Mit der Ausstellung „Geschlecht – Herrschaft – Visualität. Pierre Bourdieus soziologischer Blick“ präsentiert die Kunsthalle Bielefeld eine bislang kaum bekannte Seite des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1930–2002). Gezeigt werden Fotografien aus Algerien, die Bourdieu in den Jahren 1957 bis 1961 – einer Zeit, in der das Land vom französischen Kolonialkrieg erschüttert wurde – aufgenommen hat. Die Bilder markieren den Beginn seiner später weltberühmten soziologischen Arbeit um den Habitus-Begriff und machen sichtbar, wie eng seine theoretischen Konzepte mit visuellen Methoden verbunden sind. 

Die Kamera diente Bourdieu nicht allein als künstlerisches Werkzeug, sondern als Instrument wissenschaftlicher Analyse. Mit präzisem Blick hielt er das Alltagsleben in Dörfern, Städten und Umsiedlungslagern fest. Die dargestellten Szenen geben Einblicke in den sozialen Wandel, ausgelöst durch Kolonialherrschaft und Krieg, und zeigen eine Gesellschaft im Umbruch. In der Ausstellung wird der Frage nach Geschlechterverhältnissen in dieser Zeit nachgegangen. 

 Bourdieus Aufnahmen verdeutlichen, wie sich symbolische Macht in Körperhaltungen, Gesten und alltäglichen Praktiken ausdrückt. Damit werden frühe visuelle Vorstudien sichtbar, die später in sein berühmtes Habitus-Konzept und seine Analysen der männlichen Herrschaft einfließen. Seine Fotografien sind dabei weder romantisierende Ethnografie noch reine Dokumentation. Sie machen sichtbar, wie Macht, Gewalt und soziale Ungleichheit in den Alltag eingeschrieben sind und sie tun dies mit analytischer Schärfe und zugleich großem Interesse für die abgebildeten Menschen. 

Der Habitus nach Pierre Bourdieu bezeichnet verinnerlichte Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, die durch Herkunft, Erziehung und Lebensumstände geprägt werden. Er bestimmt unbewusst, wie Menschen die Welt sehen, was sie für selbstverständlich halten und wie sie handeln. Da er stark an die soziale Herkunft gebunden ist, trägt der Habitus dazu bei, soziale Unterschiede unauffällig zu reproduzieren. 

Bourdieus Algerien-Fotografien geben eine Antwort auf die Frage, wie soziale Strukturen sichtbar gemacht werden können und eröffnen durch einen visuellen Zugang Einblicke in sein Denken. 

Mit 50 Fotografien aus dem Archiv der Fondation Pierre Bourdieu und begleitenden Zitaten und Texten öffnet die Ausstellung im Foyer der Kunsthalle Bielefeld einen neuen Zugang zu Bourdieus Werk – als visueller Soziologe, der soziale Welt im Bild denkt. Ergänzend zur Ausstellung wird im Vortragssaal der Film L'ENQUÊTE BOURDIEU (2024) der französisch-algerischen Künstlerin Katia Kameli gezeigt. Der 37-minütige Film widmet sich Pierre Bourdieus soziologischer Arbeit in Algerien und reflektiert deren aktuelle Bedeutung. 

Im Rahmen der Ausstellung finden in der Kunsthalle Bielefeld die ersten Bourdieu Lectures der Universität Bielefeld statt. Die Ausstellung entsteht in enger Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld, der Zeppelin Universität (Friedrichshafen), der Pädagogischen Hochschule Freiburg, der Akademie der bildenden Künste Wien sowie mit Unterstützung der Fondation Pierre Bourdieu. 


Öffnungszeiten:
Dienstag. 11:00 – 18:00 Uhr
Mittwoch: 11:00 - 21:00 Uhr
Donnerstag – Sonntag: 11:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kunsthalle-bielefeld.de

Pierre Bourdieu, Bab El Qued, Algier, April 1959, N_037_176. Fotoarchiv Pierre Bourdieu, Images d’Algérie, 1957 – 1961. © Pierre Bourdieu / Fondation Bourdieu.
15.11.2025 - 01.03.2026

Geschlecht – Herrschaft – Visualität. Pierre Bourdieus soziologischer Blick

Kunsthalle Bielefeld

Artur-Ladebeck-Straße 5
33602 Bielefeld