Mit einem Beitrag von Beverly Buchanan. In Kooperation mit Dental, Chiara Figone, Joerg Franzbecker, Emma Wolf-Haugh, und Saidou Ndiaye

Wir freuen uns, die Arbeiten der Künstlerin Gitte Villesen (*1965, DNK) in einer Einzelausstellung zu präsentieren, die von einem vertiefenden Vermittlungs- und Veranstaltungsprogramm begleitet wird. Die Ausstellung konzentriert sich auf aktuelle Projekte der Künstlerin, darunter zwei für den Kunstverein produzierte Videoinstallationen.

Bis vor wenigen Jahren entwickelte Gitte Villesen ihre in erster Linie filmischen und fotografischen Werke als situative Begegnungen mit Protagonist:innen, die nicht nur in den bewegten Bildern des Videos präsent sind, sondern auch als wichtige Dialogpartner:innen der Künstlerin nachvollziehbar werden. Beispielhaft hierfür stehen die Filme It runs about like ants (2015) und The Play, The Actor, The Improvisation (2019), eine Kollaboration mit Dental, Amadou Sarr and Saidou Ndiaye. Villesens Praxis des Erzählens und Wiedererzählens als Formen der mannigfaltigen Montage von Begegnetem, Inszeniertem und Archivischem setzt sich in ihren neuen Projekten fort, die aber zugleich mit Bezügen zur feministischen Science-Fiction-Literatur durchzogen sind (Ursula K. Le Guin, Octavia E. Butler und Suzette Haden Elgin). So entsteht eine vielstimmige Struktur der verschiedenen Ausstellungsbeiträge und wird zur Basis für eine Neubefragung des präsentierten Materials im Vermittlungs- und Veranstaltungsprogramm.

Die Videoarbeit Deeply immersed in the content of a learning stone (2016/17) entstand in einer kollaborativen Auseinandersetzung mit der Pubertät im Kontext der zeitgenössischen Krisen des Embodiment und untersucht die Transformation von körperlichen und mentalen Zuständen. Eine der Nacherzählungen in diesem Film ist Ursula K. Le Guins Das Wort für Welt ist Wald. Die im Roman beschriebene Gesellschaft eines Planeten unterscheidet nicht zwischen Wach- und Traumzeit. Sie hat sich das bewusste Träumen antrainiert. Der Film selbst wechselt zwischen fiktiven und realen Charakteren und Bildern von einem Bewusstseinszustand zum anderen.
In der Videoinstallation There is an Affinity (2019) spürt Villesen Darstellungen von Pflanzen und deren Inszenierungen in den Dioramen des Botanischen Museums in Berlin nach. Ihr Interesse gilt den Zeichnungen des Botanikers R. H. Francé (1874–1943) und ihren daraus entstehenden sicht- wie fühlbaren Beziehungsgeflechten. So wird im Film eine von Francé angefertigte Zeichnung stark vergrößerter Bodenorganismen mit einem Zitat der Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler kombiniert. In diesem Zitat unternimmt eine Hauptfigur der Geschichte ihren ersten Spaziergang auf einem Raumschiff – einem Schiff, das teilweise Pflanze, Lebewesen und Maschine ist.
Eine weitere explizit audiovisuelle Wesensverwandtschaft entfaltet die für die Ausstellung neu produzierte und titelgebende Videoarbeit: Beim Durchstreifen realer und fiktiver Landschaften wird erzählt, wie Sprachen erzeugt und Signale gesendet werden. Die Aufzeichnungen verweisen auf eine Fragilität und Empfindsamkeit derartiger Äußerungen, die aber auch mit Formen der Selbstermächtigung einhergehen; beides findet sich in so unterschiedlichen Erscheinungen wie der Mimose oder der Legasthenie.
The Flyers of Lucy and Suzanne (2021; gemeinsam mit Joerg Franzbecker) zeigt anhand der aktivistischen Praxis der Künstlerinnen Claude Cahun und Marcel Moore, wie sich vorherrschende Annahmen gegenüber exzentrischen nicht-männlichen Personen als Basis für eine konspirative Praxis einsetzen lassen: das Paar propagierte mit intellektueller Raffinesse und künstlerischen Mitteln lange unentdeckt gegen die deutsche Besatzung der Kanalinsel Jersey während des Zweiten Weltkriegs. Hervorgehoben sind zudem die Arbeiten der Künstlerin Beverly Buchanan (1940–2015), die die künstlerische Praxis von Gitte Villesen seit einiger Zeit begleiten und auch in der Ausstellung präsent werden.

Das Bildungs- und Veranstaltungsprogramm umfasst einen Science-Fiction-Workshop mit der Künstlerin Emma Wolf-Haugh und Gitte Villesen sowie eine Veranstaltung mit Saidou Ndiaye, Dramatiker und Gründungsmitglied der Theatergruppe Kàddu Yaraax in Dakar, und Chiara Figone, Gründerin von Archive Books, Berlin und Mailand. Joerg Franzbecker und Gitte Villesen führen eine Materialsichtung durch, die neben Führungen und einem Künstlerinnengespräch die Inhalte vertieft. Die Kuratorin und Autorin Jennifer Burris und die Künstlerin Park McArthur verfassen einen Text über das Werk von Beverly Buchanan für die Ausstellung und halten einen Vortrag im Rahmen des Programms.

Gitte Villesen (*1965, Ansager, DNK) lebt und arbeitet in Berlin. Villesen nahm an bedeutenden internationalen Festivals teil u.a. VIDEONALE.scope #6: The Cracks, Not the Mirror, Köln, DEU (2018); Kasseler Dokfest, Kassel, DEU (2017); CPH:DOX, Copenhagen International Documentary Film Festival, Kopenhagen, DNK (2015, 2014 und 2008). Zu ihren letzten internationalen Ausstellungen zählen u.a. Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig, DEU (2020); nGbK und Botanisches Museum, Berlin, DEU (2019); M.1 / Arthur Boskamp-Stiftung, Hohenlockstedt, DEU (solo, 2017); Archive Kabinett, Berlin, DEU (solo, 2017); Heidelberger Kunstverein, DEU (2016); Kisterem, Budapest, HUN (solo, 2014); Latvian Centre for Contemporary Art (LCCA), Riga, LVA (solo, 2014); Ebenso war sie im Dänischen Pavillon auf der 51. Biennale in Venedig und an der Manifesta 2 in Luxemburg vertreten. 2015 wurde ihre Arbeit Telling und Retelling auf dem Campus Roskilde des University College Zealand installiert.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Freitag: 11:00 - 19:00 Uhr
Samstag - Sonntag (Feiertage): 11:00 - 17:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: badischer-kunstverein.de

08.10. - 05.12.2021

Gitte Villesen: It changed radically: grew fur again, lost it, developed scales, lost them

Badischer Kunstverein

Waldstraße 3
76133 Karlsruhe