Stephan Dillemuths künstlerische Praxis vollzieht sich in einer Erprobung von Techniken und Räumen der Selbstbestimmung, die er als bohemistische Forschungslaboratorien versteht. Darin artikuliert sich eine Ästhetik, die nicht dem produzierenden Gewerbe in einem anderen Gewerk nacheifern möchte, sondern ergebnisoffen, dilettantisch, vorläufig und gelegentlich auch kollektiv operiert. Trotz eines erstaunlich breiten Referenzrahmens, der von der Lebensreformbewegung über Blockchaintechnologie bis zur Schönheitengalerie im Schloss Nymphenburg reicht, hat Dillemuth über die Jahre ein erstaunlich konzises Oeuvre geschaffen, das die verhandelten Inhalte zu ernst nimmt, als um sie herkömmlichen Karrierebegriffen zu opfern. Grundlegend dafür ist eine Auffassung von Künstlertum als Lebensentwurf, der zwar aufgrund radikaler Neugier und reflektiertem Autonomiestreben deviant ist, anders als das vermeintliche Genie dabei jedoch nie den Gemeinsinn aufkündigt. 

„Wenn die Wirklichkeit kommt“, Dillemuths Ausstellung für den Kunstverein, präsentiert Arbeiten jüngeren Datums, die in belasteten Beziehungen zu Prozessen von Wirklichkeitsproduktion stehen. Die Anlehnung an unsere überpolarisierte Gegenwart, die von Entwürfen Künstlicher Intelligenz noch zusätzlich destabilisiert wird, leuchtet spontan ein. Allerdings interessiert die Ausstellung vielmehr das simultane Surren alternativer Wirklichkeitsmaschinen, wie Dillemuth es als Student bei der Tagesschau-Ausstrahlung im vollbesetzten Ratinger Hof erlebt hat. Oder das Ausschalten zentraler Parameter von dem, was wir Alltag oder Realität nennen, wie es kollektiv in Zeiten der Lockdowns während der COVID-19 Pandemie erfahren werden konnte. Vielleicht nicht ganz zufällig sind viele der Arbeiten in genau jenem (historischen?) Moment entstanden, der vor allem als Aussetzen oder Stillstand erfahren wurde und erinnert werden wird. Doch wenn die Realität nicht gegeben ist, sondern ein Fabrikat, wie kann ich selbst in die Produktion eingreifen? Und: What is reality anyway?? 

Stephan Dillemuth (*1954) war Mitbetreiber des Kunstraums Friesenwall 120 in Köln und UTV (Unser Fernsehen). Er hatte zahlreiche Einzelausstellungen u.a. bei Galerie Nagel Draxler, Köln/Berlin; American Fine Arts, New York; Galerie für Landschaftskunst, Hamburg; Reena Spaulings, New York; Galerie Hussenot, Paris; Secession, Wien; Konsthall C, Stockholm; Transmission Gallery, Glasgow; Uma Certa Falta de Coerencia, Porto; und dem Lenbachhaus, München. Überdies lehrte er bis 2020 an Kunsthochschulen, zunächst in Bergen, danach in Hamburg und von 2005 an in München. 


Öffnungszeiten:
Freitag - Sonntag: 14:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: neuer-essener-kunstverein.de

01.06. - 18.08.2024

Wenn die Wirklichkeit kommt

Neuer Essener Kunstverein e.V.

Bernestrasse 3
45127 Essen