Alexander Calder (1898–1976) ist durch sein Hauptwerk „Têtes et queue“ (1965) seit Jahrzehnten eng mit der Neuen Nationalgalerie verbunden. Erstmals seit über 50 Jahren ist das Werk des weltweit bekannten US-amerikanischen Bildhauers nun in einer großen Ausstellung in Berlin zu sehen. „Alexander Calder. Minimal / Maximal“ spürt der besonderen Dynamik von Größe, Maßstab und Raum im Werk des Künstlers nach. Die gezeigten Objekte reichen von winzigen Miniaturen bis hin zu monumentalen Stabiles und Mobiles, die durch die Gegenüberstellung von Calders abstrakten Formen mit der strengen Geometrie von Mies van der Rohes Gebäude einen poetischen Dialog eröffnen. Der offene, experimentelle Ansatz der speziell für die Glashalle der Neuen Nationalgalerie konzipierten Ausstellung setzt dabei auf die Einbeziehung der Besucher*innen, die Calders Werke teilweise in Bewegung erleben können.

Die denkmalgerechte Sanierung der Neuen Nationalgalerie hat das Gebäude zurückgeführt auf das Erscheinungsbild der 1960er Jahre. Der Bau erscheint heute mehr denn je, als Beispiel einer visionären westlichen Moderne. Kaum ein Künstler ist besser geeignet, die Wiedereröffnung dieses einzigartigen Museums zu begleiten als Calder. Er und Mies sind Zeitgenossen. Beide haben das Kunst- und Architekturverständnis der westlichen Moderne nachhaltig geprägt und bestimmen es in ihren Disziplinen teilweise bis heute. Gerade das Prinzip der Offenheit, das Mies van der Rohes Architektur auszeichnet, findet sich in ähnlicher Weise im vielschichtigen Werk von Calder.

Im Mittelpunkt von „Alexander Calder. Minimal / Maximal“ stehen nicht nur seine spektakulären Maßstabswechsel, sondern vor allem auch Calders radikale Vorstellungen von Skulptur als Handlungsfeld. Das Publikum immer im Blick, nutzte Calder Farbe, Form, Maßstab und Bewegung, um eine völlig neue Art von partizipativer, „sozialer“ Skulptur zu schaffen. Ganz gleich, ob ein Werk in eine Handfläche passt oder einen riesigen öffentlichen Platz einnimmt, Calders Arbeiten verändern unser Raumempfinden nachhaltig.

Ausgehend von den großen Dimensionen der Glashalle liegt der Fokus der Ausstellung auf den späteren Arbeiten des Künstlers. Der technische Fortschritt in der Stahlproduktion hatte dem Bildhauer in den 1950er- Jahren sowohl künstlerisch als auch in den Maßstäben neue Perspektiven eröffnet. Herausragende Beispiele dafür sind Skulpturen wie „Les Trois Ailes“ und „Les Triangles“ (beide 1963) sowie das zentrale Werk der Ausstellung, „Five Swords“ (1976). Die leuchtend rote, expressiv weit ausschwingende Skulptur bildet einen markanten Kontrast zur geometrischen Strenge der Neuen Nationalgalerie. Zugleich ist „Five Swords“ dem Mies Bau durch das Material des Stahls und durch seine Monumentalität eng verbunden.

Auch Calders Mobiles lassen nach 1950 eine erhebliche Veränderung des Maßstabs erkennen. In der Halle sind bedeutende Arbeiten wie „Blizzard“ (1950), „Otto’s Mobile“ (1952) oder das jüngst restaurierte Mobile „Le Cagoulard“ (1954) aus der Sammlung Pietzsch zu sehen. Mit ihren beweglichen, teilweise äußerst filigranen Elementen nehmen die Mobiles die sie umgebenden Räumlichkeiten ein und verändern diese nahezu unmerklich, aber beständig. Diese Transformation der Objekte und des Raums findet sich auch in Calders Miniaturen wieder, die seit den 1940er Jahren entstehen. Seine kleinformatigen Stabiles und Standing Mobiles, die auf einer Metallbasis bewegliche Drahtkonstruktionen balancieren, demonstrieren das die Objekte in ihrem winzigen Format nichts an Ausdrucksfähigkeit einbüßen.

Während der Laufzeit der Ausstellung wird ein Teil der Objekte regelmäßig in Bewegung gesetzt: eine absolute Ausnahme im Museum. Unter den Werken die aktiviert werden, ist auch eine von Calders frühesten performativen Arbeiten und sein erstes hängendes Mobile, „Small Sphere and Heavy Sphere“ (1932/33). Darüber hinaus werden die kleinen Skulpturen zu festen Zeiten außerhalb der schützenden Vitrinen präsentiert und aktiviert – eine intime Vorführung, die es so in einem Museum noch nicht gegeben hat.

Die Ausstellung betont die unterschiedlichen Möglichkeiten, sich mit den Skulpturen und ihrer Wirkung im Raum auseinanderzusetzen. Die Besucher*innen können sie umrunden, wechselnde Perspektiven einnehmen oder sie sogar benutzen, wie im Fall des Schachspiels. Das hier ausgestellte Exemplar hat Calder 1944 geschaffen und es in seinem Haus in Roxbury, Connecticut, aufbewahrt. Für die Ausstellung wurden von Cahiers d’Arts in Zusammenarbeit mit der Calder Foundation originalgetreue Kopien davon hergestellt, mit denen die Besucher*innen spielen können, ganz so wie Calder es ursprünglich vorgesehen hatte. Während der Laufzeit der Ausstellung sind besondere Schach-Aktivitäten geplant, die gemeinsam mit dem Berliner Schachverband entwickelt wurden.

Eine weitere Aktivierung erfolgt mit dem großen Stand-Mobile „Chef d’orchestre“ (Performance Faksimile, 1966/2019). An drei Abenden im Herbst/Winter wird in Kooperation mit der Philharmonie Berlin das von dem US-amerikanischen Komponisten Earle Brown entwickelte „Calder Piece“ (1966) aufgeführt, in dem Calders Skulptur sowohl als „Dirigent“, der das Tempo vorgibt, als auch als Schlaginstrument dient. Aktuelle Informationen zu den Terminen finden Sie zeitnah unter: smb.museum/nng

Während der Eröffnungstage können die Besucher auf der Terrasse zudem Calders BMW Art Car (Artist Proof, 1975/2021) bewundern. Das in leuchtenden Farben und organischen Formen gestaltete Auto ist nicht nur ein weiterer Beleg für die besondere Rolle von Bewegung in Calders Werk, sondern verdeutlicht gleichzeitig dessen Haltung, Kunst nicht als elitäre Ästhetik, sondern als unmittelbares Erfahrungsmedium aufzufassen. Gerade in der fehlenden Exklusivität und offenen Anlage ihrer Arbeiten treffen sich Calder und Mies van der Rohe, dessen größter Verdienst es war, das Bauen von festen Raumumgrenzungen zu befreien und es für den sozialen Raum zu öffnen.

Neben Werken aus der Sammlung der Nationalgalerie zeigt „Alexander Calder. Minimal/Maximal“ herausragende Leihgaben der Calder Foundation, New York, dem Musée National d’Art Moderne, dem Centre Pompidou, Paris, der Fondation Beyeler, Riehen/Basel, der David and Ezra Nahmad Collection und dem Sprengel Museum Hannover. Das zentrale Werk der Ausstellung ist die Monumentalplastik „Five Swords“ (1976), die dank der Unterstützung der Calder Foundation erstmals in Europa zu sehen ist.

Die Ausstellung ist kuratiert von Joachim Jäger, Udo Kittelmann und Maike Steinkamp. Sie findet in enger Zusammenarbeit mit der Calder Foundation, New York statt.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Prestel Verlag mit Texten von Beryl Gilothwest, Elizabeth Hutton Turner, Joachim Jäger, Kaitlyn A. Kramer, Nina Schallenberg, Robert Slifkin und Maike Steinkamp. Alexander Calder. Minimal / Maximal, Ausstellungskatalog Neue Nationalgalerie, Prestel Verlag, München/London 2021. Eine Publikation der Staatlichen Museen zu Berlin. Preis: ca. 25 Euro

Die Ausstellung wird ermöglicht durch die Freunde der Nationalgalerie.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Mittwoch: 10:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 20:00 Uhr
Freitag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: smb.museum