Mit der Ausstellung „Frauen machen Schule. Wegbereiterinnen der Moderne“ widmet sich das Kunsthaus Stade einem bisher übersehenen Kapitel der Kunstgeschichte:
Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt wirft einen Blick auf die Geschichte der künstlerischen Berufsausbildung für Frauen und rückt die von Valesca Röver gegründete private Hamburger Malschule in den Fokus. Ein verborgener Kunstschatz wird sichtbar!

Als die Künstlerin Valesca Röver (1849–1931) im Jahr 1891 im Herzen Hamburgs eine Kunstschule für Frauen gründete, waren die staatlichen Ausbildungsstätten noch ausschließlich Männern vorbehalten. Röver selbst hatte in Paris an der privaten Académie Julian studiert und sollte mit ihrer eigenen Schule ein wichtiges Kapitel Kunstgeschichte schreiben. Nach einem ersten Standort an der Stadthausbrücke verlegte sie die Einrichtung an den Glockengießerwall 23, der Hamburger Kunsthalle direkt gegenüber. Dort lernten und arbeiteten Künstlerinnen nun in unmittelbarer Nähe zu den wichtigsten Orten des städtischen Kunstgeschehens. Der Aufbruch in die Moderne prägte das Unterrichtsprogramm. 

Im Herbst 1904 übernahm Rövers ehemalige Schülerin Gerda Koppel die Leitung der Schule, die sie bis 1938 innehatte. Inzwischen an den Mittelweg 169 umgezogen, wurde die Institution anschließend bis 1954 von Gabriele Stock-Schmilinsky geführt. Zu den Schülerinnen zählten unter anderem Alma del Banco, Gretchen Wohlwill, Harriet Wolf, Lore Feldberg-Eber und Annemarie Ladewig. 
 

Durch intensive Recherche gelang es, die Spuren der Malschule in Hamburger Archiven zu verfolgen, Schülerinnen und Lehrer*innen zu identifizieren und schließlich zahlreiche Werke in Privatsammlungen und Familiennachlässen ausfindig zu machen. Ein Großteil dieser Arbeiten wurde bislang nie öffentlich gezeigt. 

Die Ausstellung ermöglicht damit einen bislang einzigartigen Einblick in die weibliche Kunstszene Hamburgs im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Darüber hinaus nimmt sie das Umfeld der Malschule in den Blick: ihre Netzwerke sowie die Lehrkräfte, die bislang weder Gegenstand einer Ausstellung noch einer Publikation waren.
 

„Deshalb lass den Mut nicht sinken.
Kopf hoch; vorwärts – nun erst recht!
Flügel hoch und zu den Sternen.
Allen macht man’s niemals recht!“*

Mit ihrer Malschule entschieden Röver und die ihr nachfolgenden Schulleiterinnen sich bewusst für die Ausrichtung auf die moderne Kunst und für eine Ausbildung, die Frauen zu einem eigenständigen beruflichen Weg befähigen sollte. Aus ihrer mutigen, tatkräftigen Initiative entstand ein Ort, an dem eine neue Generation von Künstlerinnen heranwuchs – Frauen, die sich mit Entschlossenheit, gegenseitiger Unterstützung und klug geknüpften Verbindungen ihren Platz im kulturellen Leben erarbeiteten. Manche von ihnen gelangten weiter, als es die gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer Zeit eigentlich zuließen. Dass Rövers Schule über ein halbes Jahrhundert Bestand hatte, also auch noch lange nach jenem Jahr 1919, in dem Frauen erstmals offiziell an staatlichen Kunstakademien zugelassen wurden, zeigt, wie unverzichtbar dieser Raum war. Er bot jenen, denen andere Möglichkeiten verschlossen blieben, ein Umfeld, in dem sie den eigenen künstlerischen Ausdruck mit einer starken Gemeinschaft im Rücken entwickeln und entfalten konnten.   

In der Ausstellung werden Werke von mehr als zwanzig Frauen präsentiert, die meisten von ihnen sind heute kaum noch bekannt, ihre Lebenswege aber stehen exemplarisch für die Situation von Künstlerinnen um 1900. Sie arbeiteten in einer Zeit, in der rechtliche Vorgaben und gesellschaftliche Erwartungen fest in männlicher Autorität verankert waren.


*Aus: Erinnerungsalbum einer Abschlussklasse der Hamburger Privatkunstschule Gerda Koppel, Text von Emma Israel, 22.06.1921, archiviert in: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg


Die Künstlerin Anne Bracht wurde für diese Ausstellung ins Kunsthaus eingeladen, mit ihrer Tape Art die Werke und Stilrichtungen der Künstlerinnen miteinander in eine visuelle Beziehung zu bringen. In der Gestaltung der Ausstellungsräume entsteht so eine Brücke zwischen der Kunst der Moderne und der Gegenwart. Anne Bracht lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in Hamburg.