Die 2019 erworbene 20-teilige Werkgruppe Angst von Soham Gupta ist in nächtlichen Begegnungen Guptas mit seinen Protagonist*innen entstanden und zeigt eine reale wie surreale Welt. Als ehemaliger Literatur-Student der Jadavpur Universität beginnt Gupta im Alter von 23 Jahren in seiner Heimatstadt Kolkata unter der Howrah Brücke die dort lebenden Menschen zu fotografieren. In seinen Fotografien versammelt er von der Gesellschaft Verstoßene, Verlassene und Getriebene, die er als „Freunde“ bezeichnet und die zu Kolkatas Unterschicht gehören. Die Bilder, die im ersten Moment den Charakter spontaner Aufnahmen vermitteln, sind teils inszenierte Ergebnisse einer spezifischen Dramaturgie zwischen dem Fotografen und dem jeweils Portraitierten. Im grellen Blitzlichtkegel der Kamera und vor nächtlicher Kulisse entsteht so eine ebenso poetische wie politische Erzählung, die je nach Deutung und Perspektive als Dokument und Fiktion gelesen werden kann. Die Fotografien erzählen dabei von Armut, Entkräftung und der Agonie des Lebens in Kolkata. Das Projekt Angst konkretisierte sich nach einer Begegnung Guptas mit dem Magnum-Fotografen Antoine d’Agata.

Gupta rüttelt mit seinen Bildern auf. Im Zentrum steht die Frage, wie Fotografie Individuum und Kultur repräsentiert, und welche Macht dem Fotografen zufällt. Dies bildet in der Ausstellung Soham Gupta – Angst den Ausgangspunkt für eine vielschichtige Annäherung an das fotografische Medium und die damit verbundenen historischen und gesellschaftlichen Mechanismen des Sehens. Guptas Arbeiten werden mit Werken der Fotografischen Sammlung zusammengebracht und begegnen Aufnahmen von Felice Beato, Otto Behrens, Sten Didrik Bellander, J. Bertele, Bernhard Johannes Blume, Lotte Errell, Robert Frank, Nan Goldin, Axel Grünewald, Hans Hansen, Erik Kessels, Germaine Krull, Danny Lyon, Paula Markert, Irving Penn, Eberhard Seeliger, Allan Sekula und Wolfgang Weber.

Mit den emotional aufgeladenen Fotografien hat Angst weltweit eine vielschichtige und kontroverse Diskussion ausgelöst: Während sich in Indien Stimmen stark machen, die ihre eigene Kultur negativ repräsentiert sehen, wird Angst von der westlichen Presse überwiegend positiv aufgenommen. Soham Gupta gehörte 2018 zu den Ones To Watch: The Talent Issue des British Journal of Photography. Die Publikation Angst war auf der Shortlist des Photo and Text Book Award in Les Rencontres d’Arles und des Paris Photo-Aperture Foundation First Photobook Award. Mit Angst war Gupta bereits auf der Venedig Biennale 2019 vertreten. Das Projekt wird zum ersten Mal umfassend in Deutschland gezeigt.

Parallel präsentieren Studierende des Masterstudienprogramms Photography Studies der Folkwang Universität der Künste zum sechsten Mal in Folge ihre aktuellen Studienprojekte im Ausstellungsformat „Stopover“ und geben Einblicke in die Entstehungsprozesse ihrer Arbeiten. „Stopover“ präsentiert keine Abschlussarbeiten, sondern veranschaulicht die Zwischenstadien der künstlerischen Entwicklung der Studierenden – von der intensiven Beschäftigung mit einem spezifischen Thema bis hin zur experimentellen Bildfindung – und lässt gleichzeitig den facettenreichen Umgang mit Fotografie sichtbar werden. Die Ausstellung ist curricularer Bestandteil des Studienprogramms und ermöglicht den Studierenden, ihre Arbeitsprojekte schon während des Studiums einer interessierten Öffentlichkeit vorzustellen. Gleichzeitig erhalten die Studierenden professionelle Einblicke in institutionelle Arbeitsweisen und Abläufe. Die Ausstellung der Folkwang Universität der Künste entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem Museum Folkwang.