Zum zehnjährigen Bestehen der Kunsthalle Vogelmann gastiert die Sammlung der Johannesburg Art Gallery mit Arbeiten namhafter Künstler wie Claude Monet, Pablo Picasso und Henri Matisse in Heilbronn. Die Werke sind zum ersten Mal überhaupt in Deutschland zu sehen.

Französische Malerei an der Schwelle zur Moderne bildet die Grundlage der Johannesburger Bestände. Die Sammlung geht zurück auf Lady Florence Phillips (1863–1940), südafrikanische Mäzenin und Ehefrau des englischen Minenbesitzers Sir Lionel Phillips. Während eines Aufenthalts in London wuchs Lady Phillips‘ Interesse für den Impressionismus; sie erwarb Arbeiten etwa von Gustave Courbet, Edgar Degas oder Paul Signac. Zurück in Südafrika, gründete sie 1910 die erste öffentliche Galerie für moderne Kunst in Johannesburg. Im Laufe der Zeit erweiterten Werke von bedeutenden Vertretern der Moderne, darunter Pablo Picasso, Francis Bacon und Andy Warhol, die Sammlung. Hinzu kamen zeitgenössische (süd-) afrikanische Künstler; so werden unter anderem Arbeiten von George Pemba und William Kentridge gezeigt.

Die Ausstellung setzt damit einen wichtigen Akzent im Programm der Kunsthalle Vogelmann: In den letzten Jahren haben Präsentationen zur Klassischen Moderne entscheidend zur Profilbildung des Hauses beitragen. Mit Otto Mueller (2012), Karl Schmidt-Rottluff (2015) und Emil Nolde (2018) waren namhafte Künstler mit monografischen Ausstellungen zu Gast. Mit der Präsentation von 64 Werken aus Johannesburg wird diese Reihe um ihre kunsthistorischen Vorläufer und Nachfolger erweitert. In der Gegenüberstellung klassischer europäischer und zeitgenössischer südafrikanischer Positionen entfaltet die Ausstellung ein internationales Panorama zur Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts.  

Die Ausstellung wird von Dr. Marc Gundel und Simona Bartolena, Mailand, kuratiert, die Kooperation oblag der Agentur ViDi Mailand. Ohne die großzügige Unterstützung der Kulturstiftung der Kreissparkasse und Museumsfreunde Heilbronn hätte diese Schau nicht realisiert werden können.

Sammlungs- und Ausstellungsschwerpunkte
Einen repräsentativen Querschnitt durch die Johannesburger Bestände zur internationalen Kunstszene des 19. und 20. Jahrhunderts geben 64 Werke, darunter Ölgemälde, Aquarelle und Grafiken. Die englische Kunst ist unter anderem mit Werken des Romantikers William Turner und des Präraffaeliten Dante Gabriel Rossetti vertreten. Das Herzstück der Sammlung bilden jedoch Positionen der französischen Avantgarde vor 1900. Die Spanne reicht von den Realisten Jean François Millet und Gustave Courbet über Impressionisten wie Claude Monet, Alfred Sisley und Edgar Degas bis hin zu den Postimpressionisten Vincent van Gogh, Paul Signac und Eduard Vuillard.

Für die Kunst der Klassischen Moderne, einen weiteren Schwerpunkt der Johannesburger Bestände, stehen exemplarische Arbeiten auf Papier von Pablo Picasso und Henri Matisse, zwei der innovativsten Künstler des 20. Jahrhundert. Zu sehen sind ferner grafische Werke von Bildhauern, die in Heilbronn keine Unbekannten sind, beispielsweise eine Studie Auguste Rodins, verschiedene Grafiken Aristide Maillols sowie Kreidezeichnungen und Pastelle von Osip Zadkine und Henry Moore. Mit bekannten Vertretern der Pop-Art wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein wird der Bogen zur US-amerikanischen Kunst der 1960er und ‘70er Jahre gespannt.

Diesen europäischen und amerikanischen Werken werden namhafte Vertreter der zeitgenössischen Kunst (Süd-)Afrikas gegenübergestellt. Das Spannungsfeld zwischen lokalen Traditionen und europäischen Einflüssen, in dem sich ein großer Teil des afrikanischen Kunstschaffens bewegt, veranschaulichen die Arbeiten von George Pemba und Selby Mvusi. Den Schlussakkord setzt William Kentridge, der exemplarisch für den internationalen Erfolg eines südafrikanischen Künstlers Die in der Ausstellung präsentierten Sammlungsschwerpunkte der Johannesburg Art Gallery verweisen auf die besondere Genese der Bestände und die damit verbundene Entstehungsgeschichte der Institution. Die Begründerin der Museumssammlung Lady Florence Phillips (1862–1940) wurde als Tochter eines Naturforschers und Geologen 1863 in Kapstadt geboren und heiratete 1885 den vermögenden englischen Diamantminenbesitzer und Politiker Sir Lionel Phillips (1855–1936). Aufgrund seiner persönlichen Beteiligung im Jameson Raid (1895–1896) – einem fehlgeschlagenen Versuch, die südafrikanische Regierung und den Präsidenten Kruger zu stürzen – wurde Sir Lionel Phillips ins Exil nach England geschickt, wohin ihm seine Frau folgte. Danach verbrachte sie ebenso viel Zeit in Afrika wie in England. In dieser Zeit wuchs in Lady Philips der Wunsch, in Südafrika eine Galerie nach englischem Vorbild zu eröffnen. Überzeugt davon, dass Johannesburg von einem Kunstmuseum nur profitieren könne, überredete sie schließlich ihren Ehemann und einige Industriemagnaten, in das Projekt zu investieren.

Der erste Sammler, den Lady Phillips 1909 für ihr Vorhaben gewinnen konnte, war ihr Freund Sir Hugh Percy Lane, ein irischer Kunstexperte und Sammler, der auch für die Dublin City Gallery Kunstwerke erwarb. Zu Beginn ihrer Sammelleidenschaft war Lady Phillips‘ Kunstgeschmack noch traditionell. Beeinflusst von ihrem Sammlerfreund, wandte sie sich jedoch der französischen Avantgarde zu; fortan erfolgten vor allem Ankäufe impressionistischer Bilder. Der Bestand der Johannesburg Art Gallery war somit anfangs ganz auf die europäische Kunst konzentriert, die lokalen Kunstschaffenden als Vorbild dienen sollte. Obwohl Lady Phillips von Beginn an die südafrikanischen Künstler_innen im Blick hatte, wurden zu Anfang keine Werke von ihnen erworben.

Es dauerte seine Zeit, bis die Kunstgalerie in Johannesburg nicht mehr nur als Einrichtung der Oberschicht wahrgenommen wurde und lokale Traditionen und Künstler_innen als deren elementarer Bestandteil eingebunden wurden. Im Jahr 1940 gelangte das erste Werke eines schwarzen Künstlers, des Malers Gerard Sekoto in die Sammlung. Zwei Jahrzehnte später etablierte sich die südafrikanische Kunst mehr und mehr im Bestand etablierte. Hierbei war die Gründung des Anglo American Johannesburg Centenary Trust ein Meilenstein: Das Bergbauunternehmen Anglo American fördert seit 1986 die Galerie. Durch seine Spenden war es möglich, das Gebäude der JAG zu vergrößern und Kunst aus Südafrika zu akquirieren. 

Die Sammlungsgeschichte der Johannesburg Art Gallery steht exemplarisch für die historische eurozentrische Prägung (süd-)afrikanischer Kultureinrichtungen durch die Kolonisatoren, aber auch für deren Emanzipation im Postkolonialismus. Sie verkörpert den mühsamen Prozess der Entwicklung hin zu einem Museum als einem identitätsstiftenden Ort für alle Bevölkerungsschichten und Ethnien.


 Begleitkatalog mit Abbildungen aller Werke, 96 Seiten, 25 Euro.

Edgar Degas, Tänzerinnen, 1989, Pastellkreide auf Papier © Johannesburg Art Gallery, Johannesburg
16.03. - 11.07.2021

Die Modernen kommen. Degas, Monet und Freunde Die Sammlung der Johannesburg Art Gallery

Kunsthalle Vogelmann

Allee 28
74072 Heilbronn