Physische Distanz zu anderen Personen zu halten, Menschenansammlungen zu meiden, die Reduktion von Kontakten – Abstand und Isolation (die Trennung von Populationen) versprechen in Zeiten der Pandemie persönliche Gesundheit und die allgemeine Eindämmung der Virusverbreitung. Die Vereinzelung wird zu einem heilsamen wie solidarischen Akt.

Doch das Verhältnis von Nähe und Abstand, der Umgang mit Distanzen prägen unser gesamtes Dasein. Der Mensch ist ein Wesen, das durch und mit Berührungen lebt. Sie führen uns in die Welt des Körperlichen. Das kindliche Immunsystem baut sich durch selbige überhaupt erst auf. Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir ein Gespür dafür, welche Nähe schädlich, unangenehm, angemessen oder wohltuend ist. Wir halten uns von Feuer fern, bewegen uns auf Abstand zur Straße, gehen manchen Menschen aus dem Weg. All diese Beispiele bilden erlernte Techniken, die uns vor Gefahren schützen. Distanz zwischen sich und dem Alltag zu schaffen, zu konkreten Ereignissen oder Personen aufzubauen, bildet einen entscheidenden Teil des menschlichen Miteinanders. Doch wie verhält es sich mit einer verordneten Distanz? Mit dem auferlegten Verzicht auf Nähe?

Während einer Pandemie reicht das Abstandgebot weiter als 1,5 Meter: „Bleiben Sie zu Hause!“ Das bedeutet: Isolieren Sie sich, vermeiden Sie jeglichen physischen Kontakt, um sich und andere nicht in Gefahr zu bringen. Hören Sie auf, sich in soziale Gemeinschaft zu begeben!

Der dauerhafte Verzicht auf Nähe lässt menschliche Bedürfnisse verkümmern; fehlende Stimuli machen das Denken eng. Was bedeutet es für eine Gesellschaft, kontaktlos zu funktionieren? Wie entwickeln sich unsere Körper, unsere Gefühle und Ideen, wenn ihnen Bewegung, Begegnung und Austausch genommen werden? Was passiert mit der Kunst, wenn sie sich ausschließlich im Digitalen entfaltet, wenn wir sie nur noch eingeschränkt sinnlich wahrnehmen, nicht mehr erleben dürfen? Eine künstlerische Arbeit, zu der man sich nicht körperlich in Beziehung setzen, sich in Nähe oder Abstand bringen darf, die man nicht mittels Fühlen, Riechen oder gar Schmecken, in Bewegung und gepaart mit der eigenen Selbstwahrnehmung erschließen kann, ist ein anderes Kunstwerk, berührt (bestenfalls) anders.

Eins Komma Fünf ist eine Ausstellung, die sich dem Abstand und seiner Vielschichtigkeit widmet. Sie beleuchtet Formen der Verbundenheit über die Distanz hinweg und das, was letztere verändert.

Jeder Mensch bewegt sich in einem dynamischen System, auf einer Achse zwischen zwei Polen. Diese Achse heißt Abstand. Die Pole, zwischen die diese Achse eingespannt ist, nennen sich Berührung und Kontaktlosigkeit – Isolation. Je nach Situation nähert man sich dem einen oder anderen Pol, geht kurzfristig in ihm auf, um dann wieder fort zu streben und gemeinsam um die Achse des Abstands zu rotieren.

Die Ausstellung wird unterstützt durch Kultursommer Rheinland-Pfalz.