Window to The Clouds im Salon Berlin des Museum Frieder Burda ist die erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland des in Paris lebenden Künstlers Matthew Lutz-Kinoy (*1984 in New York). Mit Gemälden, Keramiken und Skulpturen der letzten Jahre möchte die Ausstellung eine Reihe malerischer Betrachtungen urbaner Architektur, historischer Malerei und aktueller Ereignisse aufzeigen. Seine Inszenierungen dienen als Schauplatz einer Welt gemeinsamer Erfahrungen, menschlicher Präsenz und Berührung.

Den Salon Berlin betretend, tauchen die Besucher*innen in eine immersive Skulptur aus pinkfarbenen Pompons und rosafarbenem Teppich ein – eine Raumerfahrung, die Lutz-Kinoys Interesse an künstlerischer Transformation und spirituellen Übergängen räumlich übersetzt. Pompoms, die in ihrer pluralistischen Formensprache zugleich für Kostümierung und Blumen stehen, dienen hier als Filter, durch den andere Werke der Ausstellung betrachtet werden können. Körper, heilige und profane, erscheinen in Lutz-Kinoys Bildern und erinnern an die Porte de l’Enfer (1880– 1917) des französischen Bildhauers Auguste Rodin. Rodins Bronzetor zeigt dramatische Szenen aus dem epischen Gedicht Inferno, den Betrachtungen Dante Alighieris aus dem 14. Jahrhundert über die Zurückweisung der Sündhaften, während die Seligen zum Göttlichen emporsteigen. Über 180 Figuren drängen, drehen und winden sich in diesem monumentalen Rahmen. In Exhausted Angel Receives an Announcement in Rodin’s Garden (2019) stellt der Künstler einen errötenden Engel dar, der himmelwärts blickt. Schatten zweier Arme reichen hinunter in den Garten zur erschöpften Figur. Von einem buschigen üppigen Immergrün umrahmt, ist die Gartenszene eine malerische Meditation über die Porosität von Innen- und Außenwelten. Wie ein Fenster lädt das Gemälde Betrachter*innen ein, über ihre Realität hinauszuschauen. Im Dialog mit etlichen Keramikarbeiten sowie Wings of Flamingos, Camargue (2020) – einem raumgreifenden Deckengemälde, das auch die Figur des ermüdeten Engels aufgreift – zieht der großflächige, monochrome Teppich die Aufmerksamkeit auf die theatralischen Möglichkeiten der Architektur und auf die Aktivierung eines Raumes durch Ornamentierung.

Lutz-Kinoy spiegelt diese thematische Vielfältigkeit auch in den formalen Qualitäten seiner Gemälde, die an Drucktechniken erinnern. Der additive Auftrag von Acrylfarben und ein gestischer Pinselduktus sich überschneidender, lasierender Farben eröffnen eine Reise in die Tiefe, bildlich und geistig. In Lombardy Capriccio (2020) wird eine wolkige, blau-grüne Landschaft unter einem verzierten Bogen gezeigt, der auf ein Deckenornament aus dem Zuhause des Künstlers verweist. Die Szenerie zitiert aus Francesco Guardis Fantasielandschaft (um 1765) der Sammlung des Metropolitan Museum of Art, New York: ein fiktives Idyll mit Ruinen der Klassik, das so bemessen war, dass es in eine heute nicht mehr vorhandene dekorative Gipsumrahmung passte. Lutz-Kinoy löst in Gemälden oft Details aus ihrem Zusammenhang, um sie in einem neuen Kontext zu betrachten, wie etwa in Lectures of Burle Marx (2020), dem Porträt einer wilden Orchidee, die er auf einem Gehweg in Rio de Janeiro gefunden hat. Pflanzen und Blumen sind oft die Protagonisten in Lutz-Kinoys Werken. Sie erscheinen als Begleiter oder Erweiterungen des Körpers. In diesen Bildern ist der Rahmen ein aktivierter Raum, in dem Beziehungen neu geknüpft, Vergänglichkeit thematisiert und ein Feld definiert wird, in das Betrachter*innen versinken können.

Die wechselnden Jahreszeiten und flüchtigen Wolken vermitteln den Wandel und das Fließen der Zeit. Lutz-Kinoy fasst die Zeit nicht linear oder als singuläres Konzept auf. „Das Konzept der Zukunft kann problematisch sein“, schreibt der Performance-Theoretiker José Esteban Muñoz im grundlegenden Buch Cruising Utopia (2009), auf das sich auch Lutz-Kinoy beruft. Die konventionelle Auffassung einer sich linear abwickelnden Zeit wird von Muñoz als „straight time“ bezeichnet. Zeit sei „straight“, stellt er kritisch fest, wenn die Zukunft von der Gegenwart vorherbestimmt wird. Heteronormativität sei deshalb nicht nur eine Form der sexuellen Beziehung, sondern auch der sozialen Produktion. Aber anstatt zu behaupten, dass es folglich – oder sogar grundsätzlich – keine Zukunft mehr gäbe, feiert Muñoz das Vorhandensein vieler potentieller „Zukünfte“ in der Gegenwart. Zukunft entsteht auf der Tanzfläche, der Bühne und überall dort, wo queere Erfahrungen gemacht werden. An diesen Orten wird eine Re-Vision der Zukunft durch das Fenster der queeren Performitivität erlebbar.

In den Interventionen dieser Ausstellung, in der sich die Bildsprachen der Repräsentation und Performance verbinden, erkundet Matthew Lutz-Kinoy Räume über ihre Vergangenheit oder Zeitgeschichte hinaus. Als Sicht auf eine Gegenwart, die der Zukunft nichts schuldet, schenken diese Intimitäten uns Einblicke in den Himmel – oder wie Muñoz es benennt, die Ekstase – auf Erden.