmittelbare Reaktion auf das Ereignis begann Picasso mit seinen Studien für das monumentale Anti-Kriegs-Gemälde „Guernica“. 1939 wurde „Femme au miroir“ erstmals in der Galerie Paul Rosenberg in Paris präsentiert. Während des Zweiten Weltkrieges war es in einer Wanderausstellung zur französischen Malerei in den USA zu sehen. Anschließend wurde es in weiteren Ausstellungen in New York, später in San Francisco, Philadelphia und Boston gezeigt.