Die Malerei Franz Radziwills (1895–1983) ist international durch großformatige Endzeitszenarios mit mahnender Symbolik bekannt. Diese Motive bilden jedoch nur einen Teil seines künstlerischen Schaffens. Wie seine Stillleben und Land- schaften bezeugen, besitzt der Maler auch eine beschauliche, friedvolle Seite. In der aktuellen Ausstellung sind Beispiele dieser stillen Werke versammelt. Präsentiert werden rund 30 Gemälde, ergänzt um Aquarelle und Zeichnungen, aus den Jahren 1920 bis 1970. Die ausgewählten Leihgaben stammen ausschließlich aus Privatbesitz und wurden in der Vielzahl noch nie öffentlich ausgestellt.

Stillleben faszinieren immer wieder durch den nahsichtigen Blick auf alltägliche Dinge. Sie scheinen ein Geheimnis zu bergen, das den schlichten Motiven eine magische Dimension verleiht. Als würden sie auf einer Bühne präsentiert, scheinen die Dinge die Betrachtenden aufzufordern: „Seht her, erkennt unsere Seele!“. In diesen Bildern hat die Stille viele Facetten, angefangen vom überwältigenden Glück über die Erscheinungen der Natur bis hin zu Betrachtungen einfacher Haushaltsgegenstände. Die oftmals kleinformatigen Gemälde zeigen Ansichten aus dem eigenen Garten, Sträuße zarter Wildblumen, fein lasierte Krüge, die an die väterliche Töpferwerkstatt erinnern, oder Pinsel und Farbtuben in seinem Atelier. Malerisch besitzen sie auf der Fläche der Leinwand eine solche Plastizität, dass sie zum Anfassen reizen. Viele Bildgegenstände sind als Inventar heute noch im Künstlerhaus zu finden.

Die Landschaftsbilder sind geprägt von den täglichen langen Spazier- gängen des Malers durch das Dorf und seine Umgebung. Wie andere Tagebuch schreiben, malte er sozusagen„Tagebilder“, deren Atmosphäre wir heute mit Begriffen wie Entschleunigung oder Besinnung verbinden. In ihrer meditativen Ruhe vermitteln die Gemälde auch ein wiederkehrendes Staunen:„Das größte Wunder ist die Wirklichkeit“, be- tonte Radziwill oft genug. Der Satz wurde zum Leitspruch seiner Malerei. Neben dem Erlebnis unberührter Natur vermitteln Frühling- und Herbst-, Sommer- und Winterlandschaften als erkennbare Jahreszeiten auch Momente des Geborgenseins, der Entspannung und des Träumens. In diesen Bildern zeigt sich Radziwills tiefe Verbundenheit mit der Landschaft und ihrer Flora und Fauna. Die Liebe zu dem, was er an der Wattenmeer-Küste für sich entdeckte, machte ihn zu einem frühen Streiter für den Erhalt ihrer Ursprünglichkeit.

Gleichzeitig richtet die Ausstellung einen Blick in die Kunstge- schichte, denn sie verbindet zwei Bildgattungen, die sich erst in der Renaissance herausbildeten. Bis zum 15. Jahrhundert diente die Natur lediglich als Kulisse zur Verdeutlichung von biblischen und mythologischen Szenen. Mit Künstlern wie Albrecht Dürer erhielt die Natur ihre Eigenbedeutung im Bild. In der Folgezeit wurde auch das Stillleben als „Nature Morte“ ein bildwürdiges Thema, bis die Niederländer das Sujet im 17. Jahrhundert zur höchsten Blüte brachten. Radziwill, der sowohl Traditionalist wie Künstler seiner Zeit war, knüpfte an die Malerei seiner Vorgänger an und überführte sie in seine eigenen, fantastischen Bildwelten.

Mit dem „Stillleben mit Apfelblütenzweig“ (1941) zitiert Radziwill ein typisches Bildthema der Romantik, das Fenstermotiv, das mit dem Blick aus dem eigenen Atelier ein „Bild im Bild“ wiedergibt. Das Gemälde wurde noch nie öffentlich ausgestellt. Andere Werke wie das „Stillleben mit der Schlangengurke“ (1930) oder das „Stillleben mit rotem Krug und Weckuhr“ (1949) sind in den vergangenen Jahren erst auf dem Kunstmarkt wieder aufgetaucht. Zuvor waren sie lediglich in Radziwills eigenen Unterlagen als Titel dokumentiert. Das „Stillleben mit Huhn“ (um 1952) galt sogar lange als verschollen. Mit dieser Bildauswahl wird die Kenntnis des facettenreichen Werkes einmal mehr erweitert.

Im Jahr 1895 an der Unterweser geboren, wuchs Franz Radziwill in Bremen auf und entschied sich 1923 mit einem Hauskauf für den Künstlerort Dangast. In seiner Wahlheimat schuf er den Groß- teil seiner rund 850 Gemälde. Das Franz Radziwill Haus gehört zu den wenigen Künstlerhäusern, die im Originalzustand erhalten sind. In den Etappen des Ausbaus durch den gelernten Maurer wurde es zu einer„gemauerten Künstlerbiografie“. Im großen Atelier steht noch heute seine Staffelei, daneben hängt der Malkittel. Radziwills Bilder am authentischen Ort ihrer Entstehung zu betrachten, bleibt ein einzigartiges Erlebnis. Dazu lädt die Franz Radziwill Gesellschaft Sie ein.

21.03.2021 - 09.01.2022

Magie der Stille. Landschaften und Stillleben aus privaten Sammlungen

Franz Radziwill Haus

Sielstraße 3
26316 Varel