Petrit Halilaj schafft mit seinen theatralischen Kunstwerken Raum für Freiheit, Queerness und Verlangen. Zentrales Kapitel der Einzelausstellung im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart ist die Museumsfassung seines ersten Opernwerks: „Syrigana“ erkundet kollektive Träume und offene Welten der Selbstbestimmung. Neben diesem ortsspezifischen Werk zeigt die Präsentation in den weitläufigen Rieckhallen Skulpturen und Installationen aus verschiedenen Schaffensphasen. Riesige Blumen und Motten, ein Zugvogelschwarm, Kanarienvögel, ein Fuchs, ein Hahn und ein überlebensgroßes Pferd bewohnen Halilajs raumgreifende Installationen, die sich mit der gelebten Erfahrung von Krieg, Flucht und Exil sowie Queerness und kultureller Unterdrückung auseinandersetzen. „Petrit Halilaj. An Opera Out of Time“ eröffnet anlässlich der Berlin Art Week und ist die erste große institutionelle Einzelausstellung des in Berlin lebenden Künstlers in der Stadt.
Motten-Skulpturen aus Teppichen und bunten Stoffbahnen sammeln sich an den Wänden um flackerndes Licht bevor die Besuchenden in einen Tunnel aus dichtem Geäst treten. Petrit Halilajs Installationen im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart wirken wie Bühnenbilder, die von menschlichen, tierischen und pflanzlichen Figuren in ihren Behausungen bevölkert sind: Motten, Vögel und Füchse, Nester, Häuser, Raumschiffe oder Sterne. Viele der von Halilaj inszenierten Situationen bestehen aus Ästen, Zweigen, Schlamm, Dung, teilweise ergänzt durch gefundene Objekte. Die Environments „RU (Aves Migrantis)“ (2017/2025) und „Yes but the sea is attached to the Earth and it never floats around in space. The stars would turn off and what about my planet? “ (2014) bilden Anfang und Ende der ersten institutionellen Ausstellung des 1986 in Kostërrc, Kosovo, geborenen Künstlers in Berlin.
Halilajs Kunst ist eng mit der Geschichte seines Heimatlandes Kosovo und den Folgen kultureller und politischer Spannungen in der Region verbunden. „Petrit Halilaj. An Opera Out of Time“ reflektiert den kulturellen und politischen Kontext des Kosovo ausgehend von persönlichen Erfahrungen des Künstlers, der während des Kosovo Kriegs (1998–1999) mit seiner Familie fliehen musste. Im Geäst von „RU (Aves Migrantis)“ hocken Dutzende vogelähnlicher Skulpturen. Die flügellosen Gestalten auf dünnen Messingbeinen stehen für über 500 neolithische Artefakte, die in Runik im Kosovo ausgegraben wurden, wo der Künstler aufwuchs. Die Mehrheit der Artefakte befindet sich bis heute im Ethnologischen Museum in Belgrad in Serbien. Für die Nachbildungen arbeitete Halilaj mit Katalogfotografien und Archivunterlagen, die die Objekte nach Inventarnummern mit dem Präfix „RU“ verzeichnen. Durch ein Guckloch im Tunnel ist ein kanariengelbes Damenkostüm zu sehen, das im Kosovo für den Künstler maßgeschneidert wurde. Die Gespräche über Sexualität während der Anproben verbinden sich mit seinen Kindheitserinnerungen. Während die Mutter als Schneiderin intime Gespräche mit ihren Kundinnen führte, war die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität in der Familie schwierig.
Am Ende des Tunnels betreten die Besuchenden die Installation „Shkrepëtima“ (2018, albanisch für Lichtstrahl oder Blitz), deren zugrundeliegende Theateraufführung 2018 in der Kriegsruine des Kulturhauses von Runik stattfand. Bühne, Vorhang, Kulissen, Bühnenbild, Ziegelsteine aus der Ruine und Kostüme wurden in eine Installation überführt, die in unterschiedlichen Konstellationen gezeigt wurde. Das Gebäude aus den 1950er-Jahren beherbergte eine Bibliothek, Theater, Kino, eine landwirtschaftliche Genossenschaft und ein Teehaus. Halilajs Aufführung verband Skulptur, Installation, Performance, Musik, Archivrecherche und sollte in Zusammenarbeit mit der lokalen Kulturszene die Erinnerung an das einstige Kulturhaus wiederbeleben. Als Ergebnis der engen Zusammenarbeit des Künstlers mit der Gemeinde beginnt Ende 2025 der Wiederaufbau des Kulturhauses von Runik.
Die Videoarbeit “The city roofs were so near that even a sleepwalking cat could pass over Runik without ever touching the ground” (2017/2025) im Zwischenraum verhandelt die Legende der Heirat von Adam und Eva in Syrigana. Sie ist Ausgangspunkt der Handlung der ersten Oper des Künstlers, deren Museumsfassung im folgenden Raum gezeigt wird. Während die Überführung von „Shkrepëtima“ in eine Installation auf Klang, Bewegung und theatralisches Licht verzichtet, verbindet die Museumsfassung von „Syrigana“ (2025) diese Elemente der Oper. Im Zentrum stehen ein mobiles Theater, die beleuchtete Skulptur der untergehenden Sonne, die im Zusammenspiel mit der Handlung changiert, und leuchtende Sterne. In Anlehnung an die Uraufführung in der hügeligen Landschaft von Syrigana ist der Publikumsbereich mit traditionellen kosovarischen Teppichen ausgelegt. Die Besucher*innen lassen sich dort nieder oder wandeln durch das Bühnenbild mit Requisiten und skulpturalen Elemente: ein Birnbaum, eine Gefäßflöte (Okarina) und Rahmentrommeln. Die fünf überlebensgroßen Versionen von im Kosovo verbreiteten Birnbaumblüten symbolisieren die queere Liebe, deren erkämpfte Akzeptanz weltweit wieder zunehmend unter Druck gerät. Die Kostüme sind als skulpturale Existenzen Teil der Installation, so blicken die Hauptfiguren Fuchs und Hahn aus einem erhöhten Fenster auf die Szenerie ihrer Hochzeit. Eine vollständige Tonaufnahme der Oper erfüllt den Ausstellungsraum mit einer Projektion des Libretto als Übertitel.
Der sagenumwobene Ort Syrigana ist ein dreitausend Jahre altes Dorf in der Nähe von Halilajs Heimatstadt Runik. Seit 2016 steht Syrigana als archäologische Stätte der Frühgeschichte, der Spätantike und des Mittelalters unter Denkmalschutz. Die Hochzeit von Adam und Eva in Syrigana ist eine der lokalen Mythen und Legenden, die über Generationen im örtlichen Teehaus weitergegeben wurden. Die fünf Akte der Oper erzählen die Geschichte ihrer Ankunft im Dorf als epische, queere Liebeserzählung von Fuchs und Hahn, die aus dem Paradies verstoßen wurden und den Ort mit einem Helikopter der Nato Friedensmission im Kosovo, KFOR erreichen. Die Installation beinhaltet diesen Helikopter basierend auf einer Kinderzeichnung, die an die Serie „abetare“ erinnert, die zuletzt als Teil von Halilajs rooftop Commission des Metropolitan Museum of Art in New York 2024 gezeigt wurde.
Die Uraufführung fand am 29. Juni 2025 in Syrigana unter freiem Himmel in der Landschaft von Halilajs Kindheit statt. In der Ausstellung im Hamburger Bahnhof werden die Elemente der Oper in einer ortsspezifischen Installation neu konfiguriert. Die Oper entstand in Zusammenarbeit mit der Kosovo-Philharmonie. Halilaj entwickelte die Handlung mit Amy Zion, Doruntina Basha und Robert Schulz, die Oper basiert auf einer Partitur von Lugh O'Neill, mit Vokalkompositionen von Nina Guo und einer Choreografie von Robert Schulz.
Auf einer rosa Freifläche aus Seife in einer kargen Landschaft aus Ästen, Steinen und Erde steht im letzten Raum der Ausstellung die überlebensgroße Skulptur eines weißen Pferdes. Über dem Maul hängt ein traditionelles Gürtelband mit einer gestickten Inschrift. Eine so genannte „shoka“ soll auch der Großvater des Künstlers getragen haben, der als albanischer Intellektueller und Widerstandskämpfer 1912 ermordet wurde. Damit verweist die Szene von „Yes but the sea is attached to the Earth and it never floats around in space. The stars would turn off and what about my planet?“ (2014) auf ethnische Repressionen, die mit dem Kosovokrieg in den 1990er-Jahren einen Höhepunkt erreichten.
Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Ausgabe der Katalogreihe des Hamburger Bahnhofs, herausgegeben von Silvana Editoriale Milano mit einer kuratorischen Einführung von Catherine Nichols, einem Gespräch von Amy Zion mit Petrit Halilaj sowie einem Essay von Lura Limani (12 Euro).
Die Ausstellung wird von der Direzione Generale Creativita Contemporanea (Generaldirektion für zeitgenössische Kreativität) des italienischen Kulturministeriums im Rahmen des Italian Council (2025) unterstützt.
Öffnungszeiten:
Dienstag – Mittwoch: 10:00 – 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 – 20:00 Uhr
Freitag: 10:00– 18:00 Uhr
Samstag – Sonntag: 11:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen
Weitere Informationen direkt unter: smb.museum