Dan Perjovschi (*1961 in Sibiu, Rumänien) ist unter den rumänischen Künstlerinnen und Künstlern einer der wichtigsten Vertreter*innen, die sich entschieden in globale gesellschaftspolitische und kulturelle Zu- und Missstände einmischen. Bekannt durch seine markante Bildsprache aus Piktogrammen und Wortspielen, avancierte er seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zum international renommierten Künstler, dessen Werke auf der Biennale von Venedig, in der Tate Modern, London, im Museum of Modern Art, New York und im Pariser Centre Pompidou gezeigt wurden.

Die Ausstellung Drawing the World im Ludwig Forum Aachen zeigt repräsentativ seine nunmehr 35 Jahre währende Schaffenszeit. Darunter seltene, sehr frühe Arbeiten, wie Urzeala von 1986/88 sowie kleine Fotosequenzen seiner performativen Aktionen in Oradea, wo er zwischen 1985 und 1990 lebte.

Weiterhin zeigt die Ausstellung Ausgaben der Wochenzeitung Revista 22 mit Perjovschis tagesaktuellen Zeichnungen aus dem Zentrum für Künstlerpublikationen im Weserburg Museum sowie die Schlüsselwerke, Antropothek (1992), Chalk Reality (2010-11) und die neueste Serie zur Corona-Pandemie Virus Diary (2020). Höhepunkt wird eine Wandarbeit sein, die der Künstler vor Ort ausführt.

,Atelier 35 Oradea'
Dan Perjovschis Rebellion entfachte sich zur Zeit der Ceau?escu-Diktatur. In seinem damaligen Wohnort Oradea, weit entfernt vom politischen Zentrum Rumäniens, setzte er mit Künstler*innen der Gruppe, Atelier 35 Oradea', an Orten unterhalb des politischen Radars der Zensurbehörde, wie in den eigenen vier Wänden oder in der Natur, experimentelle Kunstprojekte um. Als Reaktion auf den sozialistischen Realismus entwickelte er eine Kommunikationsstrategie aus reduzierten, für jeden verständlichen Bildern, die auch ohne Übersetzung global funktioniert. Sein markanter Stilmix aus ikonischen Piktogrammen und Wortspielen reflektiert komplexe Zusammenhänge und macht sie pointiert sichtbar. Dabei ist seine Bildsprache weniger auf Cartoons, Graffiti oder Art Brut zu reduzieren als vielmehr mit der Ausdrucksweise von Vertreter*innen einer soziokulturell engagierten Kunst, etwa von Jean-Michel Basquiat, Keith Haring, A.R. Penck, Thomas Hirschhorn oder Banksy zu vergleichen.

Revista 22
Als „Journalistischer Kommentator“, wie Perjovschi sich selbst betitelt, prägte er das Gesicht von Revista 22, der ersten unabhängigen Wochenzeitung Rumäniens, die unmittelbar nach dem Umsturz der Diktatur gegründet wurde und für die er sich seit Beginn als Zeichner und seit 1994 auch als Redaktionsbeirat einbringt. Bis heute sind seine witzigen, prägnanten Bildkommentare ebenso radikal, zeitgenössisch und sozial wie die Artikel.

Anthologie der Materialien
Begründet durch die kommunistische Isolation und heimatliche Materialknappheit probierte und verwertete Dan Perjovschi unterschiedlichste, verfügbare Materialien und ging dabei möglichst erfinderisch und sparsam vor: Er zeichnete auf Notizzettel, Altpapier, auf Wände, Fenster, Fassaden, auf Bücher, Zeitungen, Postkarten, entdeckte schon früh Mail Art (Post-Kunst), um Reiseverbote zu überwinden, nutzt heute zunehmend Social Media oder reist, ausgerüstet mit Kreide und Marker durch die Welt, um – zumeist temporär – seine elementaren wie originellen Gedankenbilder zu politischen Realitäten, soziokulturellen Betrachtungen, oftmals augenzwinkernd, zu vermitteln.

Von der Rezession zur Pandemie
Vielen Besucher*innen des Ludwig Forum Aachen ist Dan Perjovschi sehr vertraut. Zwischen den flimmernden Leuchtdiodenbändern von Jenny Holzer und Nam June Paiks Sonne Mond und Erde, erstrecken sich seit 2008 an den beiden über 14 Meter hohen Wänden des Lichtturms Perjovschis unmissverständliche Bildchiffren in weißer Kreide auf schwarzem Grund. Die nahezu 300 qm2 große Wandarbeit trägt den Titel Recession. Ihre provokanten, humorvollen wie respektlosen Bildkommentare beziehen sich auf die Weltwirtschaftskrise, die mit der Immobilienkrise 2007 in den USA begann. Heute, fast 15 Jahre später, haben sie angesichts der Pandemie-Rezession nichts an ihrer Aktualität verloren.

Kunst aus Rumänien in der Sammlung Ludwig
Das Ludwig Forum Aachen verbindet mit Dan Perjovschi noch eine sehr viel längere Geschichte. Peter und Irene Ludwig, die Ende der 1970er Jahre beschlossen, den verbreiteten Vorurteilen gegenüber osteuropäischen Bilderwelten entgegenzutreten und diese bis dahin im Westen nur wenig bekannte Kunstszene jenseits des Eisernen Vorhangs einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren, begründeten mit ihren Erwerbungen wertvoller Werke aus der damaligen DDR, Russland, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Tschechien einen bedeutenden Schwerpunkt ihrer Sammlung. Mit ihrem Interesse an Ländern, in denen sich Anzeichen eines Umbruchs ankündigten, geriet auch die nachrevolutionäre Kulturszene Rumäniens schon früh in den Fokus des Sammlerpaares.

Mit der Eröffnung des Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen startete Anfang der 1990er Jahre ein kontinuierlicher Austausch zwischen rumänischen Künstler*innen, der Peter und Irene Ludwig Stiftung und dem Ludwig Forum. Die Ludwig Stiftung förderte ein „artists in residence“- Programm für rumänische Künstler*innen im Ludwig Forum Aachen. Durch dieses, sowie weitere Entdeckungen und Ankäufe der Ludwigs während ihrer Reisen, entstand im Ludwig Forum Aachen allmählich ein kleiner repräsentativer Grundstock rumänischer Kunst. Er war Grundlage für die in Kooperation mit der Nationalgalerie Bukarest und der Akademie der Künste entwickelte Ausstellung Bukarest nach 1989 – Kunst in Rumänien heute von 1996. Im Rahmen dieser Ausstellung erwarb erwarb die Ludwig Stiftung das Werk Antropothek von Dan Perjovschi.

Antropothek von 1992 gehört zu den zentralen Werken im frühen Œuvre von Dan Perjovschi. Auf fünftausend gebündelt und geschichteten Zettelchen erlebt der/die Betrachter*in die Selbstbefragung des künstlerischen „Ich“. Die Arbeit berührt, denn sie gibt, den ewig lächelnden Stereotypen des Sozialistischen Realismus zum Trotz, einen vielschichtigen Einblick in die vielfältigen Stimmungen und Gefühle eines künstlerischen Individuums.

Tagesaktuelle Kommentare
Heute bringt eine Pandemie, Wirtschaft, Gesellschaft, soziales Verhalten und ethisches Handeln weltweit ins Wanken. Die Situation fordert besondere Wachsamkeit von jedem einzelnen und zugleich umfassendes Bewusstsein für globale Kettenreaktionen. In diesem Moment, in dem Informationsdienste, Social Media und Internet-Plattformen eine Carte Blanche für politische Brandstifter mit Immunitätsschutz verweigern, ist der richtige Zeitpunkt gekommen, Dan Perjovschi einzuladen, sein Œuvre umfassend vorzustellen und persönlich durch tagesaktuelle Kommentare im Museum und auch im öffentlichen Raum zu ergänzen.

Vita
Dan Perjovschi, geboren 1961 in Sibiu, Rumänien, lebt und arbeitet in Bukarest und Sibiu. 1985 Master of Fine Arts am George Enescu Conservatoire in Iasi, Rumänien; 1990 Gründung des Contemporary Art Archive in Bukarest, Rumänien, zusammen mit Lia Perjovschi; 2004 George Maciunas-Preis, Wiesbaden; 2012 European Cultural Foundation - Princess Margriet Award mit Lia Perjovschi, Amsterdam; 2016 Rosa Schapire Kunstpreis der Kunsthalle Hamburg, Hamburg; Gründung des Lia and Dan Perjovschi Fond, Zentrum für Künstlerpublikationen, Weserburg Museum für moderne Kunst, Bremen.

Ausstellungen (Auswahl): 48. Biennale von Venedig, Rumänischer Pavilion (1999), MoMA, New York (2007) seit 1995 Einzel- und Gruppenausstellungen in verschiedenen Ländern und Städten Europas, USA, Südamerikas, Afrikas und Asiens.


Öffnungszeiten:
Montag - Mittwoch: 10:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 20: 00 Uhr
Freitag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: ludwigforum.de