Seit 2018 befindet sich die international bedeutende Privatsammlung von Erika und Rolf Hoffmann, Berlin, als Schenkung in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Sie umfasst rund 1.200 Werke aus Malerei, Fotografie, Zeichnung, Skulptur, Film- und Videokunst sowie Installationen.

Mit rund 150 hochkarätigen Werken aus dieser Schenkung präsentiert die Bundeskunsthalle in Kooperation mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nicht nur einen umfangreichen Überblick moderner und zeitgenössischer Kunst. Sie spürt auch dem charakteristischen Verhältnis des Sammlerpaares zu seiner stets als beweglich verstandenen Sammlung nach, das sich in einem besonders freien, dialogischen Umgang mit den Kunstwerken äußert.

„Die Sammlung Hoffmann gehört mit zu den exzellentesten Zusammenkünften von modernen und zeitgenössischen Werken internationaler Künstler*innen. Die Ausstellung ist ein wunderbarer Anlass, in einer von uns inszenatorisch akzentuierten Form die Reichhaltigkeit der Sammlung Hoffmann und die Vielfalt der künstlerischen Äußerungen darin zu zeigen. Die Spannbreite zwischen monumental angelegten und intimen Arbeiten im Dialog macht dabei die große Qualität aus. Nicht nur das begleitende Symposium im November, sondern auch die Kooperation selbst beleuchtet intensiv die Wichtigkeit von Schenkungen von privaten Sammler*innen an Museen und damit an eine nutznießerische Öffentlichkeit“, erläutert die Intendantin Eva Kraus.

Erste Entdeckungen machte das Ehepaar Hoffmann in den 1960er-Jahren auf nationalen Ausstellungen, wie der documenta in Kassel, auf Messen, in den Museen, Kunsthallen und Kunstvereinen im Rheinland. Es folgten bald erste Ankäufe, wobei das intensive Gespräch mit den Künstler*innen von Beginn an ausschlaggebend war. Die Beschäftigung mit der Gegenwartskunst bot ihnen die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit den relevanten Fragestellungen der Gesellschaft. Der Facettenreichtum der künstlerischen Äußerungen begeisterte sie, er war in ihren Augen ein wesentliches Charakteristikum der zeitgenössischen Kunst, und sie suchten nach Innovationen.

Erika Hoffmann beschreibt ihr Verständnis eines relevanten Kunstwerks folgendermaßen: „[Es] sollte zum Entstehungsprozess formal und inhaltlich eigenständig, also neu sein; gleichzeitig zeitgenössisch und zukunftsweisend, also auch aktuelle Probleme der sich verändernden Gesellschaft reflektieren; uns intellektuell wie emotional fordern; Idee und Form als Einheit zeigen; [...]; einen uns nicht erklärbaren Rest behalten, also anhaltend irritieren; und schließlich Kraft und Dringlichkeit, großen Atem und Dichte besitzen.“

Nachdem die private Sammlung bis dahin in Köln beheimatet gewesen war, zog das Ehepaar 1997 nach Berlin-Mitte und öffnete dort in einer umgebauten Fabrik in den Sophie-Gips-Höfen die Sammlung für die Öffentlichkeit: Besucher*innen konnten zu festen Zeiten einen geführten Rundgang durch die „bewohnte Sammlung“ erleben. Das Anliegen dieser Führungen durch die jährlich neu konzipierten sogenannten „Einrichtungen“ war „durch den Dialog mit den Kunstwerken zu inspirieren und Fragen und Gedankenverbindungen zu wecken“.

Die Ausstellung in Bonn zeigt nun die Sammlung in ‚fremden‘ Räumlichkeiten in der Bundeskunsthalle – in ihrer Individualität, Subjektivität und auch Privatheit, bezeichnet Erika Hoffmann die Werke doch auch als „Familienmitglieder“. Das über Grenzen und Generationen hinweg dialogische und synergetische Prinzip der Sammlung wird in einer freien Inszenierung unterstrichen, die sich nicht an kunsthistorische Einordnungen hält. Im Mittelpunkt steht das Verständnis von Frau Hoffmann, dass der/die Betrachtende „als aufgeklärter Mensch immer auch Partner*in der Künstler*innen ist“.

Neben installativ freien oder korrespondierenden Setzungen in der Großen Halle, der Wandarbeit „Untitled“ von Felix Gonzalez-Torres oder der thematischen Dichte in der Südgalerie mit politisch-gesellschaftlich orientierten Werken werden vier verschiedene Installationen der Sammlung Hoffmann aus den Anfangsjahren in Köln und Berlin rekonstruiert: So werden Begriffe wie Konstruktivismus, Surrealismus, Zero oder Minimal Art durch Epochen übergreifende Dialoge zu Denkräumen, die über kunstwissenschaftliche Zuordnungen hinausgehen. Diese „räumlichen Zitate“ ermöglichen, den (subjektiven) Umgang des Sammlerpaares mit ihrer Sammlung zu verstehen.

„Surrealismus“
Rekonstruktion der Einrichtung in Berlin 1998/99
Während Rolf und Erika Hoffmann sich in den 1960er- und 1970er-Jahren vor allem für die abstrakten Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst interessierten, eröffnete ihnen die Begegnung mit Hans Bellmers 1970/71 entstandener Demi-Poupée einen neuen Zugang zum Surrealismus. In der rekonstruierten Installation werden mit Bellmer und Carroll Dunham zwei Künstlergenerationen in eine besondere dialogische Situation gebracht. Die ungewöhnliche Inszenierung mit Bett, Nachtschrank und himmelblauer Wandfarbe ist eine Setzung des Sammlerpaares.

Fred Sandback
Rekonstruktion der Einrichtung in Berlin 1997/98
Schon vor dem Umzug nach Berlin nahmen die Hoffmanns Kontakt zu Fred Sandback auf und besprachen die Installation der Arbeiten in dem vorgesehenen Raum in seinem New Yorker Studio. Die Einrichtung vor Ort nahm Sandback im Sommer 1997 schließlich selbst vor, und er arrangierte unter anderem auch den von einer Wand herabfallenden Halbbogen, der sich erst in der räumlichen Wahrnehmung, der Möglichkeit, ihn aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, als solcher erschließt. Die Werke entsprangen dem Wunsch, so der Künstler, „Skulpturen machen zu können, die kein Inneres haben“

„Konstruktivismus & Dekonstruktion“
Rekonstruktion der Installation in Köln 1995
Ende der 1980er-Jahre verkauften die Hoffmanns ihr Textilunternehmen und verließen Mönchengladbach, um ein umgebautes Fabrikgebäude in Köln zu beziehen. Dies bot mehr Möglichkeiten, die Sammlung in ihren Wohnräumen zu präsentieren und eine Praxis des Hängens zu entwickeln, die charakteristisch für die Sammlung Hoffmann wurde. Die Installation, die Werke der konstruktivistischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts mit Werken von Frank Stella und Georg Herold zusammenbringt, erscheint dabei exemplarisch für die reflexive Auseinandersetzung, die in dialogischen Gegenüberstellungen zu neuen Assoziationen anregen wollte.

„ZERO & Kinetik“
Rekonstruktion der Einrichtung in Berlin 1997/98
Nachdem Erika und Rolf Hoffmann aus dem Rheinland nach Berlin gezogen waren, machten sie ihre Privatsammlung erstmals einem öffentlichen Publikum zugänglich. Die hier rekonstruierte Installation ist einer Hängung aus der ersten Einrichtung 1997/98 in den Berliner Räumen der Sammlung Hoffmann nachempfunden. Hier werden die ästhetischen Verbindungen zwischen den einzelnen Künstler*innen besonders deutlich. Unter den Stichworten „ZERO & Kinetik“ sind Werke von zwölf europäischen Künstler*innen versammelt, die sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ähnlichen künstlerischen Prinzipien widmeten.

Weitere thematische Schwerpunkte wie Körperlichkeit, Transparenz, Kommunikation, Interaktion, Innen- und Außenansichten oder Werkentwicklung strukturieren die medienübergreifende Präsentation und lassen Korrespondenzen entstehen.

Auch grundsätzliche, existenzielle und philosophische Fragen werden von Künstler*innen wie Carla Accardi, Yael Bartana, Christian Boltanski, Monica Bonvicini, Isa Genzken, Felix Gonzalez-Torres, Georg Herold, Astrid Klein, Barbara Kruger, Yayoi Kusama, Ernesto Neto, Julian Rosefeldt & Piero Steinle, Chiharu Shiota, Frank Stella oder Wolfgang Tillmans angesprochen.

© Bundeskunsthalle Bonn
29.10.2021 - 13.02.2022

„Adam, Eva und die Schlange“ Werke aus der Schenkung Sammlung Hoffmann

Bundeskunsthalle Bonn

Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn