Cornelia Parker begreift Gewalt und Zerstörung als zentrale Momente bildhauerischer Praxis. In ihrem skulpturalen und installativen Werk verbindet sie Dekonstruktion und Neugestaltung. Alltägliche Gegenstände setzt sie Kräften aus, die deren Form verändern und neue Sinnzusammenhänge schaffen. Ihre Kunst zeichnet sich durch einen spielerischen Umgang mit Zeit und Geschichte aus, es ist eine Kunst der Übersetzung, Transformation und Anspielung. So etwa in ihrer bekannten großformatigen Skulptur auf dem Dach des New Yorker Metropolitan Museum of Art: Transitional Object (PsychoBarn)(2016) verweist sowohl auf Bates Motel aus Hitchcocks Filmklassiker Psycho als auch auf das rote, traditionelle Holzhaus des ländlichen Amerika. Die Künstlerin findet visuelle Metaphern für den politischen, geistigen und kulturellen Zustand unserer Welt – oft auch mit einem apokalyptischen Unterton. In ihren Arbeiten ergeben sich Verbindungen zum Unbewussten, zu Gewalt und Trauma, aber auch zu unseren Überzeugungen und Sehnsüchten.

Eine Reihe von Arbeiten verdeutlicht diese Herangehensweise besonders eindrücklich, etwa das frühe Werk Cold Dark Matter. Exploded View (1991), für das sie die Trümmer eines von der britischen Armee gesprengten Gartenschuppens – einer dreidimensionalen Explosionszeichnung gleich – um eine einzelne Lichtquelle herum von der Decke hängend installiert. Hier zeigt sich bereits eine bei Parker häufig anzutreffende Praxis: die der Zusammenarbeit mit Personen außerhalb der Kunstwelt. Ein weiteres Beispiel für Parkers Kollaborationen ist Magna Carta (An Embroidery) (2015), eine 13 Meter lange, gestickte Version des Wikipedia-Artikels zur Magna Carta, jenes zentralen Dokuments zur englischen Rechtsstaatlichkeit von 1215. Entstanden ist Parkers Werk in einem kollektiven Prozess, an dem unter anderem Whistleblower Edward Snowden, der Journalist Julian Assange, der Bildhauer Antony Gormley, der Musiker Brian Eno und die Autorin und Feministin Germaine Greer ebenso beteiligt waren wie Insassen aus 13 englischen Gefängnissen, Mitglieder der Embroiderer’s Guild und Schülerinnen einer römisch-katholischen Mädchenschule.

Für das monumentale Kesselhaus realisiert Cornelia Parker eine ortsspezifische, immersive Installation – ein gewaltiges fiktives Ereignis von unmittelbarer physischer Präsenz, das dunkle Vorahnungen beschwört. Ihre Installation Stolen Thunder (A Storm Gathering) entstand in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Graeme Miller und auf Grundlage ausführlicher Recherchen zu Wetterphänomenen sowie der Medien- und Kulturgeschichte ihrer Aufzeichnung und Archivierung. Parker aktiviert den Raum durch den Einsatz einer umfänglichen Klang- und Lichtinstallation. Außerdem arbeitet sie für diese Installation erneut mit einer zentralen Lichtquelle, die in Dunkelphasen durch die Präsenz des Publikums Schattenwürfe an der Wand ermöglicht, eine Reminiszenz an den deutschen expressionistischen Film der 1920er Jahre und insbesondere an die deutsche expressionistische Bewegung Der Sturm. Damit schlägt Parker eine Brücke zu der Entstehungszeit der Kindl-Brauerei und zu den expressionistischen Elementen in der Architektur des Gebäudes. 

„Die Vorstellung von Sturm als kraftvoller Metapher ist in der Literatur- und Filmgeschichte vielfach aufgegriffen worden – als Spiegel politischer Instabilität, der unberechenbaren Macht der Natur und der Abgründe der menschlichen Psyche. Angesichts der zunehmenden Bedrohung durch Klimakatastrophen aufgrund der globalen Erhitzung einerseits und der Angst vor Konflikten wegen der dramatischen Verschiebungen der politischen Achsen andererseits, erscheint mir diese Arbeit als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, erklärt Cornelia Parker.

Cornelia Parker (* 1956 in Cheshire, lebt in London) war 1997 für den Turner-Preis nominiert. Im Jahr 2010 wurde sie in die Royal Academy of Arts in London gewählt und zum Officer of the Order of the British Empire ernannt (2022 folgte die Ernennung zum Commander of the Order of the British Empire). Sie war die erste Frau und gleichzeitig die erste konzeptuell arbeitende Künstler*in, die für die Parlamentswahlen 2017 zum offiziellen „election artist“ Großbritanniens ernannt wurde; die in diesem Zusammenhang entstandenen Werke sind Teil der Parlamentarischen Kunstsammlung. Im Jahr 2023 wurde Parker von der Kunstsammlung der britischen Regierung beauftragt, Werke anlässlich der Krönung von König Charles III. zu schaffen. 

Einzelausstellungen (Auswahl): City Gallery of Wellington (in Vorbereitung); Tate Britain, London (2022); Museum of Contemporary Art Australia, Sydney (2019); The Palace of Westminster, London (2018); Metropolitan Museum of Art, New York (2016); The Whitworth, Manchester (2015); Terrace Wires Commission, St. Pancras International Station, London (2015); British Library, London (2015, Wanderausstellung: The Whitworth, Manchester; Bodleian Library, Oxford); Ikon Gallery, Birmingham (2014); MoMA, New York (2010); Reina Sofía, Madrid (2009); Whitechapel Gallery, London (2008, Wanderausstellung: Galleria d’Arte Moderna e Contemporanea di Bergamo; Fundación Pro Buenos Aires; Henie Onstad Kunstsenter, Oslo; The Institute for the Readjustment of Clocks, Istanbul; Kunsthaus Zürich; Moderna Museet, Stockholm; Ullens Centre for Contemporary Art, Beijing); Ikon Gallery, Birmingham (2007, Wanderausstellung: Museo de Arte de Lima).


Öffnungszeiten:
Mittwoch: 12:00 – 20:00 Uhr
Donnerstag – Sonntag: 12:00 – 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: kindl-berlin.de

Cornelia Parker, Cloudburst, 2012, Courtesy: die Künstlerin und Frith Street Gallery, London, © Cornelia Parker
14.09.2025 - 24.05.2026

Cornelia Parker: Stolen Thunder (A Storm Gathering)

KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst

Am Sudhaus 3
12053 Berlin