Der oberschwäbische Künstler Willi Siber (*1949) hat keine Angst vor Neuem, vor dem Ausloten von Möglichkeiten und Grenzen. Ob aus Holz, Epoxidharz oder Stahl – seine Bildtafeln, Wand- und Bodenobjekte ziehen die Betrachter*innen in ihren Bann, faszinieren und schaffen irritierende Wahrnehmungssituationen.

Seit über fünf Jahrzehnten beweist der Künstler enorme Beobachtungsgabe und Imaginationskraft, Mut und unstillbare Neugier hinsichtlich neuer technischer Möglichkeiten und Entwicklungen in Form- und Bildfindung. Von der Bildhauerei kommend, weisen doch all seine Arbeiten auch eine malerische Dimension auf. Sei es in den filigranen Gitterobjekten aus Holz oder bewegten Stahlskulpturen, sei es in raumgreifenden Wandobjekten oder reliefierten Tafelbildern. Er spielt nicht nur mit Sehgewohnheiten und Materialerwartungen, sondern auch mit den klassischen Genres der Malerei und Bildhauerei. Die Verschränkung von Fläche und Raum, die Auseinandersetzung mit der Wirkung des Materials aus der Ferne und von Nahem ziehen sich durch sein Werk. Die Vielgestaltigkeit seines Werkschaffens resultiert aus der akribischen Betrachtung und Erforschung von Oberflächenstrukturen, Topografien sowie materialeigener Eigenschaften.

In seinem Schaffen befasst sich Siber mit Motiven wie Leichtigkeit und Schwere, Fülle und Leere, Härte und Zartheit, Offenheit und Geschlossenheit, mit der Wechselwirkung von Licht und Raum, von Zwei- und Dreidimensionalität. Glänzende Werkoberflächen und spiegelnde Texturen filtern oder reflektieren das Licht. Seine Werke leben von Gegensätzen, faszinieren auf sinnliche Weise und bieten dadurch eine individuelle Plattform zur Auseinandersetzung mit unserer Welt und Wirklichkeit. Schönheit, Perfektion, Sinnlichkeit und Ästhetik sind zudem für ihn wesentliche Leitmotive.

Die gemeinsam mit Willi Siber entwickelte Ausstellung „Cosmos Color“ beleuchtet in einer umfangreichen Einzelschau das Werkschaffen des renommierten Künstlers. Zeigen die Räume in der ersten Etage die Basis und Herleitung von Sibers Denk- und Arbeitsweise, liegt der Fokus der Ausstellung auf den in der zweiten Etage präsentierten neuen Arbeiten aus intensiven Schaffensphasen der letzten beiden Jahre. Zu sehen sind Werke aus der Sammlung Siegfried und Jutta Weishaupt, Leihgaben privater Sammler*innen sowie aus dem Privatbesitz des Künstlers.

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Magazin mit einem Beitrag von Dr. Ralf Christofori.

HOLZ
Mit dem Material Holz verbindet Siber eine lange, persönliche Geschichte, da er bereits mit Anfang 30 die väterliche Schreinerei übernahm. Schon früh wendete er sich von der Vollholzskulptur ab und entwickelte eine Werkreihe von kissenförmigen Holzhüllen mit dicht aufgesetzter, noppenartiger Oberflächenstruktur. Durch ihre Gestalt vermitteln die Objekte Weichheit, die durch die Farbgebung in pudrig-weiß noch verstärkt wird, wenngleich ihre Oberfläche mit rauen, teils abgesplitterten, teils gesägten Zapfen überzogen ist. Insbesondere Sibers Gitterskulpturen und -wandobjekte verkörpern das Wechsel- oder besser Zusammenspiel von Massivität und Zartheit, Schwere und Leichtigkeit, Dichte und Auflösung, Organik und Konstruktion, Einfachheit und Komplexität, Statik und Dynamik.

EPOXIDHARZ
Seit Anfang der 2000er-Jahre arbeitet Siber mit Epoxidharz. Aufgrund des hohen Grads an Lichtdurchlässigkeit und Transparenz entsteht durch das mehrfache Lasieren eine Art Oberfläche mit „Tiefgang fürs Auge“ und wirkt deutlich luftiger, leichter als deckende Öl- oder Acrylfarben.
In einer weiteren Werkserie scheinen die durchbrochenen Farbflächen aus eingefärbtem Epoxidharz auf einem Bett aus Nägeln zu schweben. Auch erscheint das Material fast flüssig und spielt mit den Seherfahrungen der Betrachter*innen.

STAHL
Die Skulpturen aus Industriestahl wirken einerseits spielerisch, fast elegant, strahlen jedoch zugleich die Massivität und Energie des Materials aus. Sibers Fokus auf die Verwandlungsfähigkeit eines Materials kommt bei dieser Reihe besonders stark zum Tragen. So ragen die linear aus kissenartigen Einzelteilen zusammengesetzten und -geschweißten, vermeintlich geknickten Bänder mal vertikal in die Höhe, mal winden sie sich rhythmisch horizontal auf dem Boden. Die Oberfläche ist bei dieser Werkreihe eine perfekte, fünffache Chromlackierung, deren knallige Farbigkeit zum Teil an Pop-Art erinnert.

LACK
Sibers Wandobjekte aus Holz sowie die plastischen Tafelbilder und Shaped Canvases erhalten durch Glanzlichter, Farbakzente und Spiegelungen ebenfalls Leichtigkeit. Die Arbeiten sind mal glänzend, mal matt feingeschliffen, wodurch unterschiedliche Wirkungen entstehen – von protzig hochglänzend bis zu zart zurückgenommen. Bei den nierenförmigen und runden Arbeiten fordert Siber die Wahrnehmung der Betrachter*innen heraus: Welche Richtungen scheinen sie einzuschlagen? Welcher Bildbereich ist erhaben, welcher vertieft?

MOND
Eine besondere Position in Sibers jüngerem Schaffen nimmt der Mond ein – so auch in der Ausstellung an der über beide Etagen laufenden Schaufront der kunsthalle. Mehrere Tondos unterschiedlichen Durchmessers und oszillierender Farbigkeit bilden originalgetreue Ausschnitte der Oberfläche des Himmelskörpers in verkleinertem Maßstab ab. Hier kommt Sibers Ansinnen, mit seinen Arbeiten weg vom Alltäglichen, von der funktionalen Welt hin zum Schönen, Sphärischen zu führen, um positive, energiespendende Empfindungen bei den Betrachter*innen auszulösen, abermals zum Ausdruck.