In ihrer Kunst arbeitet Sung Tieu oft mit den Ergebnissen eigener historischer Recherchen. Sie verknüpft diese mit autobiografischen und fiktiven Elementen zu neuen räumlich erlebbaren Installationen. Ihre aktuelle künstlerische Forschung kreist um das Anwerbeabkommen, das die DDR 1980 mit der Sozialistischen Republik Vietnam schloss. Das Abkommen regelte die Zuwanderung von Gastarbeiter:innen und beinhaltete Regelungen zum Aufenthalts- und Arbeitsrecht.

Im Rahmen ihrer Recherche sammelte Tieu Produkte, welche die vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen in den volkseigenen Betrieben der DDR herstellten. Sie studierte Vertragsformulare und -konditionen sowie Verzeichnisse der Einsatzbetriebe, die Rückschlüsse auf die Arbeits- und Lebensumstände der Arbeiter:innen in der DDR zulassen.

In der Bonner Ausstellung lenkt die Künstlerin den Blick besonders auf die Zeit der Wende um 1989, in der das Vertragsabkommen zwischen der DDR und Vietnam endete. Für tausende von Vertragsarbeiter:innen in der sich auflösenden DDR bedeutete dies einen jähen Bruch in ihrem Alltag. Vor diesem historischen Hintergrund entwirft Tieu für die Ausstellung neue Skulpturen, die Aufschluss über diese Geschichte geben. Fakten und Fiktion werden miteinander verwoben und laden dazu ein, sowohl kollektiver Geschichte als auch den hier angedeuteten individuellen Geschichten nachzuspüren.

Sung Tieu (*1987 in Hai Duong, Vietnam) lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, am Goldsmiths College in London sowie im Postgraduiertenprogramm an der Royal Academy of Arts in London. Sie ist dieses Jahr für den Preis der Nationalgalerie 2021 nominiert, der im Oktober im Hamburger Bahnhof, Berlin, vergeben wird.

AUSGEZEICHNET ist ein gemeinsam mit der Stiftung Kunstfonds konzipiertes Ausstellungsformat. Jeweils im Herbst bespielen ehemalige Stipendiat:innen des Kunstfonds einen Raum in der Sammlung im Kunstmuseum Bonn. Den Auftakt bildeten 2016 Mischa Leinkauf und Matthias Wermke, die per Foto und Video ihre Aktionskunst dokumentierten. 2017 reflektierte die Fotografin Viktoria Binschtok im zweiten Teil der Ausstellungsreihe das Medium Fotografie. Mit Frauke Dannert rückte 2018 das installative und collagierende Arbeiten in den Mittelpunkt. 2019 betrieb Agnes Meyer-Brandis künstlerische Forschung im Grenzbereich zwischen Kunst und Naturwissenschaft.