Mit TRUE PICTURES? zeigt das Sprengel Museum Hannover erstmals in diesem Umfang bedeutende Positionen kanadischer und US-amerikanischer Fotografie von 1980 bis heute. Zu den Künstler*innen, deren Werke das Haus auf einer Fläche von rund 2000 Quadratmetern präsentiert, gehören unter anderem Cindy Sherman, Nan Goldin, Jeff Wall, Walead Beshty, Carrie Mae Weems und Martine Gutierrez.

Die 1980er-Jahre bedeuteten einen tiefen Wandel in der Geschichte der Kunstfotografie. Zu dieser Zeit wurden in Nordamerika die Weichen für die künstlerische Vielfalt gestellt, die dem Genre bis heute den Weg weisen. Diesem bislang nicht geschriebenen Kapitel einer Bildform eben der nordamerikanischen Fotografie seit 1980 widmen die Kuratoren Stefan Gronert und Benedikt Fahrnschon die umfassende Ausstellung.

"Damals artikulierte sich ein neuer Anspruch der Fotografie und erweiterte ihre Rezeption", erklärtGronert. "Entscheidende Impulse lieferte zum einen die Ended er 70 er -Jahreauflebende Appropriation Art (Kunst der Aneignung), für die sich das Medium Fotografie besonders eignet, zum anderen Jeff Wall mit seinen großformatigen, in Leuchtkästen prärsentierten Werke."

Mit 339 Bildern Leihgaben und Werken aus der Sammlung des Sprengel Museum Hannover bietet TRUE PICTURES? den bislang umfassendsten Überblick über das fotokünstlerische Schaffen in Kanada und den USA der letzten 40 Jahre. Die Besucher*innen können die Entwicklung von 1980 bis zur Gegenwart als Folge dreier Künstler*innengenerationen und ihrer Bezüge auf- und untereinander nachvollziehen.

Im ersten Teil der Überblicksschau offenbart sich der Wandel vom traditionellen dokumentarischen Stil zu einer reflektiert autonomen künstlerischen Fotografie, für die bekannte Namen wie Cindy Sherman, Nan Goldin und eben Jeff Wall stehen zentrale, heute längst etablierte Positionen, die als Einführung in die unmittelbare Gegenwart fungieren.

Zur nächsten Künstler*innengeneration, die die Ausstellung vereint, gehören unter anderem Gregory Crewdson, Liz Deschenes und Lorna Simpson, die sich, bereits im digitalen Zeitalter agierend, noch selbstverständlicher mit dem "autonomen Bild" beschäftigten. Neben vielfach politisch aufgeladenen Positionen finden sich verstärkt neue subjektive, medienkritische oder gattungsübergreifende Ansätze.

Augenfälliger wird der bildgeschichtliche Wandel der Generation jener Künstler*innen, die in den siebziger Jahren und später geboren wurden. Bei ihnen ist der klassische Gegensatz von Politik und Kunst als Spannung im Werk selbst aufgehoben, wie etwa der Ansatz von Trevor Paglen zeigt. Zudem gewinnen das Thema von gesellschaftlicher Identität sowie Fragen von Gender und Sexualität an Bedeutung. Dafür stehen unter anderem die Arbeiten von Xaviera Simmons, LaToya Ruby Frazier der das Kunstmuseum Wolfsburg im Rahmen der Kooperation TRUE PICTURES? aktuell eine Einzelschau widmet oder Martine Gutierrez, deren Werk "Body En Thrall" das Plakatmotiv der hannoverschen Ausstellung stellt: Als fotografisches Trompe-l'oeil inszeniert und medial geprägtes Schönheitsideal spiegelnd, wirft Gutierrez' Werk auf formaler wie inhaltlicher Ebende Fragen nach dem "wahren Bild" auf.

In und mit ihren Arbeiten sucht Martine Gutierrez nach zeitgenössischer Indigenität und nach Wegen, die die Grenzen zwischen Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit zu verwischen vermögen: "ich versuche vorkoloniale Standards für weiße Schönheit zu untergraben, indem ich Fragen zur Macht, wahrnehmung und Identität aufwerfe", so Gutierrez über ihre mehrteilige Fotoreihe "Body En Thrall", aus der in Hannover zwei Arbeiten zu sehen sind.

True Pictures? Wie wahr sind die fotografischen Bilder?
Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt fotografischer Bilder ist nicht neu, in Zeiten der digitalen Bilderflut jedoch aktuell wie nie. Realität oder Inszenierung, Schnappschuss oder nachgestellter Moment, Deep Fake oder Tatsache? Die Rolle fotografischer Bilder ist für die Konstruktion von Erzählungen ungebrochen, auch wenn die Möglichkeiten der Bildmanipulation weithin bekannt sind.

"Der Zeitpunkt für diese Ausstellung könnte aktueller nicht sein", findet Direktor Reinhard Spieler. "Nach den traumatisierenden Erfahrungen mit de rTrump-Administration ,die auch die Frage nach Fakten und Wahrheiten neu gestellt und Auswirkungen auf die Wahrnehmung und Bewertung von Bildern gehabt hat, ergibt sich jetzt die Möglichkeit einer Revision und Neubewertung in unserem Blick auf Nordamerika."