In den Niederlanden gehört Erwin Olaf (*1959) zu den berühmtesten Künstlern der Gegenwart. Nun widmet ihm die Kunsthalle München die erste umfangreiche Einzelausstellung in Deutschland. Ausgewählte Fotografien, Kurzfilme, Skulpturen und Multimedia- Installationen aus über vierzig Schaffensjahren zeigen in loser Chronologie Olafs Entwicklung vom analog zum digital arbeitenden Künstler, vom rebellischen Foto-Journalisten der 1980er- zum raffinierten Geschichtenerzähler der 2000er-Jahre. Den Abschluss der Ausstellung bildet seine neueste Serie Im Wald (2020), die eigens für die Retrospektive in derKunsthalle entstanden ist.

Für seine Werke entwirft Olaf bis ins kleinste Detail durchdachte Welten, die der unseren zwar zum Verwechseln ähnlichsehen, jedoch oftmals Rätsel aufgeben: Hinter der makellosen Ästhetik, die der Film- und Werbeindustrie entlehnt ist, scheint Verdrängtes zu lauern. Auch entpuppt sich die Kulissenhaftigkeit seiner Inszenierungen oft als Hinweis auf Abgründiges. Der Fotokünstler setzt bewusst auf Irritationen, bedient sich vieldeutiger Symbolik und gestaltet seine Erzählungen bedeutungsoffen. So bleibt es dem Publikum überlassen, sich den Anspielungen gegenüber zu öffnen und die Leerstellen mit eigenen Assoziationen und Interpretationen zu füllen.

ZWISCHEN POLITIK UND POESIE
»Ich ergreife Partei für die Freiheit. Die Freiheit des Individuums, das nicht von einer bestimmten Gruppe dominiert werden darf.«

Bereits während seines Journalismus-Studiums, das Olaf 1980 in Utrecht abschloss, wurde ihm bewusst, dass er seine Geschichten nicht mit Worten, sondern mit Bildern erzählen wollte. Anfang der 1980er-Jahre veröffentlichte er in internationalen Publikationen der LGBT- Szene erste dokumentarische Fotografien. Zeitgleich arbeitete er an Fotoserien, in denen er Fragen nach Demokratie, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aufwarf. Wie ein roter Faden zieht sich Olafs politisches und soziales Interesse durch sein Œuvre. Bis heute gehört er zu den prominenten Stimmen, die sich in den Niederlanden für das Recht des Einzelnen auf freie Entfaltung einsetzen. Im Kampf für Toleranz und Akzeptanz schreckt er vor keiner Kontroverse zurück.

In seinem Frühwerk nutzte der Künstler das Mittel der Provokation, um gesellschaftliche Diskussionen anzustoßen. So etwa in seiner 1987/88 entstandene Serie Chessmen, die den Menschen als sexuelles Wesen in den Fokus rückt und ihn in subversiv erotischen Machtgefügen darstellt. Seit den 2000ern sind es vor allem Stimmungen und Gefühle, die er inszeniert – wie etwa das Weinen der ersten Träne nach einer erschütternden Nachricht in Grief (2007) oder den Zwischenzustand des Wartens in der gleichnamigen Serie Waiting (2014). Aber auch konkrete politische Ereignisse greift Olaf wiederholt auf. In den Werkreihen Troubled, Awakening und Tamed & Anger (alle 2015) verarbeitet er beispielsweise die Pariser Anschläge von 2015 auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo und das Kulturzentrum Bataclan.

INSPIRATION MALEREI
Seit seinen künstlerischen Anfängen hat Olaf sich nicht nur von Werken anderer Fotograf*innen, sondern auch von Gemälden inspirieren lassen. Die Auseinandersetzung mit den alten Meistern brachte ihn zum Beispiel auf die Idee zu der 1985 begonnen Serie Ladies Hats. Hinsichtlich der Komposition und Lichtführung ließ er sich dafür insbesondere von den Selbstbildnissen Rembrandts anregen. Die Reminiszenz an die Darstellungen von Männern mit Kopfbedeckungen in Werken des Goldenen Zeitalters wandelte er jedoch konzeptuell um, indem er seine Modelle Damenhüte tragen ließ. Dabei ging es ihm unter anderem um den Einfluss, den Kleidung auf das psychische Befinden und damit auf die Haltung und den Ausdruck einer Person hat. Auch bei seiner neuesten Serie Im Wald (2020) stand die Malerei Pate. Hier klingen Gemälde des Romantikers Caspar David Friedrich oder des Symbolisten Arnold Böcklin an. Anders als in den Werken des 19. Jahrhunderts, scheint der Mensch in Olafs großformatigen Schwarzweiß-Fotografien jedoch die Verbindung zur Natur verloren zu haben. Für Olaf war dieses Shooting in der bayerischen und österreichischen Bergwelt ein Novum: Erstmals arbeitete der Künstler in der freien Natur.

FOTOGRAFIE MULTIMEDIAL
Seit Anfang der 2000er-Jahre fügte der Künstler seinen fotografischen Serien auch andere Medien hinzu. So drehte er für die Serie Rain (2004), in der die Dargestellten in Momenten der Handlungsunfähigkeit erstarrt scheinen, einen zugehörigen Kurzfilm. Dadurch erweiterte er die erzählerischen Möglichkeiten der Fotografie um den zeitlichen Ablauf des Bewegtbildes. Indem er beide Medien gemeinsam ausstellt, werden die Fotografien außerdem in eine Tonkulisse eingebettet. In anderen Videoarbeiten, wie etwa Life – For Mom (2016) – einer Hommage an seine verstorbene Mutter – lotet Olaf die Grenzen zwischen den Medien Fotografie und Film aus. Bestehend aus einem Zusammenschnitt tausender Einzelbilder, die der Künstler über einen Zeitraum von zehn Tagen minütlich von einem Tulpenstrauß aufgenommen hatte, entstand ein Film, der in Endlosschleife den Kreislauf von Vergehen und Werden durch das Verwelken und Aufblühen der Blumen sichtbar macht.

In der Werkreihe Europa (2016) setzte sich Olaf mit Ereignissen auseinander, die zu Diskussionen über den gesellschaftlichen Umgang mit Körper und Geschlecht geführt hatten. Um den zentralen Aspekt der Körperlichkeit im Ausstellungsraum zu vermitteln, fotografierte Olaf seine Modelle dreidimensional ab und ließ auf dieser Grundlage Skulpturen fertigen. So entstand zum Beispiel die fast drei Meter große Skulptur Eine Armlänge Abstand als kritischer Kommentar auf die Polemik nach den Übergriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015/16.

KONSTRUIERTE WELTEN
»Wollte ich die gewöhnliche Welt sehen, würde ich das Fenster öffnen.«
Blacks (1990) ist eine Schwarz-in-Schwarz gehaltene Serie mit barock inszenierten Bildnissen eines fiktiven Hofstaates. Für die Realisierung arbeitete Olaf erstmals mit einem Team von Spezialist*innen für Maske, Kostüm und Bühnenbild zusammen. Seine darauffolgenden Projekte nahmen zunehmend den Umfang großer Filmproduktionen an. Anfang der 2000er begann Olaf zudem, die digitale Fotografie samt den Möglichkeiten der Bildmanipulation zu nutzen. So setzte er in Royal Blood (2000) Modelle beispielsweise als Sissi oder Prinzessin Diana in Szene – in der Bildsprache klassischer Märtyrerdarstellungen, verwundet und blutbefleckt. Das Ausloten des Verhältnisses zwischen Fakten und Fiktionen ist bis heute ein wesentliches Merkmal von Olafs künstlerischem Schaffen.

Erst in den letzten Jahren entwickelte Olaf seine Serien ausgehend von existierenden Orten und lässt damit die Grenzen zwischen Realem und künstlerischer Fiktion zunehmend verschwimmen. So verließ Olaf beispielsweise für die Trilogie Berlin (2012), Shanghai (2016) und Palm Springs (2018) sein Studio und fotografierte an charakteristischen Schauplätzen der titelgebenden Städte.

Anlässlich des 60. Geburtstags des Künstlers zeigten das Kunstmuseum und das Fotomuseum in Den Haag 2019 eine äußerst erfolgreiche Doppelausstellung. Im selben Jahr wurden ausgewählte Fotografien Olafs im Rijksmuseum in Amsterdam ausgestellt. Bei der Eröffnung wurde er zum Ritter des Ordens vom Niederländischen Löwen geschlagen.