Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Sammlung LBBW und der langjährigen Kooperation mit dem Kunstmuseum Stuttgart werden herausragende Werke aus der Sammlung LBBW in einer großen Ausstellung präsentiert. Erstmals wird dabei das gesamte Spektrum der Sammlung LBBW zu sehen sein, von der Kunst der Klassischen Moderne bis hin zu zeitgenössischen Positionen.

Seit vielen Jahren ist die Landesbank Baden-Württemberg ein wichtiger Kooperationspartner an der Seite des Kunstmuseums Stuttgart. Etliche Projekte wären in der Vergangenheit ohne ihre großzügige Unterstützung nicht realisierbar gewesen. Seit einem halben Jahrhundert pflegt die LBBW eine umfangreiche Kunstsammlung, die in ihrer Ausrichtung zahlreiche Parallelen zur Sammlung des Kunstmuseums aufweist und deren weiteren Aufbau Direktorin Dr. Ulrike Groos seit 2018 als Kuratoriums-Mitglied begleitet. Aus diesen Beständen stellt die LBBW regelmäßig dem Kunstmuseum Werke als Leihgabe temporär oder dauerhaft zur Verfügung.

Besonders hervorzuheben ist das Engagement, das die LBBW der Dix-Sammlung im Kunstmuseum Stuttgart zukommen lässt. Begonnen hat dieses 1972 mit der Unterstützung beim Ankauf des »Großstadt«-Triptychons. 1988 erwarb die LBBW als Miteigentümerin und Leihgeberin zusammen mit der Stadt Stuttgart das Werk »Grabenkrieg« (1932). Damit gelangte das letzte noch verfügbare der insgesamt vier großen Kriegsbilder im Œuvre von Otto Dix in öffentlichen Besitz. 2006 konnte die LBBW mit dem Erwerb des »Bildnis der Tänzerin Anita Berber« (1925) einen Abzug dieses bedeutenden Werks aus der Stuttgarter Sammlung verhindern. Es bildet heute eines von vielen Höhenpunkten im »Otto-Dix-Raum der Landesbank Baden-Württemberg« im Kunstmuseum Stuttgart.

Zum runden Jubiläum erhält die LBBW die Möglichkeit, ihre herausragende Sammlung im Kubus des Kunstmuseums Stuttgart umfassend zu präsentieren. Die Ausstellung wurde kuratiert von Lutz Casper, dem Leiter der Sammlung LBBW.

Die Sammlung LBBW
Die Anfänge der Sammlung LBBW reichen weit zurück. Seit den 1920er-Jahren wurden vereinzelt Kunstwerke von Vorgängerinstituten erworben, doch erst 1971 beschloss der Vorstand der damaligen Städtischen Spar- und Girokasse Stuttgart, zukünftige Ankäufe im Rahmen eines Sammlungskonzeptes kontinuierlich zu tätigen. Es war der offizielle Beginn einer Sammlung, die heute ein breites Spektrum der deutschen und internationalen Kunst von der klassischen Moderne bis in die Gegenwart umfasst.

1975 ging die Städtische Spar- und Girokasse Stuttgart in einer Fusion in die Landesgirokasse (LG) auf. Bis in die 1980er-Jahre stand in dieser die südwestdeutsche Kunst im Fokus. 1999 folgte der Zusammenschluss mit der SüdwestLB und Teilen der L-Bank zur Landesbank Baden-Württemberg. Die Kunstwerke der LG und der SüdwestLB wurden in der Sammlung LBBW zusammengeführt. In diesen beiden Instituten hatte sich seit den 1990er-Jahren das Augenmerk auf die zeitgenössische deutsche und auch internationale Kunst gerichtet. Die Integrationen der BW-Bank 2005, der Landesbank Rheinland-Pfalz und der Landesbank Sachsen 2008 in den Konzern der LBBW erweiterten die Bestände um deren regional geprägte Sammlungen.

Die Ausstellung »Jetzt oder nie – 50 Jahre Sammlung LBBW«
Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert der »Krisen und Katastrophen«, der Brüche und Verwerfungen, zugleich aber auch das Jahrhundert der Neuanfänge; es ist geprägt von einer bemerkenswerten Resilienz. Nach Gründung der Bundesrepublik und der beispiellosen Erholung Westdeutschlands in der Nachkriegszeit (»Wirtschaftswunder«) sowie der politischen Wiedererlangung der deutschen Einheit in einem freien Europa in den Jahren 1989/90 stehen seither andere, globale Herausforderungen und Themen im Vordergrund. Als Spiegel von Gegenwart(en) zeichnen die Werke der Sammlung LBBW diese Entwicklungen nach – sie eröffnen ein zeitgeschichtliches Panorama deutscher Geschichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute. Die drei Ausstellungsebenen des Kunstmuseums Stuttgart geben dabei die Struktur vor.

Der Chronologie verpflichtet folgt die Ausstellung im ersten Obergeschoss zunächst dem künstlerischen Blick auf die Vorkriegszeit, die Weimarer Republik und das Dritte Reich. Daran schließt die Nachkriegszeit an: Dem Trauma des NS-Staates und seiner barbarischen Verheerungen folgen die Spaltung und der Kalte Krieg. 1961 scheint der Mauerbau die Teilung Deutschlands zu besiegeln. Und während die Bundesrepublik in ihrer Westorientierung immer stärker prosperiert und wieder erstarkt, kommen Freiheit, Demokratie und Wohlstand für viele, aber eben nicht für alle.

Trotz dieser positiven Entwicklungen für die Menschen in der Bundesrepublik entstehen auch hier bald Brüche – thematisch schließen sie sich in der Ausstellung auf der zweiten Ebene des Kubus an: Im Zeichen der Revolte gegen die regressiven politischen Systeme werden im gesamten Westen wachsende Proteste laut. Weit entfernt und doch aufgrund der medialen Berichterstattung sehr nah wütet in Vietnam als einem der Auslöser der Proteste ein Stellvertreterkrieg der Systeme. Dies spiegelt sich in einigen der ausgestellten Arbeiten explizit wider.

Doch die Revolten der Student:innen sowie die Kämpfe der Frauen um Gleichberechtigung bereiten langsam, aber sicher den Weg für eine zunehmende Liberalisierung der Gesellschaft vor. Aus der studentischen Revolte entspringt auch die terroristische Vereinigung der RAF, welche die Bundesrepublik mit ihren Anschlägen und Morden über Jahre in Atem hält. Am Ende hat sich der Terrorismus der RAF als radikale politische Artikulationsform jedoch vor der Wiedervereinigung Deutschlands aufgelöst – und zugleich rücken radikale Kräfte von rechts nach. Die Entwicklung der Bundesrepublik ist eine dynamische, die von Höhen und Tiefen, Auf und Abs gekennzeichnet ist – all das spiegelt sich in den Werken wider.

Auch in denen der jüngsten Generation, die sich im dritten Obergeschoss wiederfindet: Multikulturelle Gesellschaften und Migrationswellen werfen die Fragen nach deutscher Identität auf, die fortschreitende Digitalisierung der Lebens- und Arbeitswelten lässt Perspektiven auf ein neues Verhältnis zu Natur und Technik entstehen. Das Anthropozän als ein Zeitalter, in dem der Mensch zum entscheidenden Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist, verlangt schließlich nach einer Neubestimmung der Rolle des Menschen. Denn längst nicht immer spielen sich die Interessen der Ökonomie und der Ökologie gegenseitig zu.

Zur Ausstellung erscheint ein kostenfreies Begleitheft, das ausführlich die einzelnen künstlerischen Positionen der Ausstellung beleuchtet, sowie ein Mediaguide, der die Geschichten hinter der Kunst erlebbar macht und die historischen Kontexte erläutert.

Außerdem gibt die Sammlung LBBW eine Aufarbeitung ihres über 3.000 Werke umfassenden Bestands in drei Bänden mit rund 700 Abbildungen heraus. Die Autor:innen der Publikation sind Elke Buhr, Hans-Joachim Müller, Wolfgang Ullrich sowie Andreas Rödder; es wurden zahlreiche Künstler:inneninterviews geführt u.a. mit Nadia Ismail und Gregor Jansen.