Die kürzlich für die Skulpturensammlung erworbene Büste einer Maria lactans (stillende Muttergottes) aus dem 16. Jahrhundert steht im Mittelpunkt der Kabinettsausstellung. Die Büste gehört zu den delikatesten und raffiniertesten oberschwäbischen Bildwerken des ausgehenden Mittelalters. Sie gehörte ehemals zur Sammlung Oppenheim. Die Ausstellung präsentiert sie gemeinsam mit weiteren Werken aus dieser Sammlung, die sich heute im Bode-Museum befinden.

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts trug der Berliner Bankier Benoit Oppenheim (1842–1931) eine Sammlung mittelalterlicher Skulpturen von atemberaubender Dichte und Qualität zusammen. Er stellte sie in seiner neu errichteten Villa im Tiergartenviertel auf und veröffentlichte sie in zwei opulenten Katalogen. Doch mit derselben Energie, mit der er die Werke erworben hatte, machte er sich ab 1920 an ihren Verkauf. Hoffnungen Wilhelm von Bodes auf Geschenke an die Berliner Museen erfüllten sich nicht. Dieser Vorgang wirft ein scharfes Licht auf eine ungewöhnliche Berliner Sammlerpersönlichkeit, die hier erstmals mit einer Ausstellung gewürdigt wird.

Anlass ist die Erwerbung der Maria lactans, die eine besondere Vorgeschichte hat. 1907 noch in der Sammlung Oppenheim dokumentiert, gelangte sie 1928 in den Besitz des jüdischen Bankiers Jakob Goldschmidt, dessen Sammlung 1936 verfolgungsbedingt versteigert wurde. Im selben Jahr erwarben sie die Berliner Museen. Nach der Restitution 2023 konnte der Kaiser Friedrich Museumsverein die Büste 2025 mit Unterstützung der Friede Springer Stiftung und der Kulturstiftung der Länder zurückkaufen. Präsentiert wird sie nun im Kreis der Werke aus der Sammlung Oppenheim, die sich heute im Bode-Museum befinden. Es sind durchweg Hauptwerke des Spätmittelalters nördlich der Alpen, die zudem den Geschmack Berliner Sammler um 1900 illustrieren.

Das aus dem frühen 16. Jahrhundert stammende Brustbild der Maria lactans diente als Reliquiar. In der von Maria in auffälliger Weise präsentierten Kugel befindet sich ein rechteckiges Fach, das mit einer Bergkristallplatte verschlossen war. Welche Reliquie darin bewahrt wurde, kann nicht mehr sicher gesagt werden. Doch spricht die enge motivische Verbindung der ungewöhnlichen Kugel mit dem an der Mutterbrust saugenden Jesuskind dafür, dass es sich um eine der im Abendland bis heute stark verehrten Marienmilchreliquien handelte. Diese wurden im späten Mittelalter in großer Zahl von Pilgern aus der sogenannten Milchgrotte in Bethlehem mitgebracht.

Antje Scherner, Direktorin der Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst: „Die Reliquienbüste der Maria lactans ist von beachtlicher künstlerischer Qualität und ikonographisch hochinteressant. Für Berlin ist sie auch wegen ihrer Geschichte wichtig: Sie war zunächst Teil der Sammlung von Benoit  Oppenheim und zierte gemeinsam mit anderen Skulpturen das „Herrenzimmer“ von dessen Villa im Tiergartenviertel. Fünfzehn Skulpturen in unserer Sammlung stammen aus Oppenheims Besitz. Wir nehmen diesen Ankauf deshalb zum Anlass für eine kleine Sonderausstellung über dessen herausragende Sammlung. Anschließend wird die Maria lactans unsere Dauerausstellung bereichern.“

Brigit Blass-Simmen, Vorstandsvorsitzende des Kaiser Friedrich Museumsverein: „Auf der TEFAF in Maastricht Anfang März haben wir die Maria Lactans am Stand eines renommierten Skulpturen-Kunsthändlers entdeckt. Tobias Kunz, Kurator am Bode-Museum, machte uns auf diese aufmerksam. Sie hatte vor zwei Jahren als Restitution an die Erben des rechtmäßigen jüdischen Besitzers das Bode-Museum verlassen. Ich freue mich, dass wir dieses Werk von höchster künstlerischer Qualität mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder und der Friede Springer Stiftung fürs Bode-Museum erwerben konnten. Die Skulptur hat zudem eine hervorragende Provenienz. Beide Vorbesitzer, Benoît Oppenheim (1898-1923) und Jakob Goldschmidt (1918-1934/35) waren auch Mitglieder im KFMV, dem von Wilhelm von Bode gegründeten Förderverein der Berliner Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung. Ich danke den beiden Stiftungen für ihre Unterstützung, ebenso dem Bankhaus Metzler für die Unterstützung der Ausstellung.“

Marion Ackermann, Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: „Die Restitution der Maria lactans an die Erben des von den Nationalsozialisten verfolgten Bankiers Jakob Goldschmidt war ein wichtiger Schritt der historischen Verantwortung. Umso erfreulicher ist es, dass dieses bedeutende Kunstwerk nun mithilfe des Kaiser Friedrich Museumsvereins für das Bode-Museum zurückgewonnen werden konnte. Dafür danke ich allen Beteiligten sehr herzlich.“

Die Büste der Maria lactans ist 1907 in der Sammlung Benoit Oppenheim in Berlin dokumentiert, gelangte jedoch 1928 in den Besitz des gleichfalls jüdischen Bankiers und Kunstsammlers Jakob Goldschmidt (1882-1955). Nach seiner Flucht aus Nazi-Deutschland wurden am 23.6.1936 im Auktionshaus Hugo Helbing rund 300 Werke aus Goldschmidts Sammlung anonym versteigert. Die Maria lactans wurde als Los-Nr. 41 aufgerufen und für 8.000,- RM durch den Berliner Kunsthändler Johannes Hinrichsen ersteigert. Von ihm erwarben die Staatlichen Museen zu Berlin die Büste noch im gleichen Jahr. Nachdem die Provenienz bekannt wurde, restituierte die SPK das Bildwerk im Januar 2023 an die Nachfahren Jakob Goldschmidts. Nun konnte das Werk dank des Engagements des Kaiser Friedrich Museums-Vereins aus dem Kunsthandel für Berlin zurückerworben werden. Nach der Sonderausstellung zur Sammlung Oppenheim wird die Skulptur Teil der Dauerausstellung des Bode-Museums werden.


Öffnungszeiten:
Dienstag – Freitag: 10:00 – 17:00 Uhr
Samstag – Sonntag: 10:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: smb.museum