Mit der Ausstellung ,Pietro Roccasalva. Weltstillleben" widmet das Leopold-Hoesch-Museum dem italienischen Künstler Pietro Roccasalva seine erste museale Einzelausstellung in Deutschland. Mit dieser zeigt das Leopold-Hoesch-Museum gemäß eines seiner Sammlungs- und Ausstellungsschwerpunkte erneut eine herausragende Malereiposition der Gegenwart. Zuvor war Pietro Roccasalvas Werk in Deutschland institutionell erstmals bei Einzelpräsentationen 2014 im Kölnischen Kunstverein und 2019 bei Fürstenberg Zeitgenössisch in Donaueschingen zu sehen.

Pietro Roccasalva versteht sich explizit als Maler. Aus dieser künstlerischen Haltung heraus vereint er in seiner künstlerischen Praxis die für das Mittelalter typische kontemplative und zugleich visionäre Natur mit Kategorien der Spätrenaissance und des Barock, wie Virtuosität und Erfindungsreichtum.

Diese überträgt er auf die Krise der Sprachen und Erzählungen im Zeitalter der Moderne, die im Laufe des 20. Jahrhunderts zur digitalen Revolution führte. Aus dieser Herangehensweise entwickelt er eine Bildikonografie, die zugleich programmatisch über die Vorstellung eines für sich alleinstehenden, einzelnen Bildes hinausgreift. Denn die Werkreihen thematisch miteinander verknüpfter Gemälde und Zeichnungen gehen stets zurück auf aufwendige Installationen, die auch Performances, Video- und Soundarbeiten umfassen können. So gelangt Pietro Roccasalva durch zirkuläre Rückbezüge auf bestimmte Motive zu immer neuen Inhalten - ein sich selbst erfüllendes künstlerisches Credo, bei dem die Konzeption und das produktive Ereignis allerdings einen konstanten Wesenskern bilden und das anknüpft an Narrative aus Literatur, Film, Kunst- und Kulturgeschichte.

Die Ausstellung umfasst eine Auswahl repräsentativer Werke aus den letzten zehn Jahren, hauptsächlich Gemälde und Zeichnungen, aber auch Skulptur, Video und eine Neoninstallation, die die vielfältigen Ausdrucksformen widerspiegeln, die Roccasalva in seinem Werk anwendet. Darüber hinaus bieten einige ältere Arbeiten Einblick in sein frühes Schaffen und unterstreichen das Prinzip der ästhetischen Erforschung der Wahrnehmungswirklichkeit, mit dem er seit seinen Anfängen eine klare künstlerische Vision verfolgt.

Der Titel der Ausstellung, Weltstillleben - ein Neologismus, auf den der Künstler zufällig in einem Text zu Peter Handkes , Versuch über die Müdigkeit" gestoßen ist - leitet sich vom Begriff Weltlandschaft ab, einem Genre der „imaginären" Landschaftsmalerei, das im 16. Jahrhundert in Nordeuropa entstand. Durch die Ersetzung des Parameters der Landschaft durch den des Stilllebens verbindet der Künstler die Endgültigkeit der Vanitas mit der Freiheit der Fantasie. Dieser Ansatz ist eine zentrale Motivation von Roccasalvas künstlerischer Vision und somit eine der wesentlichen Perspektiven auf sein gesamtes Werk.

In einem Interview erklärt Pietro Roccasalva: „Ich habe die Welt immer als ein immenses Stillleben gesehen." Ausgehend von dieser unverhandelbaren Disposition arbeitet er daran, seine persönliche „Kunst der Fuge" zu entwickeln, die sich aus wiederkehrenden Themen und Figuren zusammensetzt und diese wie einen musikalischen Kontrapunkt miteinander verflechtet. So taucht eine kleine Gruppe von Figuren mit eigentümlichen ikonografischen Attributen auf: „Statisten" in einem vom Prinzip der Vanitas dominierten System, die eine Verbindung mit dem Anorganischen eingehen und so insgeheim danach streben, eine Bresche ins System zu schlagen. Von der Kuppel einer Kathedrale in Form einer Zitruspresse über eine Skulptur aus zusammengesetzter Badezimmerkeramik, die einer Knoblauchzehe ähnelt, bis hin zu roten Ritterrüstungen, die an Hummer erinnern.

Neu für die Ausstellung in Düren ist beispielsweise das Pastell ,Tşuka (The Formula of the Phantom)" entstanden. Es zeigt zwei Gestalten in chromschimmernder Ritterrüstung, die im Begriff sind, einander komplett mit roter Farbe einzusprühen und so ihre Erscheinung zu verwandeln. Die Szene geht zurück auf eine Perfomance, die 2010 in Berlin stattgefunden hat. Sie spielt an auf ein assoziatives Feld zwischen dem mimetischen Akt, Autokarosserien mit speziellen Lacken zu versehen und einem rituellen Tanz zweier sonderbarer Wächterfiguren. Die Performance vollzog sich vor dem Hintergrund eines Filmstills, der Nahaufnahme einer Wiese, auf die ein Heißluftballon abstürzt, die in der Ausstellung nun wiederum als Videoprojektion des tatsächlichen Filmsequenz mit Sound präsent ist. Aus diesem Zusammenhang ist auch der Werktitel „Truka" entlehnt. Der Begriff bezeichnet eine historische Schnitttechnik der sowjetischen Filmindustrie, die Andrej Tarkowski bei der Entstehung seines Films „Andrej Rubljow" (1966) über einen bedeutenden mittelalterlichen Ikonenmaler zur Erzeugung besagter Nahaufnahme angewandt hat.

Auch der abgestürzte Heißluftballon in einer monumentalen Installation, die 2011 unter dem Titel „Just Married Machine" in Los Angeles zu sehen war, ist ein Motiv aus Tarkowskis Film und geht eine Verbindung mit der Paraphrase der Eingangsszene aus Pier Paolo Pasolinis Film „La Ricotta" ein. Die Anwesenheit eines frisch verheirateten Paares schließlich, eine Anspielung auf die Erzählung „Die wunderlichen Nachbarskinder" aus Goethes „Wahlverwandschaften", siedelt die Szene endgültig in der Schwebe zwischen Stillleben und Tableau vivant an. Sie wird zum Ausgangspunkt für eine große Werkgruppe an Gemälden und Papierarbeiten von der Figur der Braut, die in der Installation performativ aufgetreten war.

„La Sposa Occidentale" (Die westliche Braut) zeichnet sich wiederum durch ein Attribut aus, das zwischen Tennisschläger und Traumfänger angesiedelt ist und dessen Bespannung die Form von Michelangelos Bodenbelag auf dem Kapitolsplatz in Rom nachbildet. Die Figur der Braut ist jüngst zentrales Motiv von Pietro Roccasalvas malerischem Schaffen geworden. Sie erscheint in Halbfigur und erinnert an Madonnenbildnisse, antike Gewandfiguren und historische Repräsentationsporträts. Sie reklamiert mit dem Attribut des Tennisschlägers jedoch zugleich einen modernen Aspekt für sich, der sie als Wesen von heute kennzeichnet. Diese Annäherung an eine bildnerische Gestalt, die Pietro Roccasalvas Diktum „Ich sehe keine Bedeutungen. Ich sehe Bilder. Bedeutungen kommen später" ent-spricht, erfolgt auch in einer Vielzahl von Papierarbeiten, die ebenfalls in der Ausstellung - zum Teil erstmals - gezeigt werden und von der intensiven formalen Auseinandersetzung des Künstlers mit seinen Bildinhalten zeugen. Durch das Primat des Bildersehens gegenüber dem Erkennen von Bedeutung werden zentrale Fragen an Mittel und Methoden von Bilderzeugung und Bildwahrnehmung, von Rezeption und Bildpolitik aufgeworfen. Der Künstler markiert damit den Wesenskern von Bildern als ausschlaggebend für seine Sicht der Welt und formuliert so eine künstlerische Strategie, die von wesentlicher und zunehmender Bedeutung für die Erkenntnis von Welt in Zeiten digitaler Verwirrung und visueller Beschleunigung ist.

Pietro Roccasalva ist 1970 in Modica auf Sizilien geboren und lebt und arbeitet in Mailand. Er absolvierte ein Studium der Malerei an der Accademia di Belle Arte di Brera in Mailand, nachdem er eine Ausbildung der Grafischen Künste an der Accademia di Belle Arti in Urbino absolviert hatte. Roccasa-Iva hatte internationale Einzelausstellungen unter anderem in der Collezione Giancarlo e Danna Olgi-ati, MASI, Lugano (2022); The Power Station, Dallas (2016); Le Magasin, Grenoble (2013); GAMeC, Bergamo (2007); Fondazione Querini Stampalia, Venedig (2006) und hat teilgenommen an der 53. Biennale di Venezia (2009) und der Manifesta in Südtirol/Trentino (2008) und weiteren bedeutenden Gruppenausstellungen wie: Walker Art Center, Minneapolis; David Roberts Art Foundation, London; Centre for Contemporary Art, Warschau; MoMA PS1, New York; Bonniers Konsthall, Stockholm; Museum of Contemporary Art, Chicago; MAXXI, Rom; Kadist Art Foundation, Paris und S.M.A.K., Gent.

Die Ausstellung ist in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entstanden und umfasst Leihgaben aus dem Besitz des Künstlers und aus verschiedenen Privatsamenlungen in Europa. Es wird ein Katalogbuch erscheinen. Ausstellung und Katalog werden großzügig gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.


Öffnungs­zeiten:
Dienstag – Mittwoch: 10:00 – 17:00 Uhr
Donnerstag: 10:0:0 – 19:00 Uhr
Freitag – Sonntag: 10:00 – 17:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: leopoldhoeschmuseum.de

18.10.2025 - 08.02.2026

Pietro Roccasalva: Weltstillleben

Leopold-Hoesch-Museum

Hoeschplatz 1
52349 Düren