Tinted Glass evoziert eine veränderte Wahrnehmung mit einem Davor und Dahinter, einem Innen und Außen. Die Kunsthalle Münster präsentiert die erste institutionelle Einzelausstellung von Charlott Weise in Deutschland. Die in Amsterdam lebende Künstlerin beschäftigt sich in ihren Werken mit der Repräsentation und Reproduktion von Weiblichkeit und ihrer Performanz. Diese untersucht sie in unterschiedlichen Bereichen wie Literatur, Mode, (Mainstream-)Medien und Theater. Zugleich bildet die Malerei und ihre reiche Geschichte einen wichtigen Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Auseinandersetzung. Ihre Praxis kann als eine Form des intuitiven visuellen Schreibens gesehen werden, in dem sie einer unbewussten, inneren Welt bestehend aus Beziehungen, Bildern und Obsessionen nachgeht. Dabei spielen weibliche Archetypen wichtige Rollen, die in banalen wie stilisierten Auseinandersetzungen auftauchen, wobei Theatralität zu einem zentralen Element der Werke wird, sowohl in den Narrativen innerhalb der Arbeiten als auch in ihrer räumlichen Inszenierung. 

Die Darstellungen folgen keinem singulären Narrativ, sondern zeigen stattdessen Szenen, die wie aus Traumwelten entsprungen, mit der Wirklichkeit und Fantasie spielen oder durch ihre unterschiedlichen Stimmungen an Filmsets erinnern. In abstrakten wie figurativen Darstellungen erzeugt die Künstlerin eine Spannung zwischen Skizzenhaftem, Brutalem und Ausformuliertem. Körper tauchen auf und verschwinden wieder, oder werden zu abstrakten Formen. Dabei stehen verschiedene geisterhafte und engelartige Wesen sowie weibliche Protagonistinnen im Zentrum, die in einer Art Varieté, losgelöst von Zeit und Raum, zusammenkommen. 

Auf den textilen Bildträgern verwendet Weise neben herkömmlichen Farbmitteln wie Öl, Tusche, Kohle, Kreide und Rötel auch traditionell weiblich konnotierte Materialien wie Erdpigmente und Make-up. Diese greifen überholte Deutungen über die Verbindung von Frau und Natur und Gestaltungsmöglichkeiten des äußeren Erscheinungsbildes bis hin zur Maskenhaftigkeit auf. Durch die langen Malprozesse, in denen die Künstlerin die Baumwollstoffe durch Lavierungen (italienisch „lavare“ für „waschen“) tränkte, erinnern einige Malereien an Pergamentpapiere oder Haut. Die Werke zeigen Knitter, Falten, Abreibungen oder auch zufällige Handabdrücke – Spuren des malerischen Vorgangs, die sich mit auf den Oberflächen mit den Zeichnungen und Malereien verbinden. Durch eine feministische Linse lassen sich die Werke von Tinted Glass im Kontext von „Embodiment“ (Verkörperung) lesen: Der Körper der Künstlerin hat sich in die Malereien eingeschrieben, formt den malerischen Prozess mit, anstatt einem sprachlichen, konstruierten Konzept zu folgen. Somit tritt auch der sinnliche Aspekt der Malereien in den Vordergrund, wobei das Textile gewissermaßen zum Träger des Unbewussten wird. 

Die Ausstellung findet in dem der Kunsthalle angegliederten Atelier 4.1 statt und zeigt eine für Münster entstandene Werkreihe, die von der Künstlerin im Dialog mit dem Raum entwickelt wurde.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 12:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kunsthallemuenster.de