Der Surrealismus gilt gemeinhin als eine hauptsächlich in Frankreich wirkende geistige Bewegung, die ihr bestimmendes Zentrum im Kreis um André Breton in Paris hatte und im Wesentlichen auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen begrenzt war. Doch auch Spanien sah Breton als fruchtbare terre surréaliste. Durch den Gang ins Exil sollte der Surrealismus schließlich vor allem in Mexiko und in den USA seine Fortsetzung finden. Erst nach 1945 konnten auch in Europa surrealistische Bestrebungen – zumindest kurzzeitig – neu entfaltet werden, bis die Kunstentwicklung in Ost wie West jeweils andere Wege ging.

Surrealismus in Deutschland ist bislang kaum als eigenes Thema dargestellt worden. Erstmals soll der Beitrag deutscher Künstler zum Surrealismus deshalb von den zwanziger Jahren bis unmittelbar nach dem Krieg in einer Ausstellung betrachtet werden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf jenen Leistungen, die wesentliche Positionen dieser Strömung der Klassischen Moderne hauptsächlich in den dreißiger und frühen vierziger Jahren repräsentiert haben – entweder in der inneren Emigration oder aber im Exil. Hinzu kommen Künstler, die zumindest phasenweise von surrealistischen Tendenzen geprägt waren bzw. diese aufgegriffen oder fortgeführt haben. Das künstlerische Umfeld soll dazu ebenso in die Betrachtung einbezogen werden wie der Dadaismus und andere Erscheinungen, die historisch mit dem Surrealismus verbunden sind. In einem eigenen Kapitel wird schließlich das – wenn auch nur kurze, so doch bedeutsame – Wiederaufleben surrealistischer Auffassungen in den ersten Jahren nach dem Krieg thematisiert.

Insgesamt 35 Künstler, geboren zwischen 1879 und 1918, entfalten in rund 100 Werken ein eindrucksvolles Panorama der Findung und Entwicklung unikaler Bildlösungen, die wesentlich den Charakter und das Erscheinungsbild des internationalen Surrealismus bestimmt haben. Zu den bekanntesten Vertretern dieser Kunst deutscher Herkunft zählen so bedeutende Giganten der Moderne wie Hans Bellmer, Max Ernst und Richard Oelze, auch Edgar Ende, Hans Reichel und Wols. Den Dadaismus als geistigen Vorläufer veranschaulichen Werke etwa von George Grosz, Hannah Höch und Kurt Schwitters, das künstlerische Umfeld Meister wie Paul Klee und Robert Michel. Nach dem Krieg zeigte sich die unverbrauchte Vitalität surrealistischer Auffassungen vor allem in Berlin, wo Maler wie Hans Thiemann, Heinz Trökes und Mac Zimmermann tätig waren, die dem Surrealismus deutscher Provenienz zumindest kurzzeitig zu einer erstaunlichen Blüte verhalfen.  Gerd Lindner

Francis Bott: Surreales Paar, 1939, Galerie Axel Demmer, Karlsruhe
03.07. - 10.10.2021

Surrealismus in Deutschland? Kunst von 1919 bis 1949

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