Phoebe Collings-James ist ein*e multidisziplinäre Künstler*in. Collings-James verbindet Keramik, Zeichnung, Text und Sound zu vielschichtigen Arbeiten, die Gewalt, Begehren, Erotik und antikoloniale Praktiken thematisieren. Das KINDL präsentiert Collings-James‘ erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland mit Keramikskulpturen und einem eigens für die Schau neu geschaffenen Klangstück.
Collings-James entdeckte die Keramik 2014 während eines Stipendiums in Nove / Norditalien, war sofort von der physischen und metaphorischen Transformation des Materials – von weich zu hart, von formbar zu dauerhaft – fasziniert und integrierte keramische Formen immer öfter in Performances und Installationen. Heute ist Ton Collings-James' bevorzugtes Medium. Die Künstler*in nähert sich dem Material sowohl mit neuer Dringlichkeit als auch mit politischer und materieller Offenheit. Die im westlichen Kunstkontext vorherrschende Trennung zwischen „Bildender Kunst“ und „Kunsthandwerk“ lehnt Collings-James ab. Collings-James begreift diese Unterscheidung als Teil eines umfassenderen kulturellen Systems, das seit langem Wissen, Praktiken und Körper voneinander trennt und hierarchisiert und in dem Fragen der Herkunft, der Klasse, des Geschlechts und des Zugangs zu Bildung neben kolonialen Machtverhältnissen verankert sind.
Der Ausstellungstitel The subtle rules the dense entstammt einem Buch über Tarot und bezieht sich auf ein zentrales Motiv in Collings-James’ künstlerischem Denken: die Beziehung zwischen sichtbaren und verborgenen Kräften, materieller Dichte und atmosphärischer Aufladung. Mit diesem Titel bezeichnet die Künstler*in auch eine Serie von handgeformten Keramiktorsi. Die reich verzierten Tonrüstungen sind inspiriert von westafrikanischen Körpermasken der Yoruba oder Makonde sowie von römischen Rüstungen, die Collings-James in einem Antiquitätengeschäft entdeckte. Im KINDL wird ein Werk aus dieser Serie als freistehende Skulptur gezeigt, wodurch sich seine Wirkung verschiebt: Die flache, maskenartige Erscheinungsform entwickelt so eine körperhaftes Volumen und eine vitale Präsenz. Erstmals in einer Ausstellung tritt ein Keramiktorso hier in einen direkten Dialog mit den Infidels: Mit ihren langen Hälsen, weit geöffneten Mündern und anthropomorphen Zügen wirken diese Skulpturen wie Hybride zwischen Figur, Gefäß und mythologischen Wesen. Ihre Form basiert auf westafrikanischen und karibischen Keramiktechniken zur Herstellung von Rollgefäßen. Die offenen Münder scheinen zu schreien oder zu singen, ihre stummen Rufe suggerieren eine stille Klangfülle, die in der Vorstellung der Betrachter*in lebendig wird.
Unhörbare Töne beschwören auch die beiden Arbeiten a mouthpiece for Terry I und II (2025), ungebrannte Blöcke aus rotem Ton, die von Messingmundstücken von Blasinstrumenten durchbohrt sind – eine Hommage an den nordamerikanischen Künstler und Musiker Terry Adkins. Klang spielt in Collings-James‘ Praxis eine entscheidende Rolle. Die für die Ausstellung geschaffene Soundarbeit Elysium Fields Avenue (2025) verwebt Feldaufnahmen aus London und New Orleans mit weiteren klanglichen Passagen zu einer akustischen Komposition, die sich wie eine feine Klanglandschaft durch den Raum legt und die Skulpturen auf subtile Weise miteinander verbindet.
Im KINDL sind auch Werke der fortlaufenden Serie der Clay Paintings (blood line; ever new; a rose, a bridge, a house, 2025) zu sehen. In ihren Oberflächen tragen die kleinformatigen Tafeln eingravierte Linien, Zeichen und Bildfragmente, die wie Fragmente von Träumen oder Auszüge aus einem privaten Bildtagebuch erscheinen. Im gelb leuchtenden Ausstellungsraum setzen sie besondere Akzente und entfalten sich an den Wänden wie eine Traumsequenz, in der sich Zeichnung und Gravur mit Farbe und Relief verbinden. Diese Methode des Einschreibens, Überarbeitens und Schichtens zieht sich durch Collings-James‘ gesamte Praxis und bildet ein poetisches Fundament, auf dem ihre Werke wachsen und sich fortwährend weiterentwickeln.
Phoebe Collings-James (* 1987 in London, lebt in London) hatte als Sound- und Performancekünstler*in Auftritte und Vorführungen im Getty Museum, Los Angeles (2019); Sonic Acts, Amsterdam (2019); Cafe Oto, London (2019); Borealis Festival, Bergen (2019); Wysing Arts Centre, Cambridge (2018) und Palais de Tokyo, Paris (2018). Als Teil des Kollektivs B.O.S.S. (Black Obsidian Sound System) hat Collings-James 2021 an der Liverpool-Biennale teilgenommen und wurde für den Turner Prize nominiert. Collings-James gründete 2019 das Keramikstudio Mudbelly in London, das kostenlose Keramikkurse für Schwarze Menschen von Schwarzen Keramiker*innen anbietet.
Einzelausstellungen (Auswahl): SculptureCenter, New York (2024); Camden Arts Centre, London (2021).
Gruppenausstellungen (Auswahl): Kunstverein Hamburg (2024); Foundling Museum, London (2024); Walker Art Gallery, Liverpool (2024); The Courtauld Gallery, London (2023); Warwick Arts Centre, Coventry (2023); High Art Arles (2022); Kunsthalle Düsseldorf (2021); FACT Liverpool (2019).
Öffnungszeiten:
Mittwoch: 12:00 – 20:00 Uhr
Donnerstag – Sonntag: 12:00 – 18:00 Uhr
Weitere Informationen direkt unter: kindl-berlin.de