Mit Reines Vergnügen zeigt das Kunsthaus Hamburg die erst institutionelle Einzel-ausstellung von Ilana Harris-Babou in Europa, die parallel zu ihrer Ausstellung Tasteful Interiors am ICA@UTC in Chattanooga, USA, 16.8. – 5.11.21 präsentiert wird. 
 
In ihren Videoarbeiten, Collagen und Skulpturen vereint Harris-Babou Humor mit scharfer Gesellschaftskritik und nimmt damit eine künstlerische Position ein, der es gelingt, rass-istische Strukturen und soziale Differenzen im Spiegel der westlich-hegemonialen
Konsum- und Medienkultur sichtbar zu machen.
 
Dabei bedient sie sich der Sprache populärer Werbeformate auf Youtube und Instagram, in denen sowohl Firmen ihr Marken-Image entwerfen als auch eine vornehmlich jüngere Generation ihren Warenkonsum als Lifestyle im Alltag, beim Kochen oder beim Heimwerken für die Kamera inszeniert. Hierin wird die Selbstermächtigung der Do-It-Yourself-Idee zum Paradigma der Selbstoptimierung, die neben praktischen Alltagstipps vor allem Effizienz, Performance und einen vermeintlich guten Geschmack propagiert.
 
Ihre Videoarbeiten präsentiert sie meist als räumliche Installationen in Kombination mit kleinformatigen Skulpturen oder Collagen. Die Absurdität dysfunktionaler – häufig getöpferter – Haushaltsutensilien und die selbstironische Performance der Künstlerin (zuweilen in Kooperation mit ihrer Mutter) persiflieren die Logik eines moralisch und ästhetisch optimierten Lifestyles. Mit ihren Arbeiten wie u. a. Reparation Hardware 
(2018) oder Human Design (2019) schafft sie einen Brückenschlag zwischen der obses-siven Ästhetisierung einer gegenwärtigen Wohlstandsgesellschaft, die jegliche Ungleichheit durch vermeintlich „authentisches“ Design nivelliert und dem Trauma der Kolonial-geschichte, das bis heute die Realität vieler Afroamerikaner prägt.

Über den amerikanischen Kontext hinaus lassen sich in den Arbeiten allerdings auch viele Parallelen zu europäischen Verhältnissen finden, in welchen sowohl struktureller Rassismus als auch Privilegien einzelner Gesellschaftsgruppen im Alltag tief verankert sind.
 
In ihren neuesten Arbeiten Decision Fatigue und Leaf of Life (2020) beschäftigt sich Harris-Babou mit dem Boom der Wellness-Industrie und ihren populären Heils-versprechen. Dabei bezieht sie sich vor allem in der Mehrkanalinstallation Leaf of Life auf Narrative von Verschwörungstheorien, Gesundheitsgurus und evangelikalen Nationalisten. Sie entwirft eine imaginäre Wirklichkeit, in der sie die Selbstbestermächtigung der Schwarzen als heilende Kraft gegen die Trugbilder einer idealisierten Wellness-Kultur wirken lässt. Die Arbeit verbindet fiktive Momente mit Geschichten von persönlichem und kollektivem Verlust sowie den Defiziten im (amerikanischen) Gesundheitssystem. Gerade durch die Pandemie wird ebenso deutlich, welche eklatanten Ungleichheiten die Gesund-heitsversorgung auch weltweit bestimmen. Die Arbeit entstand im letzten Jahr vor dem Hintergrund des amerikanischen Machtwechsels und der zahllosen Covid-19-Toten in Amerika. Sie ist damit nicht nur auf dramatische Weise hochaktuell, sondern verhandelt die Themen Gesundheit, Fürsorge und Wahrheit gleichzeitig auch als eine Frage von Hautfarbe, Privilegien und als allgemeingültig erklärter Narrative.

Kuratorin: Katja Schroeder 

Ilana Harris-Babou (*1991, Brooklyn, NY) hat in den USA und Europa ausgestellt, zuletzt in Einzelausstellungen im ICA @UTC (Chattanooga), Jacob Lawrence Gallery (Seattle), The Museum of Arts & Design und HESSE FLATOW (New York). Weitere Ausstellungsorte sind das CCA Wattis Institute (San Francisco), das Queens Museum (New York), die Istanbul Design Biennale (Istanbul), die Kunsthal Charlottenborg (Kopenhagen), die Whitney Biennale (New York), das Jewish Museum, das Sculpture Center und das Studio Museum in Harlem. Sie hat einen MFA in Visual Art von der Columbia University und einen BA in Kunst von der Yale University.