Rembrandt und seine Zeitgenossen waren fasziniert von den fernen Ländern, deren Waren im 17. Jahrhundert in großer Zahl in die Niederlande importiert wurden. Die Begeisterung für das Fremde wurde zu einer Mode, die eine neuartige Kunst entstehen ließ: Der Realismus der Malerei verband sich mit Wunschbildern und phantastischen Projektionen. Auch biblische Geschichten wurden mit exotischen Elementen angereichert. Wie uns heute auffällt, wurde die Kehrseite dieser Weltaneignung nicht dargestellt: das Machtgefälle zwischen den Kulturen, das sich auch in Sklaverei, Gewalt, Ausbeutung und Handelskriegen zeigte. Rembrandts Gemälde mit orientalischer Anmutung spiegeln die Faszination des Exotischen. Lebensnah und zugleich verfremdet stellten sie eine Gegenwelt zum Alltag der calvinistischen Niederlande dar. Sie waren keine spielerische Verkleidung, sondern eine Selbstbefragung unter anderen Vorzeichen. Dieses für die Kunst so wichtige Thema wird jetzt erstmals in einer Ausstellung gewürdigt.

Die Ausstellung thematisiert die damaligen Bilder des Fremden. Die Levante, der östliche Mittelmeerraum, und Asien wurden noch in Rembrandts Zeit Orient genannt. Heute ist der Begriff belastet, weil der Orientalismus des 19. und 20. Jahrhunderts eine eurozentrische Haltung durchsetzte. Im Titel der Ausstellung Rembrandts Orient signalisiert der Genitiv, dass es um die damals mit diesem Begriff verbundenen Vorstellungen geht. Die Kunstwerke der Potsdamer Schau sind Zeugnisse der ersten Globalisierung und zeigen den Einfluss fernöstlicher Kulturen in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts. Dabei ist Rembrandt mit seiner Faszination für „den Osten“, die sich in seinen biblischen Historien mit orientalisierenden Gewändern, in Portraitstudien (Tronies) von „Orientalen“ und in seiner Sammlung exotischer Objekte zeigt, der Ausgangspunkt. Rembrandt-Schüler wie Isaak de Jouderville und Jan Victors verwendeten ebenso wie ihr Lehrer für Szenen aus der Bibel phantasievolle Turbane. Sie statteten sogar in portraits histoirés die Dargestellten mit orientalisierenden Kostümen aus. Die Selbstinszenierung in solcher Kleidung und vor orientalischen Teppichen war ein Statussymbol wohlhabender Bürger, für das auch Beispiele von Michiel de Musscher und Ferdinand Bol gezeigt werden.

Die Ausstellung thematisiert auch den globalen Handel, der exotische Objekte wie Porzellan oder Nautilusmuscheln in die Niederlande brachte, wie sie Willem Kalf oder Jan van der Heyden als Zeugnisse von Sammelleidenschaft und Weltaneignung in ihren Stillleben malten. Nur wenige Kunstwerke dokumentieren eine konkrete Begegnung zwischen West und Ost wie etwa Aegidius Sadeler II. im Kupferstich Bildnis des Mechti Kuli Beg oder die vormals Cornelis Visscher zugeschriebene Zeichnung Drei Männer mit einem Folianten in einem Kontor. Dass der Reichtum der niederländischen Oberschicht auch durch Gewalt und Unterdrückung im Fernen Osten, durch Sklaverei und Handelskriege, zustande kam und einen hohen menschlichen Preis – auch unter den eigenen Seeleuten – forderte, hat in den Kunstwerken keinen Niederschlag gefunden. Diese Kehrseite lässt sich zumindest indirekt in allgemein gehaltenen Schlachtenszenen von Jacques Muller, Johannes Lingelbach oder Philips Wouwerman zeigen.

Während der Orient durch exotische Objekte und Kleidung in den niederländischen Bürgerhäusern des 17. Jahrhunderts präsent war und zahllose Berichte über Reisen in den Osten publiziert wurden, erkundete kaum ein Künstler die fernen Länder vor Ort. So blieben der Orient und das Orientalische in der niederländischen Bildwelt jener Zeit ein Konstrukt aus Versatzstücken, Stereotypen und Imagination. Das Fremde wurde geschätzt und in den Lebensstil integriert. Aber das war zumeist nicht mehr als eine Attitüde, denn das Interesse galt weniger den anderen Kulturen als ihren materiellen Zeugnissen und Hervorbringungen, die aufgrund ihrer Kostbarkeit und des damit verbundenen Prestiges begehrt waren. Die west-östliche Begegnung fand nicht auf Augenhöhe statt, zu einem auf Gleichwertigkeit beruhenden Austausch kam es nicht. Das Fremdewar ein reizvoller Kontrast zum Eigenen, aber es erregte kaum tiefergehende Anteilnahme. Das war bei Rembrandt nicht anders als bei seinen Zeitgenossen, und an dieser Einstellung hat sich – und zu dieser Reflexion lädt die Ausstellung ein – bis heute in weiten Teilen der westlichen Welt nichts geändert. So bietet die Schau die Möglichkeit, diesen bis heute andauernden Eurozentrismus zu hinterfragen.

Zu den mehr als 50 internationalen Leihgebern gehören u. a. das Rijksmuseum in Amsterdam, die Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen, Dresden, der Prado, Madrid, die National Gallery of Art in Washington, die National Gallery London und das Kunsthistorische Museum Wien.

Eine Ausstellung des Museums Barberini, Potsdam, in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Basel, unter der Schirmherrschaft von S. E. Wepke Kingma, Botschafter des Königreichs der Niederlande in Deutschland.

Die Schau war für Sommer 2020 in Potsdam geplant, wurde Pandemiebedingt auf Frühjahr 2021 verschoben. In Basel war die Ausstellung vom 31. Oktober 2020 bis 14. Februar 2021 zu sehen.


Kapitel der Ausstellung:

Mit Turban und Seidenrock. Der Orient zu Hause
Die Ausweitung des niederländischen Handels auf andere Kontinente führte in Teilen des Bürgertums der Republik nicht nur zu enormem Wohlstand. Die Zunahme des Wissens und die Verfügbarkeit der Waren sorgten auch für die Gegenwärtigkeit ferner Länder – sei es gedanklich über Kenntnisse, sei es gegenständlich durch Objekte. So war eine Reise in die Ferne, die ohnehin nur die wenigsten unternahmen, keineswegs erforderlich, um eine Beziehung zum Orient aufzubauen. Die Gegenwärtigkeit des Exotischen beeinflusste auch Lebensgewohnheiten und Mode in der Heimat – und die Malerei. In Genredarstellungen, Bildnissen oder portraits historiés, auf denen die Dargestellten in die Rolle biblischer oder historischer Persönlichkeiten schlüpfen, hielten Motive Einzug, die fremden Kulturen entstammten. Diese Motive waren Statussymbole, die gesellschaftlichen Rang und finanziellen Wohlstand ausdrückten.

Wege zum Wohlstand. Handel und Krieg
Die Grundlage für die Beschäftigung mit fernen Ländern und die Verfügbarkeit exotischer Objekte war der globale Warenkehr, den die Niederlande im 17. Jahrhundert entwickelten. Die bildlichen Darstellungen, die sich dem Thema Handel widmeten, waren nicht dokumentarisch; sie hatten weder den Anspruch, eine Szene wirklichkeitsgetreu wiederzugeben, noch ein historisches Ereignis faktengetreu zu vergegenwärtigen. Vielmehr folgten sie repräsentativen oder dekorativen Anliegen. Letzteres galt sogar für die Schilderung der andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Begleitumstände des Reichtums der niederländischen Republik in anderen Ländern waren für die Künstler kein Thema.

Die Landschaft der Bibel.
Der frühe Rembrandt und seine Vorbilder

In den Niederlanden des 17. Jahrhunderts waren landeskundliche Bücher oder Berichte von Pilgern und Bildungsreisenden in die Länder der Levante und Asiens verfügbar. Die wenigsten Niederländer hatten sie mit eigenen Augen gesehen und eine Vorstellung von den dortigen Gegebenheiten. Der Orient galt als Schauplatz des biblischen Geschehens. Rembrandt und seine Lehrer siedelten ihre Schilderungen von Episoden aus dem Alten oder Neuen Testament in einer Landschaft an, die mit ihren graubraunen Felsen und Hügeln anders aussah als die grüne Ebene der nördlichen Niederlande. Diese Kulisse bevölkerten Männer und Frauen mit Turbanen oder in bunten, oftmals prächtigen Kostümen. Auch hier führte die Phantasie Regie, wenngleich Farben und Muster, etwa von Seidenstoffen, tatsächlichen Vorbildern orientalischer Stoffe des 17. Jahrhunderts entsprochen haben können.

Erfassung der Welt. Sammeln und Forschen
Die Ausdehnung des Handels auf alle Kontinente brachte eine Ausweitung der Weltkenntnis und des Wissens mit sich. Eine Fülle von Büchern und Landkarten beschrieb und erschloss ferne Länder. Amsterdam entwickelte sich zum Zentrum des Verlagswesens. Gelehrtenportraits mit Büchern betonten das Ideal der Bildung, das neben den Ehrgeiz, Handel zu treiben, trat. Exotische Objekte wie Muscheln fanden als begehrte Sammlerstücke Eingang in bürgerliche Kunstkammern. Stillleben und Interieurs stellten das Exotische und Wertvolle heraus. Die Auseinandersetzung mit dem Fremden war vielfältig, aber nicht immer tiefgehend und nicht immer von Toleranz geprägt, wie im Fall des Islam. Ein persönlicher Austausch unter Gelehrten verschiedener Länder ist nur in wenigen Fällen dokumentiert.

Mit eigenen Augen? Echtheit und Klischee
Bei biblischen Historien dienten orientalisierende Kostüme oder Kulissen der atmosphärischen Inszenierung. Die Frage, inwieweit diese Motive tatsächlichen Gegebenheiten entsprachen, spielte keine Rolle. Das war bei Landschaftsdarstellungen oder Portraits anders, die den Anspruch erhoben, eine reale Gegend oder Person wiederzugeben. In den Niederlanden des 17. Jahrhunderts finden sich allerdings nur wenige Gemälde, die eine zuverlässige Wiedergabe ferner Gegenden und ihrer Bewohner beabsichtigten. An einer authentischen Darstellung von Land und Leuten bestand offensichtlich kein Interesse. Viele Gemälde bestätigten bestehende Klischees. Originale Kunstwerke wie Miniaturen aus Indien oder Persien fanden kaum Aufmerksamkeit. Sie wurden nur selten gesammelt, und nur wenige niederländische Maler, darunter Rembrandt, setzten sich mit ihnen auseinander.

Licht im Tempel.
Rembrandt in Amsterdam und seine Nachfolger
In den 1630er Jahren wählten Rembrandt und andere Maler häufig biblische Themen, die in einem nur spärlich beleuchteten Innenraum spielen, sei es der Stall von Bethlehem oder ein Tempel. Auch hier setzten sie exotische Motive wie Turbane, Gewänder oder Schwerter zur Beglaubigung der Szene ein. Aber in diesen Gemälden war der imaginierte Orient selten Schauplatz märchenhafter Prachtentfaltung, sondern eine mystische Stätte: Jener Ort, an dem sich dem Volk Israel die Weisheit Gottes gezeigt oder an dem sich das christliche Heilsgeschehen vollzogen hatte. In den großen dunklen Gewölben entfaltete Rembrandt seine effektvolle Lichtregie mit von Metalloberflächen reflektierten Lichtstrahlen. Sie diente nicht nur der Raumerschließung, sondern auch der Inszenierung des Mystischen.

Das Eigene im Fremden.
Rembrandts Anverwandlung des Orients

Die Mode orientalisierender Inszenierungen erstreckte sich nicht nur auf Bibeldarstellungen und Stillleben exotischer Gegenstände, sondern auch auf die Tronies genannten Portraitstudien, die allerdings keine individuellen Bildnisse sind, sondern charakteristische Menschentypen wiedergeben – Rollenspiele der Aneignung. Die üppige Pracht der Gewänder und Preziosen stand im Gegensatz zur puritanischen Kargheit des Calvinismus. In dieser Prachtentfaltung manifestierte sich die Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen, dem Nichtalltäglichen. Der Orient war das Andere, ein Abstraktum des Möglichen, eine Projektionsfläche für jene Bedürfnisse, für die das rationalistische Weltbild des Abendlandes, pointiert im Protestantismus, keinen Raum bot.

Rembrandt Harmensz van Rijn Büste eines alten Mannes mit Turban, um 1627/29 Öl auf Eichenholz, 26,7 x 20,3 cm © The Kremer Collection
13.03. - 27.06.2021

Rembrandts Orient. Westöstliche Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts

Museum Barberini

Humboldtstr. 5–6
14467 Potsdam