Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G) präsentiert erst­mals einen umfassenden Überblick zum Werk der Fotografin Hildegard Heise (1897–1979). Ihre Arbeiten, die zwischen 1928 und Anfang der 1970er-Jahre entstanden, sind eine Wiederentdeckung. 1930 stellte Heise gemeinsam mit Fotograf*innen der Avantgarde wie Max Burchartz, Andreas Feininger, Hans Finsler, Hein Gorny oder Anneliese Kretschmer auf der „Internationalen Ausstellung – Das Lichtbild“ in München aus. Dieser Zeit des Aufbruchs mit neuen Perspektiven für Frauen folgte nach 1945 eine systematische Ausblendung von Künstler*innen. So blieb auch Heises fotografisches Werk im Privaten, geriet in Vergessenheit und ist weitgehend unerforscht. Mit rund 160 Arbeiten würdigt die Ausstellung die Fotografin und ihr Werk. Als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit wählte Heise häufig enge Ausschnitte und betonte Struktur, Oberfläche und Form ihrer Sujets. Ihre Themen sind Sachfotografie, Porträt und insbesondere das Kinderbildnis, Städteporträt, Reisefotografie und Landschafts­dar­stellung. Bis 1933 lebte sie in Lübeck und von 1945 bis 1959 in Hamburg, wo sie das kulturelle Leben gemeinsam mit ihrem Ehemann Carl Georg Heise, ab 1945 Direktor der Hamburger Kunsthalle, mitprägte. Die Malerin Anita Rée, der Grafiker und Maler Alfred Mahlau und der Fotograf Albert Renger-Patzsch zählten zu ihren engen Freund*innen. In dieser Zeit ent­standen auch zahlreiche Porträts etwa von Oskar Kokoschka, Karl Schmidt-­Rottluff oder der Weberin Alen Müller-Hellwig. Heises Nachlass wird im MK&G aufbewahrt und umfasst rund 3000 Aufnahmen und 2400 Negative.

Die Ausstellung ist entlang der wichtigen Arbeitsfelder Heises gegliedert. In ihren SACHFOTOGRAFIEN betonte Heise grafische Strukturen und die formalen Qualitäten der Bildgegenstände. So nahm sie etwa 1930 die Badekarren im französischen Carolles aus ungewöhnlicher Perspektive auf oder zeigt Zinnen der Lübecker Rathaustürme in ihrer Reihung. Den abgestoßenen Oberflächen der „Vielgeliebten Puppen“ (1928) schenkte sie gleich viel Aufmerksamkeit wie den Oberflächen der technischen Porzellangefäße einer Berliner Porzellanmanufaktur.

Modelle für ihre PORTRÄTS findet Hildegard Heise in ihrem Umfeld, bei Freund*innen oder bildenden Künstler*innen wie Oskar Kokoschka, Karl Schmidt-Rottluff und Alfred Mahlau. Oftmals sind es Halbporträts, in denen sie sich auf das Gesicht der Dargestellten konzentrierte und mit dem großen Thema ihrer Zeit, der Physiognomie aus­einander­­setzt. Das Kinderbildnis – in der damaligen Zeit vor allem Foto­grafinnen zugeordnet – wird zu einem Schwerpunkt Heises, den sie über die Jahre weiterverfolgte. Sie entstehen im Auftrag, aber auch im Freundeskreis, wo sie als aufmerk­same Beobachterin scheinbar nebenbei Situationen und Momente aufnimmt.

Von Emden erstellte Hildegard Heise 1934–1936 ein umfangreiches STÄDTEPORTRÄT, in dem sie Fotografien von Menschen, von der Stadt und der norddeutschen Deichlandschaft miteinander verschränkt. Ihr Blick auf Emden setzt sich zusammen aus Aufnahmen von Schiffern, Fuhr­männern und anderen Berufsgruppen, vom Hafen mit der Heringsfabrik, von der Architektur und Kulturdenkmälern der Hansestadt. Das Stilmittel der Verknüpfung verschiedener Perspektiven wird Hildegard Heise in den folgenden Jahrzehnten beibehalten.

1937/38 begab sie sich mit ihrem Mann auf eine längere Reise zu den Inseln St. Thomas, St. Croix, Jamaika und Hispaniola auf der Suche nach den Spuren ihrer karibischen Großmutter. In dieser FOTOGRAFISCHEN REISEREPORTAGE zeichnet Heise ein dichtes Bild aus Porträt-, und Landschafts- und Architekturdarstellungen. Neben dem Meer, der exoti­schen Vegetation und der Architektur galt ihr Interesse vor allem den Menschen und den Lebenswelten verschiedener gesellschaftlicher Klassen. So fotografierte sie die Gattin eines Pfarrers, eine elegant gekleidete karibische Dame auf einer Fähre ebenso wie ein Zimmer­mädchen im Grandhotel oder die Kinder von Markt­verkäufer*innen. Mit ihrem Fokus auf alltägliche, menschliche Erfahrungen wies Heise bereits auf die Interessen der humanistischen Fotografie der Nach­kriegszeit voraus. Nach dem Krieg wurde Heises Reisefotografie spontaner und situativer. Im Neapel der 1960er Jahre hielt sie das bunte Treiben am Hafen fest, 1969 beobachtete sie die Arbeiten an einem finnischen Holzhafen mit der Kamera. Heises ausgeprägtes Interesse an einem breiten Gesellschafts­porträt unterschiedlicher sozialer Klassen und Kulturen begegnet den Betrachtenden in ihren Aufnahmen in New York (1970) im Central Park wieder.

Ein durchgängiges Thema in Heises Werk ist die LANDSCHAFTSFOTO­GRA­FIE. Bis ins hohe Alter beschäftigte sich die Fotografin immer wieder in fast meditativer Wiederholung mit Bäumen und Wurzelwerk und bleibt dabei ihrem sachlich-nüchternen Ansatz treu. Die Auseinandersetzung mit der Naturbeobachtung intensivierte sie noch einmal nach dem Umzug nach Nußdorf am Inn, wo ab 1960 umfangreiche Serien über die ober­bayerische Winterlandschaft in der Umgebung ihres neuen Wohnorts entstanden. Ab ca. 1965 fotografierte Hildegard Heise parallel in Schwarz-Weiß und mit Farbdias. Den Abschluss der Ausstellung bildet eine Installation ihrer 6 x 6-Dias, die ihre späten Naturaufnahmen zeigen. Bis zu ihrem Lebensende bleibt die Fotografie ein wichtiges Ausdrucksmittel. Noch aus dem Fenster des Wohnstifts fotografierte Heise die vorüber­ziehenden Wolken.

Hildegard Heise, 1897 in Lübeck geboren, wurde während des ersten Weltkriegs zunächst als Kindergärtnerin, Säuglingsschwester und Für­sorgerin ausgebildet, ein für ihre großbürgerliche Herkunft ungewöhnli­cher Beruf, der von sozialem Engagement zeugt. Nach ihrer Heirat 1922 mit Carl Georg Heise gab sie ihren Beruf auf. Das Fotografieren erlernte Hildegard Heise 1928 bei dem gleichaltrigen Fotografen Albert Renger-Patzsch, mit dem sie und ihr Ehemann Carl Georg Heise, damals Museumsdirektor in Lübeck, freundschaftlich verbunden waren. Sie begleitete Renger-Patzsch als Assistentin nach Holland und ins Elsass. 1929 und 1930 setzte sie ihre Ausbildung bei Hans Finsler (Leiter der Fotoklasse der Kunsthochschule Burg Giebichenstein, Halle) und für drei Monate in dem Wiener Porträt-Atelier von Grete Kolliner fort. 1930 stellte sie auf der „Internationalen Ausstellung – Das Lichtbild“ in München aus. Es folgten Beteiligungen an der Präsentation der „Sammlung Kurt Kirchbach“ im Hamburger Kunstverein 1932 und an einer Schau über Contemporary German Photography am Mills College in Kalifornien um 1934 sowie Veröffentlichungen in Magazinen wie Atlantis, Das Deutsche Familienblatt und dem Allgemeinen Wegweiser. Ihre Bilder vertrieb Heise über die Bildagenturen Bavaria und kind-foto und nahm Aufträge zur Dokumentation künstlerischer, kunstgewerblicher und architektonischer Werke an, wie etwa für die Publikation „Das Lübecker Orgelbuch“ (1931). Von 1945 bis Anfang der 1970er Jahre setzte Heise ihre künstlerische Tätigkeit im Privaten fort.