Helga Paris war eine Chronistin – eine Zeugin des Alltags und eine stille Beobachterin, die sich mit Empathie und beharrlicher Neugier den Menschen und ihren Umfeldern näherte. Sie begegnete den Personen, die sie fotografierte – ob Fremde, Bekannte oder zufällige Begegnungen – stets mit großem Respekt. Ihre Fotografien sind nicht bloß Dokumente einer vergangenen DDR – sie sind Porträts von Nähe, von Würde, von gelebter Zeit. In ihren Bildern geht es nie nur um das Sichtbare, sondern um das, was zwischen den Blicken liegt: Vertrauen, Verletzlichkeit, Stärke. Dabei gaben ihre Fotografien oft jenen ein Gesicht, die in der offiziellen Darstellung der DDR nicht vorkamen – und gerade darin liegt die Kraft ihres Werks: in der Zuwendung zu den scheinbar kleinen Dingen, die im Nachhinein viel über eine Zeit und ihre Lebensrealitäten erzählen.
Mit für uns präsentiert Fotografiska Berlin ab dem 6. September die erste groß angelegte Werkschau nach dem Tod der am 5. Februar 2024 im Alter von 85 Jahren verstorbenen Fotografin. Die von Marina Paulenka, Director of Exhibitions bei Fotografiska Berlin und Udo Kittelmann, dem langjährigen Direktor der Nationalgalerie Berlin, kuratierte Ausstellung würdigt Paris’ Werk umfassend und verfolgt zugleich ihren nachhaltigen Einfluss auf die Fotografie der Moderne.
„Diese Ausstellung ist kein bloßer Rückblick. Sie ist ein Akt der Erinnerung, der Solidarität und der Dankbarkeit gegenüber einer Künstlerin, die mit jedem Bild sagt: Ich sehe dich“, erklärt Udo Kittelmann.
Gezeigt werden zentrale Serien aus fünf Jahrzehnten – darunter Treff-Modelle, eine eindrückliche Porträtreihe von Frauen in einer Modefabrik in Ost-Berlin, Berliner Jugendliche, in der sie Teenager der 1980er-Jahre sensibel und wertfrei einfängt sowie Hellersdorf, entstanden nach der Wende in einem Ostberliner Plattenbauviertel im Zustand der Transformation. Auch Künstlerporträts, ihre Serie von Schriftsteller*innen, Maler*innen und anderen Kulturschaffenden sowie die Stadtserien Mein Alex und Berliner Kneipen sind Teil der Ausstellung.
In anderen Momenten verschränkt sich Helga Paris’ Fotografie mit ihrer eigenen Biografie. Hervorzuheben ist Erinnerungen an Z., eine Arbeit, in der sie mit Hilfe von Text- und Bildfragmenten über ihre Kindheit im brandenburgischen Zossen erzählt. Ebenso berührend sind die Selbstportraits, auf denen sie sich mit leiser Verletzlichkeit selbst ins Bild setzt. Diese Aufnahmen sind weder performativ noch bekenntnishaft, sondern nüchterne Dokumente ihrer eigenen Gegenwart. Mal verspielt, mal ernst, spiegeln sie das emotionale Spektrum einer Frau, die ihrem eigenen Älterwerden mit wacher Kamera begegnet. Masks, eine wunderbar surreale Serie mit Freund*innen und Verwandten in selbst gebastelten Masken, Bilder aus New York und Rom sowie die posthum zusammengestellte Auswahl Affections runden den Blick auf ihre vielschichtige Karriere ab.
Der Titel der Ausstellung stammt aus einem Text des DDR-Dichters Bert Papenfuß und bezieht sich auf kollektive Erfahrungen und das (Über)leben als Gemeinschaftsleistung. Damit trifft er sehr genau den Kern von Paris’ Arbeiten: Mit ihrem offenen Blick und einer ruhigen, einfühlsamen Sprache war sie stets auf Augenhöhe mit den Menschen, die sie fotografierte. Sie näherte sich den Menschen langsam, oft über lange Zeiträume hinweg, beobachtete leise und wartete geduldig auf den richtigen Moment.
„Die Fotos von Helga Paris sind heute vielleicht relevanter denn je: Sie folgen niemals dem Zeitgeist, sondern immer Paris’ tiefem Interesse am Menschen. In Zeiten neuer Spaltungen erinnert ihr Werk an all das, was uns verbindet“, sagt Marina Paulenka.
So ist für uns eine Verbeugung vor einer großen Künstlerin – und eine Einladung, sich Zeit zu nehmen. Für die Menschen, ihre Geschichten, ihre Gesichter.
Parallel zur Ausstellung erscheint im Kehrer Verlag das gleichnamige Buch für uns, das neben einer Auswahl an Fotografien auch persönliche Texte von Helga Paris enthält, die sie selbst auf der Schreibmaschine verfasst hat.
Die fotografische Laufbahn von Helga Paris begann Mitte der 1960er-Jahre. Sie war eine Autodidaktin, angetrieben von einem tiefen Bedürfnis, die Menschen um sich herum zu verstehen. Was ihr dabei half, war ein untrügliches Gespür für Komposition, Zwischenräume und das Flüchtige. Geboren im Mai 1938 im heute polnischen Gollnow, wuchs sie bei Zossen nahe Berlin auf. Nach einem Modedesignstudium an der Fachschule für Bekleidung in Berlin von 1956 bis 1960 arbeitete Helga Paris zunächst als Dozentin für Kostümentwurf sowie als Grafikerin und Fotolaborantin.
Mitte der 1960er Jahre wandte sie sich autodidaktisch der Fotografie zu; mit einem feinen Gespür für die Menschen und ihren Alltag wurde sie zu einer prägenden Stimme der ostdeutschen Fotografie. 2004 wurde Helga Paris für ihr fotografisches Lebenswerk mit dem Hannah-Höch-Preis ausgezeichnet. Ihr Archiv, einschließlich aller Negative, wird von der Akademie der Künste verwahrt.
Öffnungszeiten:
Montag – Sonntag: 10:00 – 23:00 Uhr
Weitere Informationen direkt unter: berlin.fotografiska.com
Oranienburger Str. 54
10117 Berlin