Im Mittelpunkt der Studio-Ausstellung „Picasso – Fotografie und Mythologie“ stehen die Fotomontagen der Mappe Diurnes, die Picasso gemeinsam mit dem befreundeten Fotografen André Villers in den 1950er- und 1960er-Jahren erschuf. Picasso lernte im Jahr 1953 im südfranzösischen Vallauris den 22-jährigen André Villers kennen, der sich dort seit seinem 17. Lebensjahr aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung in einem Sanatorium aufhielt. Picasso schenkte Villers seine erste Kamera, eine Rolleiflex, mit der der junge Franzose in der Folgezeit seine fotografische Weltkarriere begründen sollte. Er schuf ikonische Porträts von Künstlern wie Salvador Dalí, Le Corbusier, Alexander Calder und Picasso. 

Inspiriert durch Henri Matisse begann Picasso in den 1950er-Jahren mit Scherenschnitten zu experimentieren und kreierte eine Vielzahl kleinformatiger Papier- und Metallarbeiten. André Villers erinnert sich an Picassos Idee zu Beginn der Zusammenarbeit: „Wir müssen unbedingt etwas zusammen machen. Ich schneide kleine Figuren aus, und du fotografierst sie. Mit dem Sonnenlicht kannst du die Schatten betonen. Du musst Tausende von Aufnahmen machen.“ 

Höhepunkt der nahezu 10-jährigen Kooperation bilden die 30 hier ausgestellten Fotomontagen der 1962 von dem Galeristen Heinz Berggruen edierten Mappe Diurnes, in denen Villers Picassos Scherenschnitte mit seinen Fotografien kombiniert. Durch Mehrfachbelichtungen treten Picassos in ihrem Darstellungsgestus teilweise kindlich anmutenden Scherenschnitte in Dialog mit Villers Bildern seiner fotografischer Erkundungsreisen der provenzalischen Landschaft. Der Titel Diurnes (dt. „am Tage” oder „Tagfalter“) verweist poetisch ambivalent sowohl auf die durch Licht bestimmte Materialität von Fotografien, als auch auf das Ensemble der mythologischen Figuren, die Picassos mediterrane Bildwelten bevölkern und nur flüchtig in Erscheinung treten. Picasso führte in diesem Zusammenhang aus: „Es ist seltsam, in Paris zeichne ich nie Faune, Kentauren oder mythologische Helden, man könnte sagen, dass sie nur hier leben.“ 

Im Rahmen der Ausstellung treffen die Fotomontagen aus Diurnes auf im zeitlichen Umfeld entstandene Lithografien und Linolschnitte Picassos aus den Sammlungsbeständen des Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, die von Fotografien David Douglas Duncans ergänzt werden. Der mit Picasso befreundete Dichter Jacques Prévert steuerte zu Diurnes einen poetischen å bei, der am Ende des Ausstellungsparcours in deutscher Übersetzung zu lesen ist. 

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich Picasso intensiv mit dem noch jungen Medium der Fotografie. Laut den Memoiren seiner damaligen Lebensgefährtin Fernande Olivier gestand Picasso ihr unter dem Einfluss von Haschisch: „Ich habe die Fotografie entdeckt. Jetzt kann ich mich umbringen. Es gibt nichts mehr, was ich noch lernen könnte.“ Picasso, der genaue Kenntnisse über die Entwicklungstechnik besaß, dienten Fotografien ab der Jahrhundertwende zunächst zur Dokumentation und Kontrolle des künstlerischen Schaffensprozesses. Insbesondere in den 1910er-Jahren nutzte Picasso schließlich immer wieder gezielt fotografische Vorlagen für die Erschaffung von Porträts. 

In diesem Zeitraum begann Picasso in seinem Atelier in der Rue Schoelcher auch mit der Kreation von Serien fotografischer Selbstporträts, in denen er sich in unterschiedlichen Verkleidungen wahlweise als Geschäftsmann, Ringer oder Handwerker in Szene setzte.

In den 1950er-Jahren erkundet Picasso neue Möglichkeiten im experimentellen Umgang mit fotografischem Material, die die künstlerischen Ausdrucksformen seines Spätwerkes erweitern. So entstehen in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Gjon Mili ikonische Zeichnungen mit Licht. Mili, der für das Life-Magazin arbeitete, experimentierte seit den 1930er-Jahren am Massachusetts Institute of Technology mit Blitzlicht- und Stroboskopeffekten. Als er Picasso Fotografien einer Eiskunstläuferin präsentierte, deren Sprünge durch winzige Glühbirnen an ihren Schlittschuhen eine Leuchtspur erzeugten, zeigte sich der spanische Künstler begeistert über die Möglichkeit durch Fotografien Skulpturen aus Licht zu erschaffen, indem er mit einer Taschenlampe in einem abgedunkelten Raum zeichnete. 

André Villers unterstützt Picasso auch bei dessen Ritzzeichnungen mit Cuttermessern auf fotografischen Glasplatten. Villers berichtet: „Ich brachte ihm Fotoplatten im Format 6 x 9 mit, die ich zuvor belichtet, entwickelt und fixiert hatte. Sein Auge sieht durch das Glas hindurch, sein Messer ritzt in die Gelatineschicht, und von den dünnen Silhouetten fallen feine Späne auf den Tisch wie bei einem Linolschnitt. Er schaut durch das transparente Gebilde und die Palmen des Gartens werden Teil der Landschaft; er akzentuiert die Sonnenstrahlen, dann zieht er mit der Breitseite der Klinge die Emulsion ab und bläst sie weg.“ Neben diesen Experimenten mit belichteten Fotoplatten begann Picasso in den 1960er-Jahren vermehrt direkt Diapositive mit Messern zu bearbeiten. 

Die für Diurnes von André Villers auf der Grundlage von Picassos Scherenschnitten erschaffenen Fotomontagen schöpfen Inspiration aus verschiedenen Schlüsselwerken der Moderne. Einerseits erinnern die Gesichtspartien der Kopfporträts an die dadaistischen Colla- gen Raoul Hausmanns. Andererseits verweist die Textur von Villers’ Hintergrundbildern von Kopfsteinpflaster, Baumrinde, Kieselsteinwegen, Straßen und Mauern auf Brassaïs Fotografien der archaischen, in die Pariser Häuserwände eingeritzten Graffitis, die 1956 in einer großen, von dem Fotopionier Edward Steichen kuratierten Ausstellung im Museum of Modern Art in New York einer breiten Öffentlichkeit präsentiert wurden.