Der Hamburger Bahnhof präsentiert die erste institutionelle Einzelausstellung von Saâdane Afif in Berlin. Die Ausstellung gibt einen Einblick in das Werk des seit 2003 in der Stadt lebenden, interdisziplinär arbeitenden Künstlers und zeigt unter anderem das vielteilige Werk „The Fountain Archives“. Das künstlerische Archivprojekt, widmet sich einem der prominentesten Kapitel der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts: dem legendären Readymade „Fountain“ von Marcel Duchamp aus dem Jahr 1917. Afifs Rauminstallation kam 2023 als großzügige Schenkung von Paul Maenz an das Museum. Gezeigt werden weitere Werke, darunter zwei Neuproduktionen, die tiefgründig und mit feinem Humor die Institution des Kunstmuseums und das Prinzip der Autor*innenschaft hinterfragen.
„Saâdane Afif. Five Preludes“ im Hamburger Bahnhof zeigt fünf Werkkomplexe der vergangenen fünfzehn Jahre: „The Fountain Archives“ (2008-2020), „Anthologie de l’humour noir“ (2010), „Soixante mille millimètres d’infinis possibles“ (2018) sowie „The Old“ und „Live“ (2025). Afifs Werke mit Bezügen zur Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts setzen einen Prozess des Betrachtens und Interpretierens in Gang, der von Mitwirkenden und Betrachter*innen fortgeführt wird. So lädt er Künstler*innen, Musiker*innen und Schriftsteller*innen ein, poetische Kommentare zu den Werken zu verfassen. Die sogenannten „Lyrics“ sind auf Augenhöhe im Ausstellungraum um die Exponate angebracht. Sie bilden den Ausgangspunkt für Performances, die während der Laufzeit an verschiedenen Orten in Berlin stattfinden. Ankündigungen dieser Aufführungen hat Afif auf Postern zu jedem der fünf gezeigten Werkkomplexe gestaltet. Die im Hamburger Bahnhof gezeigten Kunstwerke werfen einen Blick auf die Avantgarden des vergangenen Jahrhunderts und ihre Bedeutung in der Kunst von heute, auf das Museum als Bewahrungs- und Begräbnisort von Kunst und stellen die Besuchenden vor die Frage, wo das Leben stattfindet, wenn nicht im Museum?
Auftakt der Ausstellung ist das Langzeitprojekt „The Fountain Archives“. Es begann 2008 mit gesammelten Magazinen, Katalogen und Büchern, in denen Marcel Duchamps (1887-1968) berühmtes Readymade „Fountain“ (1917) abgebildet ist. Bis 2020 sammelte Afif 1001 Bücher, riss Seiten mit Abbildungen des Urinals heraus, rahmte, signierte und nummerierte die Blätter („The Fountain Archives: Regular Series“). Die Publikationen sind in Bibliotheksregalen aufgestellt, Lesezeichen markieren die Leerstellen („The Fountain Archives: Bookshelves“). Zusätzlich sind 147 Blätter aus Publikationen ausgestellt, in denen seit 2014 über sein „Fountain Archives“-Projekt berichtet wurde („The Fountain Archives: Augmented Se-Afifi ries“). Abschluß des künstlerischen Archivprojekts bildete 2022 ein „Index“, in dem alle Seiten der „Regular Series“ reproduziert wurden.
Die Ausstellung zeigt außerdem den 2010 entstandenen Werkkomplex „Anthologie de l’Humour noir“, der zur Verleihung des Prix Marcel Duchamp im Centre Pompidou in Paris präsentiert wurde. Afif bezieht sich auf die ghanaische Tradition figürlicher Särge, die er in der Ausstellung „Magiciens de la terre“ (Centre Pompidou, 1989) entdeckt hatte. Er reiste nach Ghana und gab bei dem Kunsthandwerker Kudjoe Affutu einen Sarg in der Form des Cente Pompidou in Auftrag. Das Werk wirft Fragen zum Verhältnis von Kunst und Institution auf. Etwa ob die Aufnahme eines Kunstwerks ins Museum unweigerlich seinen „Tod“ bedeutet, weil es seinen Entstehungskontext und auch sein kritisches Potenzial verliert. Der Titel verweist auf eine 1940 von André Breton herausgegebene Textsammlung. Sie enthält Beiträge von Künstler*innen des Dadaismus und Surrealismus, die ihrerseits in der Sammlung des Centre Pompidou vertreten sind.
Das Auflagenobjekt „Deux mille millimètres d’infinis possibles“ (2014), einen zwei Meter langen Zollstock ohne Markierungen, hat Afif erstmals 2018 in einer installativen Version präsentiert. Der zehnteilige Zollstock kann in unendlich viele Konfigurationen gebogen werden und verweist auf ein Werk Duchamps („3 Stoppages étalon“, 1913–14). Dieser warf drei jeweils einen Meter lange Fäden auf den Boden, die unterschiedliche Formen ergaben. Für die Ausstellung im Hamburger Bahnhof hat Afif dreißig gelbe Zollstöcke ohne Maßangaben in unterschiedlichen Formen auf ebenfalls gelben Wänden angebracht. Zusammen besitzen sie eine Länge von 60.000 Millimetern und bilden mit den über das Objekt verfassten „Lyrics“ die Installation „Soixante mille millimètres d’infinis possibles“ (2018).
Eigens für die Ausstellung entstanden ist „The Old“, bezugnehmend auf Jeff Koons Werkserie „The New“ (1979-1987). Koons (geb. 1955) präsentierte makellose, fabrikneue Staubsauger in Plexiglasvitrinen, unberührt von der Zeit und für die Ewigkeit bewahrt. Afif wiederum spürte dieselben Staubsaugermodelle auf, gezeichnet von vielen Jahren des Gebrauchs, und platziert sie in Nachbildungen der von Koons gestalteten Vitrinen. Die Aneignung von Koons’ Konzept eröffnet ein Nachdenken über universelle Themen: das Vergehen der Zeit und die Unausweichlichkeit des Verfalls. Auch Kunst altert und muss durch wechselnde Perspektiven immer wieder lebendig gehalten werden.
Dem zweiten für die Ausstellung entstandenen Kunstwerk begegnen die Besucher*innen in den Rieckhallen, integriert in die Sammlungsausstellung „Museum in Bewegung“. „Live“ ist eine sich fortlaufend verändernde Plakat-Installation mit Ankündigungen von Berliner Kulturveranstaltungen, die Afif als Readymades übernimmt und in eine Erzählung über das pulsierende kulturelle Leben der Stadt überträgt. Auf einer eigens errichteten Wand klebt ein Plakatierer Woche für Woche neue Plakate, wie sie zeitgleich in den Straßen Berlins anzutreffen sind. Das Werk ruft Aktionen der „Nouveaux Réalistes“ in Erinnerung, die in den 1950er- und 1960erJahren Plakatabrisse in den Straßen von Paris sammelten und als Kunstwerke in Galerien und Museen ausstellten.
Von Mai bis Juli 2026 findet im Rahmen der Ausstellung ein Performanceprogramm im Roten Salon der Volksbühne am Rosa LuxemburgPlatz, im KM28 und in der Kantine am Berghain statt. Das Programm „Hamburger Bahnhof On Tour“ anlässlich des Jubiläumsprogramms 30 Jahre Hamburger Bahnhof legt einen Schwerpunkt auf den Austausch und die Vernetzung mit kulturellen Akteur*innen in Berlin.
Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Ausgabe der Katalogreihe des Hamburger Bahnhof, herausgegeben von Silvana Editoriale Milano, mit einer kuratorischen Einführung von Gabriele Knapstein; einem Gespräch zwischen Clara Meister und Saȃdane Afif, einem Essay von Christiane Meyer-Stoll, sowie zahlreichen Ausstellungsansichten (12 Euro).
Die Ausstellung wird ermöglicht durch Hamburger Bahnhof International Companions e. V.; Daniel Schmidt; Georg Reisch GmbH & Co. KG; Dimitris Passas Collection
Öffnungszeiten:
Dienstag – Mittwoch: 10:00 – 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 – 20:00 Uhr
Freitag: 10:00– 18:00 Uhr
Samstag – Sonntag: 11:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen
Weitere Informationen direkt unter: smb.museum