Mit »Kamm, Pastell und Buttermilch« möchte das Kunstmuseum Stuttgart einmal mehr den Blick auf das umfangreiche Œuvre von Willi Baumeister erweitern: 2013 widmete das Kunstmuseum Stuttgart ihm bereits eine große Retrospektive, die sein künstlerisches Schaffen im Kontext von internationalen Beziehungen zu Künstler:innen und Sammler:innen zeigte, 2016 wurden seine Papierarbeiten in einer Ausstellung präsentiert. Die aktuelle Ausstellung rückt erstmals Baumeisters außergewöhnliche Mal- und Materialtechniken in den Fokus.

Kaum ein:e Künstler:in wird so sehr mit der deutschen Nachkriegszeit in Verbindung gebracht wie der Stuttgarter Willi Baumeister (1889–1955). Sein Engagement als Verfechter der abstrakten Malerei in den 1950er-Jahren und seine Arbeit als Kunsttheoretiker haben dieses Bild über Jahrzehnte gefestigt. Das Kunstmuseum Stuttgart besitzt eine bedeutende Anzahl von Baumeisters Werken. Seit 2005 ist zudem das Archiv Baumeister im Museum untergebracht, das den gesamten schriftlichen Nachlass sowie einen Großteil seines künstlerischen Schaffens beherbergt.

»Ich stehe immer sehr positiv zu aller Maltechnik«, sagte Willi Baumeister einmal über die Bedeutung des Materials in seinem Œuvre. Die Ausstellung präsentiert in einem Querschnitt Arbeiten unterschiedlicher Machart, die ein anschauliches und facettenreiches Bild von der beeindruckenden handwerklichen Vielseitigkeit des Künstlers und seiner Offenheit gegenüber materialtechnischen Experimenten zeichnen. Eine interdisziplinäre Studiengruppe hat sich über mehrere Monate den von ihm angewandten Verfahren empirisch genähert und einzelne Ausdrucksmittel »nachgestaltet«. Die Ergebnisse der Untersuchung werden in der Ausstellung und in einer Begleitpublikation vorgestellt.

Der Auftakt der Ausstellung ist den sogenannten »Kammzugbildern« gewidmet. Die Methode, mit einem speziellen Stahlkamm Ornamente und Muster anzufertigen, lernte Baumeister bereits in seiner Dekorationsmalerlehre kennen, die er von 1905 bis 1907 in Stuttgart absolvierte. Er nutzte diese später bei seinen Gemälden, um reliefartige Oberflächenstrukturen zu erzeugen: Entweder zog er Spuren in die auf den Bildgrund aufgebrachte Spachtelmasse, mit der er anschließend Elemente der Bildkomposition formte; oder er bearbeitete die Malschicht mit dem Kamm und entfernte damit die Farbe partiell wieder. Der Einsatz von Spachtelkitt, dem Baumeister zuweilen auch Sand zur Modellierung einer körnigen Oberfläche beifügte, prägen ganze Werkserien.

Welche Meisterschaft Baumeister im Umgang mit außergewöhnlichen Materialien erlangte, davon zeugen die Werke, bei deren Herstellung er mit Buttermilch experimentierte. Er setzte diese nachweislich zur Mattierung von glänzenden, vornehmlich schwarzen Farbflächen ein. Dieses Wissen um die durch Buttermilch hervorgerufenen Effekte verdankt Baumeister ebenfalls seiner Dekorationsmalerlehre. Dass die Anwendung von Buttermilch als künstlerisches Ausdrucksmittel präzise Kenntnisse ihrer Eigenschaften voraussetzt, zeigen die Experimente der Studiengruppe, die sich anhand einer in der Ausstellung präsentierten Versuchstafel dem innovativen Mattierungseffekt zuwandten.

In zwei Ausstellungsräumen treten Baumeisters selten gezeigte Pastellzeichnungen in Dialog mit Blättern seines Lehrers Adolf Hölzel (1853–1934) sowie seines Schülers Fritz Seitz (1926–2017). Miteinander verbunden sind die drei Künstler durch ihre Lehre und / oder ihr Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Steht im ersten Raum jedem Künstler für sich eine Wand zur Verfügung, hängen im zweiten Raum die Werke als eine große, gemeinsame ›Wolke‹ angeordnet. Ausgewählt wurden die Blätter unter dem Aspekt einer assoziativen Verbindung in der Bildgestaltung.

Den Abschluss der Ausstellung bildet eine Auswahl an biografischen Fotografien aus Baumeisters Atelier, die die Arbeitsweise des Künstlers vor Augen führen. Anhand von mehreren Dokumenten zu Hölzels Vorlesungen und Seitz’ Lehre wird zudem verdeutlicht, wie intensiv sich die Künstler mit dem Thema »Farbkreis« bzw. »Farbe« beschäftigt haben. Eine Diashow dokumentiert den Arbeitsprozess der Studiengruppe.

Die Ausstellung wurde konzipiert vom Archiv Baumeister in enger Zusammenarbeit mit dem Graduiertenkolleg »Rahmenwechsel. Kunstwissenschaft und Kunsttechnologie im Austausch«, Stuttgart und Konstanz, der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, der Willi Baumeister Stiftung, Stuttgart, und Prof. Esther Hagenlocher von der University of Oregon, Eugene, USA.

Willi Baumeister bearbeitet ein Gemälde mit einem Stahlkamm, 1954
28.11.2020 - 26.09.2021

Kamm, Pastell und Buttermilch. Willi Baumeister, Adolf Hölzel und Fritz Seitz

Kunstmuseum Stuttgart

Kleiner Schloßplatz 1
70173 Stuttgart