Der Hamburger Bahnhof zeigt die Berliner Künstlerin Annika Kahrs mit der bislang umfangreichsten Auswahl ihrer Werke an der Schnittstelle von Kunst und Musik. Kahrs geht kulturellen und sozialen Funktionen von Musik nach: in einer aufgegebenen Kirche in Lyon, auf der Parade eines generationsübergreifenden Orchesters in einem italienischen Dorf oder in Berliner Kaufhäusern. Das für die Ausstellung entstandene Video „A Cashier’s Opera“ (2025), die Sound-Installationen „My Favorite Music“ (2020) in den historischen Übergängen sowie die Live-Performance „For Two To Play On One“ (2012) im Forum Hamburger Bahnhof erschaffen klingende Räume, die Besucher*innen beim Gang durch das Museum immer wieder überraschen. Präsentiert werden über zehn Videoarbeiten, SoundInstallationen und Performances aus 15 Jahren im Hamburger Bahnhof, Musikinstrumenten-Museum sowie eine Projektion am Ku’damm Eck im öffentlichen Raum. Von Februar bis April 2026 findet im Rahmen der Ausstellung ein Performance-Programm statt.

Annika Kahrs. OFF SCORE“ im Hamburger Bahnhof zeigt Filme, die sich mit dem strukturellen Wandel einst aktiver Orte auseinandersetzen: „Le Chant des Maisons“ (2022) verfolgt mit Profi- und Amateurmusiker*innen sowie Handwerker*innen die Geschichte der entweihten Kirche Saint-Bernard in Lyon, „La Banda“ (2024) begleitet die Parade eines generationsübergreifenden Orchesters in dem italienischen Dorf Olevano Romano und der für die Ausstellung entstandene Film „A Cashier’s Opera“ (2025) macht in vier Berliner Kaufhäusern Orte hörbar, deren Umnutzung bevorsteht. Während sich die Besucher*innen durch die historischen Übergänge von den Ost- und Westflügeln zum Haupthaus bewegen, begegnen sie Kahrs zweiteiliger Soundinstallation „My Favorite Music“ (2020). Diese thematisiert die Beschallung von Bahnhöfen mit klassischer Musik zur Vertreibung und Fernhaltung vermeintlich unerwünschter Menschen. Beim Weg vorbei an Eingangsbereich und Buchladen, hören die Besucher*innen Klaviermusik der Performance „For Two To Play On One“ (2012), die sie schließlich in einem separaten Raum mit geschlossener Tür hinter dem Forum des Museums verorten können.

Die Kunst von Annika Kahrs (geboren 1984) hinterfragt tradierte Hörgewohnheiten, bricht mit Erwartungen und provoziert neue Perspektiven. Kahrs entwickelt ihre Werke oft in Zusammenarbeit mit Profi- und Amateurmusiker*innen sowie Akteur*innen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Sie entstehen häufig in architektonisch und historisch aufgeladenen Räumen, darunter ehemalige Kirchen, Bahnhöfe, Kaufhäuser oder Lagerhallen, die nicht bloße Kulissen, sondern aktive Akteure sind. Als Orte des Übergangs sind sie Resonanzräume, in denen Geschichte, Erinnerung und Gegenwart aufeinandertreffen. Musik macht diese flüchtigen Prozesse für die Betrachter*innen hör- und erfahrbar und legt soziale wie politische Aspekte eines Raumes frei. Der Film „La Banda“ (2024) etwa dokumentiert die Parade eines generationsübergreifenden Orchesters durch das kleine italienische Dorf Olevano Romano. Dabei ist sie weniger an der musikalischen Perfektion interessiert als am Moment des Zusammenseins, an der sozialen Interaktion im öffentlichen Raum.

In „Le Chant des Maisons“ (2022), entstanden im Rahmen der Biennale in Lyon, musizieren Profi- und Amateurmusiker*innen sowie Handwerker*innen in der entweihten Kirche Saint-Bernard. Während Musiker*innen historische Orgellochkarten als Notationen nutzen, bauen Zimmerleute mitten im sakralen Raum eine hölzerne Struktur. Stimmen, Werkzeuge, Blasinstrumente, Orgelpfeifen und Raumresonanz verbinden sich zu einer dichten Klanglandschaft. Die Kirche selbst mit ihrer Geschichte der sozialen Kämpfe der Seidenweber*innen von Lyon wird zur Protagonistin des Kunstwerks.

In ihrer für die Ausstellung entstanden Arbeit „A Cashier’s Opera“ (2025) werden vier Berliner Kaufhäuser und Einkaufszentren, die Galeria am Alexanderplatz, die Mall of Berlin in Mitte und zwei im Ring Center in Lichtenberg zur Bühne musikalisch performativer Inszenierungen. Mit dem Solistenensemble Kaleidoskop, einem Jugendchor, einer Opernsängerin und einer DJ sowie Mitarbeitenden der Kaufhäuser entsteht ein Dialog über Geschichte und Wandel dieser Orte. Das Kaufhaus, einst urbanes Zentrum und gesellschaftlicher Treffpunkt, erscheint als fragile Struktur zwischen Konsum und Gemeinschaft.

Die zweiteilige Soundinstallation „My Favorite Music“ (2020) in den historischen Übergängen des Museums beschäftigt sich mit klassischer Musik, die seit 2001 im Hauptbahnhof in Hamburg wohnungslose und drogenabhängige Menschen verdrängen soll. Kahrs greift im ersten Teil in der Passage Ost die Musik am Hauptbahnhof samt Umgebungsgeräuschen auf und kontrastiert sie in der gegenüberliegenden Passage West mit Interviews von Straßenzeitungsverkäufer*innen, die über ihre Musikvorlieben sprechen. Die Soundinstallation findet in den beiden historischen Übergängen des Museums, dem ehemaligen Bahnhof für die Zugverbindung zwischen Hamburg und Berlin, einen besonders passenden Ort.

Mit „For Two To Play On One“ (2012) entwirft Kahrs eine intime Performance, in der das Publikum selbst Teil des Werks wird. Aus einem separaten Raum im Forum des Museums sind verborgene Klavierklänge zu hören. Sobald eine Person den Raum mit den zwei Pianist*innen betritt, verstummt das Spiel. Die beiden Musiker*innen blicken sie schweigend an. Erst beim Verlassen des Raums wird das Stück fortgesetzt. Die Performance schafft einen ungewohnten, intimen Moment und unterläuft das traditionelle Verhältnis von Akteur*in und Zuschauer*in. Sie findet täglich von 15 bis 17 Uhr statt.

Die Ausstellung zeigt Kahrs‘ Werke in einem Netzwerk, das Berliner Museen und den städtischen Raum miteinander verbindet. So wird im Musikinstrumenten-Museum ab 19. Februar 2026 die Filmarbeit „Ganz ungültig, nur ein Versuch“ (2024) gezeigt, in der die »Nullte«, die ungültige Sinfonie des österreichischen Komponisten Anton Bruckner (1824- 1896), zum Ausgangspunkt einer kollektiven Neuinterpretation wird. Auf der großen LED-Wand am Kurfürstendamm, dem sogenannten Ku‘damm Eck, läuft ab Donnerstag, 13.11.2026, jeweils von 18 bis 22 Uhr, stündlich die Filmarbeit „how to live in the echo of other places“ (2022/25), die einen digitalen Sonnenuntergang mit Texten von Erinnerungen befreundeter Künstler*innen an Sonnenuntergänge in englischer, deutscher und türkischer Sprache verbindet. Die etwa zwei- bis fünfminütigen Filme laden zum Innehalten am geschäftigen Kurfürstendamm ein.

Von Februar bis April 2026 findet im Rahmen der Ausstellung ein Performanceprogramm im Musikinstrumenten-Museum, im Berliner Medizinhistorischen Museum und in der Heilige-Geist-Kirche statt. Das Programm „Hamburger Bahnhof On Tour“ zum 30. Jubiläum des Museums legt einen Schwerpunkt auf den Austausch und die Vernetzung mit anderen Berliner Museen und kulturellen Akteuren der Stadt.

Begleitend zur Ausstellung erscheint die 15. Ausgabe der Katalogreihe des Hamburger Bahnhof, herausgegeben von Silvana Editoriale Milano, mit einer kuratorischen Einführung von Ingrid Buschmann, einem Interview von Philipp Lange mit Annika Kahrs sowie einem Text von Susanne Pfeffer (12 Euro).


Öffnungszeiten:
Dienstag – Mittwoch: 10:00 – 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 – 20:00 Uhr
Freitag: 10:00– 18:00 Uhr
Samstag – Sonntag: 11:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: smb.museum