Beijing, Buenos Aires, Bombay (heute Mumbai), Casablanca, Khartum, Kyoto, Lahore, Nsukka, São Paulo, Tokyo: Überall auf der Welt schlossen sich im 20. Jahrhundert Künstler*innen zu Kollektiven zusammen. Die Tendenz zur gleichgesinnten und solidarischen Gruppenarbeit war und ist universell; die Anliegen der Mitglieder, ihre ästhetischen Methoden, politischen Ziele und utopischen Ideen sind jedoch – je nach Zeit und Ort – durchaus verschieden. Die Ausstellung "Gruppendynamik – Kollektive der Moderne" beleuchtet exemplarisch die Entstehung und Entwicklung von Künstler*innengruppen vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Zeitgenossenschaft. Der gewählte Zeitraum von etwa 1910 bis in die 1980er Jahre umfasst internationale Modernisierungsbewegungen und antikoloniale Befreiungskämpfe.

Eine Gruppe lebt von Zusammenschluss und Bruch, ihre Dynamik ist unberechenbar: Gemeinsames Arbeiten, Gespräche, Geselligkeit, Rivalität, Freundschaft, Offenheit, Inklusion, Abgrenzung, Ermüdung, Streit, Liebe, Polemik und Enthusiasmus zeichnen sie aus. Gruppen bieten uns ein mögliches Modell, Kunstproduktion überindividuell zu denken: Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum, sie basiert auf Austausch und gesellschaftlichem Miteinander.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts nimmt die Mobilität vieler Menschen zu: Künstler*innen stehen im Austausch über ihre Städte und Länder hinaus, Gruppen schärfen ihre Programme in Solidarität mit internationalen Entwicklungen – und häufig in Opposition zu den klassischen Kunstakademien und Kontrahent*innen aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Die Gründung neuer Kunstschulen und Kollektive, die Veröffentlichung programmatischer Texte oder Zeitschriften begleiten dieses Phänomen.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse veränderten sich nachhaltig mit der Moderne: Die Welt wurde kosmopolitischer, zugleich verhärteten sich Klassenunterschiede. Die Moderne markiert einen späten Höhepunkt der europäischen Kolonialherrschaft und gleichzeitig ihr Ende in Form von Befreiungskämpfen in vielen kolonisierten Gegenden der Welt. In Kunst und Kultur fasst der Begriff gegenläufige und einander bedingende Tendenzen wie beispielsweise Fortschrittsglaube und Esoterik, Technikfetischismus und Naturkult. Die eigene Modernität wurde von vielen Künstler*innen und Gruppen als radikales Programm formuliert, eine Tatsache, die sich auch in einer Vielzahl von Manifesten niederschlug. In ihrem Zusammenspiel zeichnen die in der Ausstellung vereinten Künstler*innen und Werke ein Bild eines dynamischen Mit- und Gegeneinanders, einer komplexen internationalen Welt, in der die Kunst als Kompass dient und als Grund, sich lebhaft und lautstark auszutauschen.