Cristina Iglesias’ Werke brechen mit dem traditionellen Begriff der Skulptur, denn sie arbeitet mit architektonischen Elementen, vor allem der Passage und bringt fiktive und flüssige Elemente darin ein. Ihre Architektur versetzt den Betrachter in eine unbestimmte Situation zwischen Innen- und Außenraum. So ist Historia Natural y Moral de las Indias eine Raumfolge aus freistehenden Terrakottaelementen, wie sie aus der maurischen Architektur bekannt sind. Die Gitterstruktur filtert das grelle Sonnenlicht; fast unbemerkt sind Buchstaben darin eingefügt.

In Growth findet man an den Wänden Äste, Blätter, Wurzeln – keine blühenden Bäume und Pflanzen, sondern Abgüsse davon; die Pflanzen werden zur artifiziellen Natur. Als Gegenstück dazu fließt Wasser als unkontrollierbares Element. In den Brunnen flutet das Wasser in das Innere und zieht sich wieder zurück, so dass die verborgene Pflanzenwelt im Inneren sichtbar wird. Betritt man den Pabellón de Cristal, blickt man durch den Gitterboden in die Tiefe und begegnet der Vorstellung von einer unterirdischen Welt, wie sie in phantastischen Erzählungen geschildert wird.

Modelle, die Iglesias für ihre Werke baut, photographierte sie und ließ sie vergrößert im Siebdruck auf Kupferplatten aufbringen. Die lebensgroßen Bilder zeigen verwinkelte, in die Tiefe gestaffelte Raumfolgen ohne zentrale Perspektive. Die Kupferplatten spiegeln, und der Betrachter sieht sich mit seiner Umgebung in den fiktiven Räumen. Er wird Teil einer Wirklichkeit, aus der er ausgeschlossen ist – eine unauflösbare Situation.

Iglesias’ Weg führte von den intimen Architekturen zu Arbeiten im Außenraum, wo die Skulpturen von realer Natur umgeben sind. Ihre perfekt ausgearbeiteten Modelle präsentieren Pavillons, Korridore und Labyrinthe. Das Innere ist als Weg durch eine imaginäre Schattenwelt konzipiert, an dessen Ende der Besucher ans Licht der Wirklichkeit tritt.
Dieter Schwarz

Biographie
Cristina Iglesais wurde 1956 in San Sebastián (Baskenland) geboren.
1976–1979 studierte sie Chemie an der Universität Baskenland, danach 1980–1982 Skulptur an der Chelsea School of Art in London, 1988 am Pratt Institute in New York. Iglesias’ erste Einzelausstellung fand 1984 in der Galería Juana de Aizpuru, Madrid, statt. Seither stellte Iglesias in verschiedenen Galerien in Europa und den USA aus; seit 2005 wird sie von der Marian Goodman Gallery, New York und Paris, seit 2007 auch von der Galería Elba Benítez, Madrid, und von Konrad Fischer, Düsseldorf und Berlin, vertreten. 1987 zeigte das CAPC Musée d’art contemporain in Bordeaux eine erste grössere Ausstellung ihrer Arbeiten; es folgten weitere Ausstellungen 1988 im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 1991 in der Kunsthalle Bern, 1994 im Van Abbemuseum, Eindhoven, und 1997 im Guggenheim Bilbao. 1993 vertrat Iglesias Spanien an der Biennale von Venedig. 2002 zeigte das Museo Serralves in Porto eine Retrospektive; weitere Museumsausstellungen folgten 2003 in der Whitechapel Art Gallery, London, 2013 im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid, 2016 im Musée de Grenoble und 2018 im Centro Botín, Santander.
Iglesias wurde zu zahlreichen Gruppenausstellungen eingeladen, so 1984 an Rosc ’88: The Poetry of Vision in Dublin, 1990 und 2013 an die Biennale of Sydney, 1991 an Metropolis, Martin-Gropius-Bau, Berlin, 1993 an The Sublime Void, Koninklijke Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen, 1995 an die Carnegie International in Pittsburgh. 1995 erhielt Iglesias eine Professur an der Akademie der Bildenden Künste in München. 1999 wurde sie mit dem Premio Nacional de Artes Plásticas, 2012 mit dem Grossen Kunstpreis der Akademie der Künste, Berlin, geehrt.
Der Film Architektur der Unendlichkeit: Die Magie sakraler Räume, 2018 von Christoph Schaub gedreht, behandelte Iglesias’ Werk.
Seit Anfang der 1990er erstellte Iglesias an zahlreichen Orten in Europa und den Vereinigten Staaten Arbeiten im öffentlichen Raum, 2019 auf der Isla de Santa Clara vor San Sebastián und 2020 im Museum of Fine Arts in Houston. Sie lebt und arbeitet in Torrelodones bei Madrid.


Öffnungszeiten:
Freitag - Sonntag: 11:00 - 17:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: thomas-schuette-stiftung.de