Mit der Ausstellung "Fliedergarten" lenkt der Heidelberger Kunstverein die Aufmerksamkeit bewusst auf das grafische Werk von Silke Otto-Knapp (1970–2022). Der Fokus liegt dabei insbesondere auf den Radierzyklen der in Osnabrück geborenen und in Los Angeles verstorbenen Künstlerin.

Otto-Knapps Schaffen war im letzten Jahrzehnt sowohl durch ihren Wohnsitz in Los Angeles und eine Professur an der University of California (UCLA) beeinflusst als auch durch ihre regelmäßigen Aufenthalte in einer Hütte auf Fogo Island (Neufundland). Zugleich ist die Entstehung ihrer Werke untrennbar mit zwei Jahrzehnten Leben und Arbeiten in der Metropole London mit ihrem künstlerischen Umfeld verbunden.

In ihren Gemälden, Gouachen und Drucken untersuchte Silke Otto-Knapp fortwährend die Schnittstelle zwischen der Theatralik gesellschaftlicher Räume – Landschaften, Gärten und, in ihrem Frühwerk, die neongeflutete Stadtansicht – und der ästhetischen Konstruktion konkreter Tanz- und Bühnenaufführungen. In letzteren schweben Tänzerfiguren über die häufig grautonigen und verwaschenen Bildoberflächen; mal silbern und schimmernd, mal matt, schattenhaft oder auf bloße Umrisse reduziert. Die standbildartig festgehaltenen Choreografien reichen von Soli und Paaren bis hin zu größeren, akribisch arrangierten Ensembles.

Eine zentrale formale Entscheidung in Otto-Knapps Werk liegt in der Verwendung von Gouache und Aquarell direkt auf Leinwand. Diese wasserbasierten Medien ermöglichen es der Künstlerin, einmal gesetzte Formen wiederholt aufzulösen: Durch das permanente Besprühen, Betropfen und Begießen der Bildfläche sowie das gezielte Verreiben und Auswischen der Pigmente wird das Bild subtraktiv entwickelt. Nicht die Addition von Farbschichten, sondern deren sukzessive Auflösung bestimmt die Bildwerdung. In diesem Verfahren werden die binären Kategorien von Flächigkeit und Tiefe, von Schärfe und Unschärfe sowie die klassische Trennung von Figur und Grund außer Kraft gesetzt. Der Malprozess konstituiert sich so als eine spekulative Praxis, die sich der affirmativen Setzung entzieht und das Werk in einen Modus fortwährender konzeptueller Reflexion überführt, in dem das Erscheinen des Bildgegenstands stets als ein prekärer, temporärer Zustand markiert bleibt.

Zentral für die Ausstellung sind 76 Blätter aus dem Radierzyklus "Lilac Garden (Rehearsal)". Der Titel nimmt Bezug auf Antony Tudors "Jardin aux Lilas" (1936), das als eines der ersten psychologischen Ballette gilt. Das Stück thematisiert die affektive Beengtheit sowie die sublimierten Sehnsüchte und sozialen Spannungen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft anhand einer Abendgesellschaft, bei der die Protagonisten einer Zweckheirat noch einmal versuchen, mit ihren ehemaligen Geliebten zusammenzukommen.

Die Ausstellung umfasst zudem den Zyklus "Three Seascapes". Hier tritt die Landschaft - konkret das vom Land aus betrachtete und meist in Mondlicht getauchte Meer - als bedeutender Protagonist hervor. Otto-Knapp verknüpft dabei drei unterschiedliche Referenzsysteme: die phänomenologische Weite der Küste Neufundlands, wo Eisberge als zugleich auratische wie bedrohliche Vorzeichen vorbeitreiben; die symbolistisch aufgeladene Topografie von Edvard Munchs Sommeraufenthalt in Åsgårdstrand, Norwegen; und die strukturelle Offenheit der experimentellen Choreografie "Three Seascapes" (1966) der amerikanischen Tanzpionierin Yvonne Rainer.

Rainers Ansatz, Bewegung phänomenologisch und ohne narrativen Überbau zu behandeln, findet in Otto-Knapps Umgang mit der Radierung eine materielle Entsprechung, die sich konsequent aus der Logik und den Maßgaben des Mediums herleitet – statt aus dessen Überwindung. Durch das Verfahren, ein festes Set von Druckplatten in variierenden Kombinationen übereinanderzuschichten, entstehen Bildfolgen, die nicht als statische Einzelwerke, sondern als prozessuale Abläufe fungieren und eine cinematografische Sequenzialität erzeugen. Die rasterförmige Hängung im Heidelberger Kunstverein spiegelt diese serielle Logik räumlich wider.

Weitere Werke der Ausstellung umfassen unter anderem eine Serie von Aquarellen, die sich mit der visionären Landschaftsauffassung des William-Blake-Schülers Samuel Palmer auseinandersetzen; eine Keramikfliesenarbeit, die sich auf Rainer Werner Fassbinders "Warnung vor einer heiligen Nutte" (1971) bezieht; sowie die Serie "Coastline (Midnight Sun/Full Moon)", für die Otto Knapp Papier verwendete, das sie während eines Aufenthalts in der Robert Rauschenberg Foundation auf Captiva Island erworben hatte.

Durch die Aneignung kompositorischer Chiffren der Bühne innerhalb des Dispositivs des Bildraumes werden szenische Kontexte wie Meer, Küste, Garten, Park, Gewächshaus, Bühne, Ballett und Tanz – letzterer insbesondere durch die Auswahl der in der Ausstellung präsentierten Werke berücksichtigt – zu experimentellen Räumen, in denen menschliche Sehnsüchte als zugleich modellhaft, zeitlos sowie ungreifbar und inszeniert gezeigt werden; stets beleuchtet vom Mond als einer Art fahlem Scheinwerfer.


Öffnungszeiten:
Dienstag – Sonntag: 11:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: hdkv.de