Bis zum 16. Mai 2021 präsentiert das Museum Folkwang eine umfassende Werkschau des Fotografen Timm Rautert. Die Ausstellung Timm Rautert und die Leben der Fotografie umfasst fünf Jahrzehnte seines fotografisch künstlerischen Schaffens: Sie beginnt bei Rauterts experimentellen Anfängen als Student Otto Steinerts, zeigt berühmte Porträtserien wie Deutsche in Uniform und Eigenes Leben und reicht bis zu seinen Artwork-Collagen und zur Rauminstallation L ?Ultimo Programma aus dem Jahr 2015. Die über 400 Arbeiten veranschaulichen nicht nur die thematische und methodische Vielfalt in Rauterts Werk, sondern lassen sich auch als Dokumente des langen Wegs der Fotografie hinein ins Museum und in den Kanon der Kunst lesen.

Timm Rautert (*1941 Tuchel, Westpreußen) gilt als einer der herausragenden deutschen Fotografen der Gegenwart. Über Jahrzehnte hinweg gelingt es ihm, die wichtigsten Strömungen in der Fotografie nicht nur zu antizipieren, sondern entscheidend mitzuprägen – als Studiofotograf für Galerien, als Bildjournalist, als Chronist der sich verändernden Arbeitswelten und schließlich als Hochschullehrer, der nachfolgende Generationen beeinflusst.

Als Student unter Otto Steinert an der damaligen Folkwangschule in Essen-Werden erarbeitet sich Rautert rasch ein solides Fundament für eine engagierte, sozialdokumentarische Fotografie. Parallel dazu erforscht er die Grundlagen des Fotografischen und entwickelt die „Bildanalytische Photographie“, die sein künstlerisches Werk methodisch bis heute durchdringt. Der Wechselzwischen angewandten und künstlerischen Momenten ist in Rauterts Verständnis kein Widerspruch, sondern vielmehr Ausdruck einer dezidierten, fotografischen Autorschaft.

1970 reist Rautert in die USA und fotografiert u. a. Franz Erhard Walther, Andy Warhol und Walter de Maria. In Osaka dokumentiert er die Weltausstellung und die in ihren Traditionen behaftete japanische Gesellschaft. Ab Mitte der 1970er Jahre arbeitet Rautert zusammen mit dem Journalisten Michael Holzach an gemeinsamen Reportagen für das ZEITmagazin. Über ein Jahrzehnt lang entstehen sozialdokumentarische Reportagen, z.B. über Arbeitsmigranten, Obdachlose oder bislang unzugängliche Gruppierungen wie The Hutterites (1978) und The Amish (1974).

In den 1980er Jahren wendet sich Rautert der Dokumentation von Arbeitswelten in der Auto- und Computerindustrie zu und schafft eine Langzeitdokumentation der sich verändernden Arbeitswelt im Zuge der industriellen Automatisierung. Rund 70 Fotografien der Werkgruppe Gehäuse des Unsichtbaren mit Fotografien von Forschungs- und Produktionsstätten wie dem Max Planck Institut (1988) oder der Siemens AG (1989) werden erstmals in einer digitalen Doppelprojektion präsentiert, die Rautert eigens für die Ausstellung im Museum Folkwang entwickelt hat.

Ein wiederkehrender Schwerpunkt von Rautert ist das Künstlerportrait; sein erstes fertigt er von dem tschechischen Fotografen Josef Sudek anlässlich einer Ausstellung von Otto Steinert und Schülern an. Es folgen Portraits von Otl Aicher, Pina Bausch, André Heller, Jasper Morrison und Eric Rohmer. Rautert rückt dabei nicht nur die Person, sondern auch deren Umgebung und Handeln in den Fokus; der Wirkkreis des Portraitierten wird als Teil seiner Identität festgehalten.

Mit der Berufung zum Professor für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig (1993–2008) wendet sich Rautert intensiv seiner freien Arbeit zu. Sein Augenmerk liegt auf der Neubefragung, Restrukturierung und Wiederaufnahme ehemaliger Projekte. Zu seinen Studierenden gehören u. a. Viktoria Binschtok, Falk Haberkorn, Harry (Grit) Hachmeister, Margret Hoppe, Sven Johne, Ricarda Roggan, Adrian Sauer, Sebastian Stumpf und Tobias Zielony.

2008 erhält Timm Rautert als erster Fotograf den Lovis Corinth-Preis für sein künstlerisches Lebenswerk.

Gefördert von Stiftung Presse-Haus NRZ und Kulturstiftung Essen
Mit freundlicher Unterstützung von Folkwang-Museumsverein e. V. und der Förderer der Fotografischen Sammlung im Museum Folkwang e.V.