Reisen. Kaum ein anderes Thema spiegelt unsere gegenwärtige Situation zwischen Sehnsucht und Lockdown besser wider. Innerhalb geschlossener Grenzen und verschlossener Gesellschaften, wenn Selbstverständlichkeiten in Verbote kippen, wächst der Wunsch auf- und auszubrechen. Ein Umdenken ist erforderlich. Neue Wege zu finden, zu erproben und zu gehen – nicht nur auf Reisen – ist die Herausforderung unserer Zeit.

In der Welt unterwegs sein, bedeutet, für Unerwartetes offen, für neue Begegnungen bereit zu sein und nicht exakt zu wissen, welche Auswirkungen dies auf das eigene Leben haben wird. In der Welt unterwegs sein, heißt, die eigene Komfortzone zu verlassen, um womöglich Anstrengungen auf sich zu nehmen und an die eigenen Grenzen zu gehen oder um den Daheimgebliebenen zu berichten. Nicht alle Reisen fordern uns physisch heraus. Das Tempo unserer heutigen digitalisierten Welt ist rasend schnell, der Radius der für uns erreichbaren Orte auf der Welt überwältigend. Das Hier ist vom Dort oft nur einen Klick entfernt. Digital leben wir in einer synchronisierten, grenzenlosen Welt ohne Zeitzonen.

Mit Bon Voyage! Reisen in der Kunst der Gegenwart präsentiert das Ludwig Forum für Internationale Kunst eine Auswahl an künstlerischen Positionen, bei denen das Reisen im Zentrum steht. Wir laden dazu ein, die Welt durch die Augen der Künstler*innen zu sehen, die sich oftmals abseits touristischer Pfade bewegen. Mit im Gepäck sind persönliche Herausforderungen, politische und klimatische Grenzerfahrungen, fiktive und virtuelle Reisen im Kopf und die letzte Reise ins Jenseits, die ganz ohne Koffer auskommt.

Die Ausstellung folgt mit rund 100 Werken den Routen von mehr als 60 Künstler*innen und zeigt eine Auswahl an künstlerischen Positionen seit den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. Anhand von Malerei, Installationen, Videos, Objekten, Fotografien und Grafiken vermittelt die Ausstellung auf fünf Zwischenstopps die Faszination und Bedeutung von Reisen in der zeitgenössischen Kunst.

Entdeckungsreise
Der Künstler Till Krause erwandert exakt die Luftlinie der Achse Kiel – Hamburg und muss dabei die Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen, überwinden. Festgehalten und nachvollziehbar sind diese Umwege auf topografischen Karten.

Von Reisen rund um die Welt zeugen über 1.200 Zeichnungen des Atlas of Subjectivity von Simon Faithfull. Direkt vor Ort digital gezeichnet, bilden sie ein grafisches Reisetagebuch. In Aachen werden erstmals alle Zeichnungen umfassend präsentiert. Die während der Ausstellung neu entstehenden Zeichnungen werden zudem digital direkt an einen Drucker im Ausstellungsraum übermittelt.

Kopfreise
Den konkreten Erfahrungen vor Ort stehen Reiseerlebnisse gegenüber, die rein fiktiv, unmöglich oder ausschließlich virtuell sind. So reflektieren die Werke von Talisa Lallai oder Via Lewandowsky allein unsere Vorstellungen von fremden Ländern und anderen Kulturen.

In Casting Antinomads porträtiert Roman Ondak Freunde und Bekannte, die nie reisen, in ihrem häuslichen Umfeld und lässt sie über Postkarten, die an die Besucher*innen verteilt werden, zumindest postalisch die Wohnung verlassen. Eine Installation von trauriger Aktualität. Jon Rafman reist ebenfalls mit seinen Nine Eyes of Google Street View um die Welt, ohne sein Atelier dafür verlassen zu müssen.

Politische Reise
Ein Auto, mit allerlei Habseligkeiten beladen, parkt im Museum. Die Installation Nowhere is Home
des deutsch-syrischen Künstlers Manaf Halbouni verweist eindringlich auf die Situation der Flüchtlinge weltweit, die oft gezwungen sind, hastig ein paar Gegenstände zusammenzupacken, um einem Krieg oder einer Naturkatastrophe zu entkommen. Subtiler, aber nicht weniger bedrückend, erscheinen blaue, auf dem Boden verstreute Kleidungsstücke. Mit La Mer Morte setzt Kader Attia ein beeindruckendes Mahnmal für die Flüchtlinge, die im Mittelmeer ihr Leben lassen mussten.

Mit ihren politischen Reisen gehen Künstler wie Dani Ploeger, Julian Charrière und Francis Alÿs physisch wie psychisch an ihre Grenzen. Indirekte Bilder einer Katastrophe zeigen die Fotografien von Sven Johne, die auf seiner Reise quer durch Europa entstanden sind. Seine 47 Faults between Calais and Idomeni zeigen Risse, gefüllte Gräben, ehemalige Munitionsdepots und Paradeplätze als mahnende Zeugen der Erinnerung an kriegerische Auseinandersetzungen.

Forschungsreise
Politisch brisant sind auch die künstlerischen Reisen, die mit wissenschaftlicher Recherche verbunden sind. So taucht Klara Hobza in einem langjährig angelegten Projekt durch die Flüsse Europas, Nicole Schuck richtet ihr Augenmerk auf die vom Aussterben bedrohten Wildtiere, Janet Bellotto unternimmt eine Expedition und Kate Crawford erforscht zusammen mit Vladan Joler die Struktur künstlicher Intelligenz.

Letzte Reise
Das letzte Stück des Weges geht jeder allein. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod wird auch künstlerisch reflektiert. So inszeniert der amerikanische Künstler Matthew Day Jackson jedes Jahr aufs Neue und jedes Jahr anders sein Ableben. Und am Ende? Das zeigt eine Fotografie des deutschen Konzeptkünstlers Timm Ulrichs, der sich THE END auf sein rechtes Augenlid hat tätowieren lassen.

Künstler*innen: Marina Abramovi? & Ulay, Francis Alÿs, Kader Attia, Shusaku Arakawa,
Lothar Baumgarten, Janet Bellotto, Joseph Beuys, Christoph Brech, Stanley Brouwn, Peter Brüning, Michael Buthe, Julian Charrière, Ivan S. ?ujkov, Kate Crawford & Vladan Joler, Wolfgang von Contzen, Walter Dahn, Hélène Delprat, Simon Faithfull, Jerry Frantz, Mareike Foecking, Gerard Garouste,
Philipp Goldbach, Nancy Graves, Manaf Halbouni, Michael Heizer, Jochem Hendricks, Klara Hobza, Jean-Olivier Hucleux, Cécile Hummel, Stefan Huber, Matthew Day Jackson, Sven Johne, Dagmar Keller und Martin Wittwer, Fabian Knecht, Svetlana Kopystianskaja, Norbert Kottmann, Till Krause, Alicja Kwade, Talisa Lallai, Via Lewandoswky, Richard Long, Hiroyuki Masuyama, Duane Michals, Christoph Mueller, Roman Ondak, A.R. Penck, Michail Pirgelis, Dani Ploeger, Anne Pöhlmann, Jon Rafman, Nicole Schuck, Michael Snow, Stefan Sous, Vera Sous, Katrin Ströbel & Mohammed Laouli, Timm Ulrichs, Christoph Westermeier, Francesca Woodmann u.a.


Öffnungszeiten:
Montag - Mittwoch: 10:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 20: 00 Uhr
Freitag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: ludwigforum.de

Alicja Kwade, Reise ohne Ankunft (Raleigh), 2012/2013, 96 x 60 x 60 cm, verbogenes Fahrrad, Nunzia & Vittorio Gaddi Collection © Alicja Kwade
13.11.2020 - 16.05.2021

Bon Voyage! Reisen in der Kunst der Gegenwart

Ludwig Forum für Internationale Kunst

Jülicher Str. 97-109
52070 Aachen