Fäden zu spinnen und diese miteinander zu verweben zählt zu den frühesten Kulturtechniken der Menschheit. Ebenso alt ist die Verwendung von Textilien als künstlerische Ausdrucksform. Besonders der farbenprächtige Wandteppich, die Tapisserie, wurde wegen seines repräsentativen Charakters jahrhundertelang hochgeschätzt. Wegen seiner aufwändigen Herstellungstechnik ist er auch besonders kostbar. Oftmals nach Entwürfen bedeutender Künstler*innen gewirkt, diente er der Ausstattung von Kirchenräumen, fürstlichen Residenzen, öffentlichen Gebäuden und Bürgerhäusern. Welche überraschenden Wirkungen entstehen jedoch bei der Übersetzung von Klassikern der Moderne in dieses textile Medium? Und welche spezifischen, auch kontroversen Potentiale eröffnet es der zeitgenössischen Kunstproduktion?

Mit einer Auswahl von rund 50 Bildteppichen führt die Ausstellung die erstaunliche ästhetische Bandbreite dieser Welt aus Fäden vor Augen, gibt Einblicke in die historische Entwicklung des Mediums und fragt nach seiner künstlerischen Aktualität. Die Leihgaben umfassen traditionelle barocke Tapisserien ebenso wie Werke nach Vorlagen renommierter Künstler*innen der Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Vertreten sind bedeutende Produktionen der Nachkriegsmoderne bis hin zu internationalen Positionen der Gegenwart.

Die hierfür eigens entwickelte Ausstellungsarchitektur aus freistehenden Holzgerüsten gibt dabei auch immer wieder Blicke auf die Rückseiten frei, die mit ihrem Gewirr aus unzähligen Fäden den Entstehungsprozess unmittelbar anschaulich werden lassen. Die Bildteppiche sind zumeist in Wolle gewirkt – daneben finden jedoch auch Seide, Leinen sowie andere, experimentellere Materialien Verwendung. Immer wieder bietet die Ausstellung Gelegenheit, die in einem meist mehrjährigen traditionellen Herstellungsprozess gefertigten Tapisserien mit den zugrundeliegenden Entwürfen und Vorlagen zu vergleichen. Besonders frappierend erscheint dabei, wie medienspezifische Charakteristika von Tusch- oder Bleistiftzeichnungen, Lithografien, Gemälden, Aquarellen, Fotografien oder Videostills allein mithilfe von unterschiedlich gefärbten Fäden in das textile Medium übersetzt werden.

Der Ausstellungsparcours führt durch alle vier Museumsgeschosse des MdbK und verknüpft damit auch verschiedene künstlerische Epochen. Dabei bildet die großzügige Architektur des Hauses mit ihren charakteristischen Terrassen und weiten Durchblicken den wirkungsvollen Bezugsrahmen für die monumentalen Wandbehänge.

Den Auftakt bildet das Untergeschoss mit Werken der Klassischen Moderne und bedeutenden Beiträgen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Figurativen Positionen von Raoul Dufy, Henri Matisse und Fernand Léger stehen abstrakte Entwürfe von Wassily Kandinsky und Sonia Delaunay gegenüber. Mit Werken von ORLAN und Louise Bourgeois sind hier auch dezidiert feministische Positionen vertreten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Informel und der Nouvelle École de Paris. Ein Tapisserie-Entwurf von Hans Hartung und ein Gemälde von Pierre Soulages laden zum Vergleich der unterschiedlichen Medien ein.

Der Ausstellungsparcours führt innerhalb des Hauses nach oben und ist in die historische Sammlung eingebettet. Auf den Auftakt im UG erfolgt – gewissermaßen als dramaturgische Zäsur – zunächst ein Rückblick in die Geschichte der Bildwirkerei mit seltenen spätgotischen Millefleurs-Tapisserien und einem monumentalen barocken Gobelin aus dem Besitz Ludwigs XIV. nach dem Entwurf des Hofkünstlers Charles Le Brun, der von 1663-1690 die Leitung der berühmten königlichen Gobelin-Manufaktur innehatte. Im 1. und 2. Obergeschoss setzen die Bildteppiche innerhalb der Galerien immer wieder Akzente und treten in einen spannungsreichen Dialog mit Werken der eigenen Sammlung – von der mittelalterlichen Bildtafel bis zur digitalen Fotografie. So findet sich in der großen Museumshalle im 1. OG Margret Eichers Medientapisserie „Urteil des Paris“ in unmittelbarer Nachbarschaft zum gleichnamigen Werk Max Klingers. Auf einer der Museumsterrassen im 2. OG ist ein Strickteppich der niederländischen Künstlerin Fanja Bouts, die hier in comicartigen Miniaturen ein Panorama unserer Zukunft zeichnet, zu sehen.

Im Zentrum des Ausstellungskapitels im 3. Obergeschoss stehen zunächst als lokale Schwerpunktsetzung Bildteppiche aus Halle (Saale). Hier lässt sich beobachten, dass es – inspiriert durch französische Vorbilder, wie Jean Lurçat – durch staatliche Repräsentationsbedürfnisse in der DDR zu einer Renaissance des monumentalen Wandteppichs kam. Ein experimenteller, in Ikat-Technik gewebter Teppich von Fern Liberty Kallenbach Campbell als Absolventin der Textilklasse der Burg Giebichenstein steht exemplarisch für zeitgenössische Tendenzen des Mediums. Den Schlusspunkt setzen internationale Positionen des 21. Jahrhunderts, die zunehmend auch nach fotografischen und digitalen Vorlagen oder Videostills entwickelt werden.

Welt aus Fäden entsteht in Kooperation mit der Sammlung des Mobilier national in Paris und zeigt Werke nach Vorlagen von Louise Bourgeois, Fanja Bouts, Eduardo Chillida, Francisco de Goya, Sonia Delaunay, Margret Eicher, Max Ernst, Hans Hartung, Wassily Kandinsky, Charles Le Brun, Henri Matisse, Joan Miró, Tania Mouraud, Pablo Picasso und vielen anderen.