Die Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg präsentieren vom 25. Juni bis 1. November 2021 im Stadtmuseum im Fembo-Haus die Sonderausstellung „Luppes Galerie. Die Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg in der Weimarer Republik“. Sie gibt einen repräsentativen Überblick der in der Weimarer Zeit durch die Stadt Nürnberg erworbenen Kunst, die damals in der Städtischen Galerie zu sehen war.

Vor hundert Jahren, am 13. März 1921, wurde in Nürnberg durch den damaligen Oberbürgermeister Dr. Hermann Luppe (1874–1945) die Städtische Galerie feierlich wiedereröffnet. Die Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg, für die Albrecht Dürer mit dem Geschenk der Apostelbilder ans Rathaus 1526 den Grundstein legte, wurden unter Hermann Luppe erstmals durch gezielte Neuerwerbungen systematisch erweitert. Der an Kunst sehr interessierte Oberbürgermeister nahm erheblichen Einfluss auf die Ankäufe durch Konservator Fritz Traugott Schulz und prägte den Charakter der Sammlung wesentlich mit. Luppe verstand die Städtische Galerie als Bildungseinrichtung – dem Publikum sollte ein Überblick über das neuere Kunstschaffen Deutschlands geboten werden.

Luppe in seiner Zeit
Oberbürgermeister Dr. Hermann Luppe lenkte von 1920 bis 1933, während der Zeit der Weimarer Republik, die Geschicke Nürnbergs. Die Stadt machte damals auf vielen Gebieten Fortschritte, es entstanden sozial geprägte Wohnsiedlungen, die Frauenklinik in der Flurstraße sowie Sport- und Freizeitanlagen, wie zum Beispiel das preisgekrönte Frankenstadion. Der überzeugte Demokrat leistete viel für Nürnberg, sah sich aber immer mehr den Angriffen der Nationalsozialisten ausgesetzt, insbesondere den wüsten Beschimpfungen und Verleumdungen durch Julius Streicher, Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer“. Luppe bekleidete sein Amt 13 Jahre lang und wurde 1933 schließlich von den Nationalsozialisten zum Rücktritt gezwungen. Zur Untätigkeit verdammt, zog er sich in seine Kieler Heimat zurück, wo er wenige Wochen vor Kriegsende bei einem alliierten Bombenangriff zusammen mit seiner Frau ums Leben kam.

„Erstklassige Werke“ des 19. Jahrhunderts
Für die Entscheidung über Neuerwerbungen wurde zu Beginn der 1920er Jahre eine Kunstkommission eingerichtet. Mit dem Germanischen Nationalmuseum vereinbarte die Stadt eine Abgrenzung der Zuständigkeiten: Das Nationalmuseum sammelte die ältere Kunst, die Stadt Nürnberg die Kunst ab 1800. In der Städtischen Galerie sollte eine „Erweiterung auf die gesamte neuere deutsche Malerei durch erstklassige Werke ihrer markantesten Repräsentanten erfolgen“. Es wurden Werke des Klassizismus, der Romantik und des Realismus mit ihren wichtigsten Vertretern versammelt. So kaufte man zum Beispiel Werke von Anselm Feuerbach, Arnold Böcklin, Hans von Marées, Moritz von Schwind, Wilhelm Leibl und Hans Thoma.

Ankäufe neuerer Kunst 1920 bis 1927
Hermann Luppe und Fritz Traugott Schulz suchten mehrfach in München, Frankfurt und Berlin die dortigen Kunsthändler auf, um für die Städtische Galerie Kunst zu kaufen. Werke bedeutender Künstler des Impressionismus wie Max Slevogt, Lovis Corinth, Fritz von Uhde und Wilhelm Trübner kamen in die Sammlung. Schulz organisierte etliche Ausstellungen in der Kunsthalle am Marientor, meist zwei pro Jahr, im Frühjahr und im Herbst, aus denen ebenfalls Kunstwerke angekauft wurden.

Beide, der Oberbürgermeister und der Galerieleiter, pflegten enge Kontakte auch zur einheimischen Künstlerschaft. Schulz war seit Jahren Geschäftsführer des Albrecht-Dürer-Vereins, in dem viele Nürnberger Künstler organisiert waren. Von den hiesigen Künstlern kaufte die Stadt unter Luppe jährlich Kunstwerke für insgesamt 30.000 Mark an. Lag der Schwerpunkt der Ankäufe in der ersten Hälfte der 1920er Jahre noch auf älterer Kunst oder dem Impressionismus, so wurden vereinzelt auch schon Werke erworben, die dem Expressionismus oder der Neuen Sachlichkeit zugerechnet werden können, etwa von Hans Werthner (1888–1955) oder Paul Benedict (1889–1952).

Die „Deutsche Kunst der Gegenwart“ im Dürerjahr 1928
Der kulturelle Höhepunkt der Ära Luppe war ohne Zweifel das Dürerjahr zu Albrecht Dürers 400. Todestag 1928. Gemeinsam mit dem Germanischen Nationalmuseum verwirklichte die Stadt die bislang größte Dürer- Ausstellung, die ein breites internationales Publikum nach Nürnberg lockte. Eine Vielzahl von Veranstaltungen begleitete die Schau, zum ersten Mal in Deutschland wurden nachts Bauwerke angestrahlt.

Parallel präsentierte die Stadt unter dem Titel „Die Deutsche Kunst der Gegenwart“ eine große Ausstellung zeitgenössischer Kunst in der dafür extra umgebauten Norishalle am Marientorgraben. Als erste umfassende Ausstellung in Nürnberg zeigte sie das damals aktuelle deutsche Kunstschaffen und stellte in ihren Dimensionen alle bisherigen Ausstellungen in den Schatten: 526 Kunstwerke von 472 Künstlerinnen und Künstlern waren vertreten. Der organisatorische Aufwand, den der Leiter der Städtischen Galerie, Fritz Traugott Schulz, hierbei leistete, war enorm. Die meisten Künstler besuchte er zuvor in deren Ateliers in ganz Deutschland. Zu sehen waren auch Werke des Expressionismus, der abstrakten Kunst, des Bauhauses und der Neuen Sachlichkeit.

Für Kunstankäufe wurde im Dürerjahr ein Sonderetat von 20.000 Mark eingerichtet. Daraus wurden nun erstmals in größerem Umfang Kunstwerke auch der neueren Stilrichtungen angekauft. Die nach den wichtigsten deutschen und österreichischen Kunstmetropolen gegliederte Ausstellung bot Gelegenheit, aus allen diesen Zentren Kunstwerke für die Galerie zu erwerben und damit einen Querschnitt des zeitgenössischen Kunstschaffens darstellen zu können.

Die Ausstellung neuzeitlicher ungarischer Kunst 1929
In einer Ansprache zum Dürerjahr 1928 erinnerte Hermann Luppe daran, dass Dürers Vater aus Ungarn nach Nürnberg eingewandert war – eine Tatsache, die bis dahin meist verschwiegen worden war, galt doch Dürer als „deutschester“ aller Künstler. Die Ungarn waren hocherfreut. Der in Nürnberg lebende ungarische Künstler Erwin von Körmendy stellte den Kontakt zur ungarischen Regierung her und so wurde Luppe nach Budapest zur Eröffnung der Nürnberger Woche und der großen Nürnberg- Ausstellung eingeladen. Bei dieser Gelegenheit vereinbarte man für das Folgejahr eine Ausstellung neuzeitlicher ungarischer Kunst in Nürnberg. Sie fand vom 23. Februar bis 14. April 1929 in der Norishalle am Marientorgraben statt und weckte großes Interesse.

Die Ausstellung zeigte Werke von 112 zeitgenössischen und 16 bereits verstorbenen Künstlerinnen und Künstlern. Viele von ihnen hatten in Paris studiert und nahmen die neuesten Stile wie Postimpressionismus und Fauvismus in ihr Schaffen auf. Aus dieser Ausstellung ungarischer Kunst erwarb die Stadt Nürnberg für ihre Sammlungen 16 Werke.

Das Luppe-Album
Das Dürerjahr 1928 nahmen die Nürnberger Künstler zum Anlass, Hermann Luppe für sein Engagement für die hiesige Künstlerschaft mit einer Sammlung von Aquarellen und Handzeichnungen zu danken. Luppe wurde eine von Hand hergestellte Kassette überreicht, die 67 Werke verschiedener fränkischer Künstler enthielt und somit einen Querschnitt durch die bildende fränkische Kunst der 1920er Jahre darstellt.

Der Anteil an regionaler Kunst innerhalb der Städtischen Galerie war mittlerweile so stark angewachsen, dass man diese Werke ausgliederte und dafür in der Kunsthalle am Marientor 1930 eine eigene Fränkische Galerie einrichtete. Luppe behielt das Geschenk in seinem Privatbesitz und nahm es später mit nach Kiel zurück. Die Albrecht-Dürer-Haus-Stiftung erwarb es für die Kunstsammlungen aus seinem Nachlass. Auf einer Medienstation können die Ausstellungsbesucher alle Werke des Luppe- Albums betrachten.

Erwerbungen moderner Kunst 1928 bis 1933
Seit der Ausstellung „Die Deutsche Kunst der Gegenwart“ 1928 richtete sich die Aufmerksamkeit der Kunstkommission stärker auf die moderne Kunst. Abstrakte Kunst wurde nach wie vor nicht angekauft, Werke des Expressionismus, Kubismus oder des Expressiven Realismus wurden bei den Ankäufen aber durchaus berücksichtigt. Die in der aktuellen Ausstellung präsentierte Auswahl noch erhaltener Werke zeigt, dass es zwischen Tradition und Moderne eine große Bandbreite an Abstufungen und Stilrichtungen mit mehr oder weniger modernen Tendenzen gibt. Die künstlerische Qualität war in jedem Fall oberstes Ankaufkriterium und so ist Luppe und Schulz der Aufbau einer qualitativ hochwertigen Sammlung gelungen, obwohl die Weltwirtschaftskrise 1929 die öffentlichen Finanzen schwer belastete.

Beschlagnahmt!
Gleich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurde neben Hermann Luppe auch Fritz Traugott Schulz des Amts enthoben und an seine Stelle der Zeichenlehrer Emil Stahl gesetzt. Stahl machte sich sofort daran, die Kunstpolitik der Nationalsozialisten in der Sammlung umzusetzen. Schon am 17. April 1933 eröffnete er eine als „Schreckenskammer“ bezeichnete Ausstellung mit den von ihm ausgesonderten Werken, die er als „entartet“ ansah.

1937 wurden über hundert Werke aus der städtischen Sammlung beschlagnahmt, darunter besonders die damalige Avantgarde, vertreten durch Künstler wie Otto Dix, Heinrich Nauen, Hans Purrmann und Oskar Kokoschka, aber auch Werke von jüdischen Künstlern wie Max Liebermann. Alles wurde nach Berlin gebracht und, was sich nicht verkaufen ließ, zerstört. Unter den vernichteten Werken waren unter anderem das Bildnis der Mutter von George Grosz und ein Selbstbildnis von Karl Hofer. Einige wenige Werke gelangten in den Kunsthandel. Zwei beschlagnahmte Arbeiten von Lovis Corinth und Max Liebermann wurden nach dem Ende der NS- Herrschaft wieder angekauft. Die im Krieg eingeschmolzene Bronzefigur von Ernst Barlach konnte durch einen anderen Guss ersetzt werden. Einige wenige Werke, die 1937 vor der Zerstörung bewahrt werden konnten, finden sich heute in anderen Museen oder in Privatbesitz und sind nun erstmals wieder vereint. Ein lange verschollenes Gemälde von Alfred Partikel wurde erst im Frühjahr 2021 in Norddeutschland entdeckt und der Stadt Nürnberg kurz vor der Ausstellung geschenkt.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Freitag: 10:00 - 17:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: museen.nuernberg.de/fembohaus

Lovis Corinth: Bildnis Charlotte Berend-Corinth mit lila Hut, 1912. (Dauerleihgabe im Germanischen Nationalmuseum) © Museen der Stadt Nürnberg, Kunstsammlungen
25.06. - 01.11.2021

Luppes Galerie. Die Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg in der Weimarer Republik

Stadtmuseum im Fembo-Haus

Burgstraße 15
90403 Nürnberg