Der DAM Preis 2021 geht an MVRDV und N-V-O NUYKEN VON OEFELE ARCHITEKTEN für WERK 12 in München.

Das WERK12 steht auf dem ehemaligen Pfanni-Gelände nahe des Münchner Ostbahnhofs. Das Areal entwickelt sich seit einigen Jahren zu einem experimentierfreudigen Stadtviertel. Umlaufende breite Balkonstege und Kaskadentreppen charakterisieren das Gebäude nach außen; seinen frisch-frechen Auftritt erhält es durch riesige Buchstaben mit Comics entlehnten Lautmalereien an der Fassade. Der freie Platz vor dem Haus unterstützt seinen Auftritt. Die Bilder des niederländischen Expo 2000- Pavillons tauchen nicht von ungefähr vor dem geistigen Auge auf: Er animierte den Bauherren zu dem Auftrag. Innen weist der fünfgeschossige Bau eine hohe Flexibilität für verschiedenste Nutzeransprüche auf. Durch eingezogene Galerien in den hohen Räumen entstehen zusätzliche Ebenen. Offene Installationen und Sichtbeton prägen das Innere. Ein Fitness-Studio belegt drei Etagen, eine davon mit Pool. Dazu kommen verschiedene Gastronomienutzungen und Büroflächen.

Seit 2007 werden mit dem DAM Preis jährlich herausragende Bauten in Deutschland ausgezeichnet. 2021 wird der Preis vom Deutschen Architekturmuseum (DAM) bereits zum fünften Mal in enger Zusammenarbeit mit JUNG als Kooperationspartner vergeben.

DIE LONGLIST
Für den DAM Preis nominiert das Museum – seit 2016 auch unter Berücksichtigung von Vorschlägen der Architektenkammern – 100 bemerkenswerte Gebäude oder Ensembles. Die nominierten Bauwerke für den DAM Preis 2021 mussten zwischen Ende 2018 und Frühjahr 2020 fertiggestellt sein. Grundsätzlich bestand für die Nominierung der Bauten auf der Longlist keine Einschränkung auf eine bestimmte Bautypologie, Mindestgröße oder Bausumme.

Neu seit 2017 ist, dass alle Bauten dieser Nominierungsliste, geographisch sortiert, jährlich im Architekturführer Deutschland vorgestellt werden. Die Ausgabe 2021, von DOM publishers verlegt, ist bereits im Handel. Gleichzeitig ist die Longlist auch im Internet unter dam-preis.de einsehbar. Über die Jahre entsteht so zusätzlich ein digitales Archiv bemerkenswerter Gebäude in Deutschland.

DIE SHORTLIST
Eine Expertenjury unter Vorsitz von Alexander Schwarz (David Chipperfield Architects, Gewinner des DAM Preis 2020) bestimmte aus dem Feld der Longlist 22 Projekte für die engere Wahl der Shortlist zum DAM Preis 2021. Eine Auswahl von vier Bauten deutscher Architekten im Ausland kommt außer Konkurrenz hinzu.

Anmerkung: Ein Projekt – die adidas Arena in Herzogenaurach von Behnisch Architekten – wurde allerdings mit dem Lockdown konsequent für die Öffentlichkeit geschlossen. Damit war es nicht möglich, eine Autorin oder einen Autor für eine Kritik zu einem Gebäude zu entsenden. Deshalb wird die Vorstellung der adidas Arena auf die kommende Ausgabe des DAM Jahrbuchs verschoben – in der Hoffnung, dass 2021 ein Besuch in Herzogenaurach wieder möglich sein wird.

Facetten des Wohnungsbaus finden sich in der Shortlist etwa mit einem an industriellen Beispielen orientierten Systembau in Berlin und einem die Vorgängerbebauung mit Spolien zitierenden Baukomplex in Nürnberg. Kindertagesstätten werden mit zwei konträren Planungen vorgestellt: eine feine Holzkonstruktion in Ditzingen und die Umwandlung einer wenig bemerkenswerten Villa in eine umso frischere Kita in Memmingen.

Wie vielfältig, wie kommunikationsfördernd können Verwaltungsgebäude sein? Im Sinne einer Corporate Architecture beispielhaft ist die anthroposophisch inspirierte Zentrale der Drogeriekette dm in Karlsruhe- Durlach. Nicht zuletzt gehören auch ortsprägende Sonderbauten zu der Auswahl: Dazu zählt die Hochwasser-schutzanlage und Uferpromenade am Hamburger Niederhafen ebenso wie die innovative Holzkonstruk-tion des Urbachturms im schönen Remstal.

DIE FINALISTEN
Auf einer gesonderten Juryfahrt Ende August 2020 wurden die vier gewählten finalen Bauensembles von der Jury vor Ort besichtigt.

DIE BAUTEN IM AUSLAND
Nicht in der Auswahl für den DAM Preis, aber seit vielen Jahren ein fester Bestandteil dieser Übersicht zur deutschen Gegenwartsarchitektur, sind die Bauten von Architekturbüros aus Deutschland in anderen Ländern: Bolles + Wilson realisierten in Luxemburg die BnL – Bibliothèque nationale du Luxembourg. In Hangzhou in China entstanden ist der Südbahnhof von gmp Architekten von Gerkan Marg und Partner. Ingenieure ohne Grenzen e.V. setzten die Rising Star School für Hopley in Harare, Simbabwe um. Und schließlich wird das Unternehmens- und Besucherzentrum GRÜNE ERDE-WELT, Steinfelden, Österreich von Terrain: Integral Designs gezeigt.

DAM PREIS 2021 – PREISTRÄGER

WERK 12, München
MVRDV und N-V-O NUYKEN VON OEFELE ARCHITEKTEN
Der neue Stadtteil Werksviertel liegt südöstlich des Ostbahnhofs. Hier entsteht seit etwa zehn Jahren ein transformierter Industriestadtteil, der deutliche Erinnerungen und bauliche Symbole an sein Vorleben stehen lässt. Hallen, Silos und Bahngleise zeugen von der Zeit, als hier nicht nur Pfanni-Knödel hergestellt wurden, sondern auch Zündapp-Motorräder, Kleidung und vieles mehr. Dies ist kein Wunder, denn die früheren Pfanni-Eigentümer vergeben freie Flächen nur im Erbbaurecht, statt sie zu verkaufen – wenn sie nicht selber als Entwickler auftreten.

Inzwischen wuchert eine bunte Mischung aus Gastronomie und Hotels (plus Hostel), Start-Ups und Künstlerateliers über subkulturelle Bühnen bis hin zu neuen Wohnungen und Schulen an diesem Knotenpunkt der S-Bahn-Stammstrecke, nur drei Stationen vom Marienplatz entfernt. Die hohe Kultur in Form einer Konzerthalle für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks soll ebenfalls eines Tages dort realisiert werden. 

Am zentralen Platz des Viertels, passenderweise Knödelplatz getauft, steht das WERK 12, ein Bauwerk, das sich selbst als krasses Gegenstück zur Münchner Innenstadt inszeniert. Im Sommer 2020 wirkten manche der Elemente, die vor Jahren bereits entworfen wurden, besonders eindrucksvoll. So garantieren außen liegende, mehr als drei Meter breite Terrassen mit ihren eingeschriebenen, einläufigen und klimatisch offenen Betontreppen einen wichtigen Aspekt der »Neuen Normalität«, die von vielen bevorzugte Nutzung des Außenraums zu Vermeidung einer Covid-19-Infektion. Am äußeren Rand der Terrassen sorgt ein Sonnenschutz für Verschattung. Für das Konzept des Hauses aus fünf übereinander gestapelten doppelgeschossigen Plattformen war eine, mitsamt des Aufzugs, vollständig außenliegende Erschießung unerlässlich. So stand jedes Geschoss zur freien Verfügung offen – das wurde weidlich genutzt, denn eigentlich sind durch Galerien im Wechselspiel mit doppelgeschossigen 5,50 Meter hohen Räumen sogar auf zehn Geschossen Nutzungsmöglichkeiten entstanden. Verglasungen vom Boden bis zur Sichtbetondecke schaffen eine enge Verbindung zwischen innen und außen. 

Hauptmieter ist ein über 4.500 Quadratmeter großes Fitness-Studio, das sich über drei Geschosse erstreckt. Eine Nutzung, die perfekt zum Image von München als Hauptstadt des gehobenen Körperkults passt. Im Erdgeschoss wird dieses Studio von mehreren Gastronomiebetrieben unterfüttert. Oben auf der Penthouse-Ebene blickt eine Mobilitätsforschungsgruppe von Audi in die Zukunft und möglicherweise bald auch eine Bar in die große Weite (deren Fläche aber wegen Corona beim Jurybesuch noch nicht vermietet war). 

MVRDV haben mit ihrem Entwurf an ihre eigene grandiose Frühzeit angedockt. Der alte Niederländische Pavillon von der Expo Hannover 2000 hatte mit der gestalterischen Aussage von Wandelbarkeit und Flexibilität dem Bauherrn so imponiert, dass er Jacob van Rijs von MVRDV ursprünglich bat, diesen einfach nach München zu translozieren. So befruchtete der alte Traum der gestapelten niederländischen Landschaften die neuen gestapelten Landschaften im Münchner Körpertempel. Eine äußerst fruchtbare Verwandlung! Die sich in ebenso fruchtbarer Kooperation vollzogen hat: Das beteiligte Büro N-V-O war im Werksviertel bereits mit dem Umbau der Kartoffellagerhalle zum Theaterbau WERK 7 in unmittelbarer Nachbarschaft aktiv.

DAM PREIS2 021 MVRDV WERK12 MUENCHEN Foto: Ossip von Duivenbode
30.01. - 13.06.2021

DAM Preis 2021 – Die 25 besten Bauten in\aus Deutschland

DAM - Deutsches Architekturmuseum

Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main