In einem langen, kontinuierlich anwachsenden und schließlich unüberschaubar gewordenen Strom verbreitete sich vom 19. bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein eine Bilderflut über Europa, die man mit einigem Recht als die Mutter der sozialen Netzwerke bezeichnen kann:

Die Kommunikation erfolgte vor allem visuell, Worte waren allenfalls erläuternde Beigabe, die Objekte überwanden Zeiten und Räume, waren ein gesellschaftliches Phänomen und wurden durch ein straffes Vertriebsnetz bis in die letzten Landeswinkel getragen.

Die Rede ist von den populären Druckgrafiken und Bilderbögen, die unseren Vorfahren die Welt ins Heim brachten, ihnen eine leise Idee von den Facetten der Kunst vermittelten, sie über die aktuellen Geschehnisse auf dem laufenden hielten und ihnen -heute kaum mehr nachvollziehbar- den Stoff zu geistlicher Erbauung lieferten.

Einen besonderen Aspekt dieser unglaublich vielfältigen Industrie beleuchtet das Feld-Haus - Museum für Populäre Druckgrafik in seiner aktuellen Ausstellung „Raffael & Co. Populäre Druckgrafik nach alten Meistern aus der Sammlung Feld-Haus“, in der noch bis zum 13. März 2022 rund 40 Exponate die staunenden Augen des Publikums mit den wundersamen Wegen von der hohen Kunst zur reproduzierten Druckgrafik vertraut machen werden.

Nachdem es um die Mitte des 19. Jahrhunderts gelungen war, die bisherigen Drucktechniken deutlich zu verbessern, begann eine wahre Massenproduktion von Wandbildern für den Hausgebrauch. Größter Beliebtheit erfreuten sich damals die “Gemälde alter Meister“. Neben den klassischen Einzeldarstellungen von Maria und Jesus griffen die Kunstdruckverlage dabei besonders auf Motivvorlagen italienischer Meister der Renaissance und des Barocks zurück. In der Publikumsgunst ganz obenan lagen Guido Reni (1575-1642) mit seinem „Ecce Homo“, die „Mater Dolorosa“ von Carlo Dolci (1616-1686), die „Madonna della Sedia“ und die Engel der „Sixtinischen Madonna“ von Raffael da Urbino (1483-1520) sowie das „Letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci (1452-1519), dessen rätselhaft lächelnde „Mona Lisa“ dem großen geistlichen Wandgemälde noch etwas hinterdrein hinkte.

Da dieser erbauliche Wandschmuck vor allem für weniger gebildete Bevölkerungsschichten hergestellt wurde, hatten die Bildmotive bestimmte Kriterien zu erfüllen: Ein Mensch, mit dem man sich identifizieren konnte, war unabdingbar; die Szenen mussten einfache, leicht nachvollziehbare Geschehnisse und Aktionen zeigen; kräftige, kontrastreiche Farben, klare Kompositionen und eindeutige, dabei aber sehr emotionale Aussagen und der Appell an christliche Tugenden wurden jeder Komplexität vorgezogen - mit dem praktischen Nutzeffekt, dass sich die Bilder nicht nur als „Kunstwerke“ über das Sofa in der guten Stube oder das Ehebett im Schlafgemach aufhängen, sondern auch als private Devotionalien betrachten ließen.

Dass sich die Lithografen bei ihrer Arbeit nicht vor die Originale setzten, liegt auf der Hand. Die Drucke kosteten ein paar Groschen, und selbst, wenn sie in großem Stil unters Volk gebracht wurden, hätten sich die Reisekosten in den Süden, wo die meisten Lieblingsmotive zu finden waren, nie und nimmer gerechnet. Unvergleichlich günstiger war es, auf kleine Handzeichnungen oder auf Kupfer- und Stahlstichen, auf Aquatinten und endlich auch auf Schwarz-Weiß-Fotografien der Gemälde zurückzugreifen und diese auf die Drucksteine zu übertragen, womit sich den Erzeugern derselben ein grenzenloses Reich der Fantasie eröffnete: Formate und Farbgebung der „Nachdrucke“ unterschieden sich erheblich von den Originalen, Metallapplikationen (die sogenannten „Tinsel“) und Prägungen schufen einen gewissen „Mehrwert“, und auch die dargestellten Personen waren oft genug zur Steigerung ihrer Anziehungskraft dem neuen Schönheitsideal angepasst.

Zu einer Zeit, wo Reisen noch ein Privileg und Lesen eine nicht überall beherrschte Kunst war, beschränkte sich die Funktion der bunten Blätter keineswegs auf die preiswerte Dekoration. Andacht und Kontemplation, prunkvoller Vorzeigegegenstand für den staunenden Besuch, vielleicht sogar ein kleiner Beitrag zur Bildung – es sind eben kleine Kostbarkeiten, wenn man sie recht betrachtet.


Öffnungszeiten:
Samstag - Sonntag: 11:00 - 17:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: clemens-sels-museum-neuss.de