Der Stadtbaumeister: Vom Schutz vor Feuer und Hochwasser über die Koordination öffentlicher Baumaßnahmen bis zur Organisation prestigeträchtiger Großveranstaltungen reichten seine Aufgaben. Seit dem späten 14. Jahrhundert gab es in Nürnberg dieses Amt; die Reichsstadt war groß und bedeutend, dementsprechend aufwändig die Regelung ihrer öffentlichen Anliegen. Schon früh hielten die vom Rat bestellten “stat paumeister” für ihre Nachfolger Nützliches schriftlich fest, doch erst Endres Tucher verfasste ein umfangreiches, knapp 500 Seiten umfassendes Werk.
Zwischen 1464 und 1475 entstand sein „Baumeisterbuch“, in dem er alles für das Amt Notwendige und Wissenswerte zusammentrug und um eigene Erfahrungen ergänzte. Rund 200 Jahre lang wurde dieses Standardwerk auf der Peunt, dem städtischen Bauhof, verwendet und verwahrt. Eine Studioausstellung im Germanischen Nationalmuseum zeigt ab dem heutigen Donnerstag, 4. Dezember 2025 diesen einzigartigen Schatz städtischer Bau- und Stadtplanung und erläutert das damit verbundene Amt des Baumeisters. Zeitgenössische Objekte schlagen Bögen in die Gegenwart.
Zuständigkeiten und Personalstruktur
Denn wofür war und ist ein Bauamt mit seinem Stadtbaumeister zuständig? Wer arbeitet dort alles? Basierend auf dem Tucherschen Baumeisterbuch listet eine Schautafel in der Ausstellung Zuständige und ihre Funktionen auf: Es gab Handwerksmeister, Gesellen und Tagelöhner, erwähnt werden zudem zahlreiche Gewerke wie Schreiner, Dachdecker und Schlosser. Dem Stadtbaumeister oblag es, die verschiedenen Arbeitsbereiche zu koordinieren, sich um die Finanzen zu kümmern und die Interessen des Rats zu vertreten. Minutiös beschreibt Tucher Hierarchien und Zuständigkeiten Einzelner und benennt Arbeitszeiten, Löhne und Tarife. Wie aktuell diese Aufgaben bis heute sind, macht ein Video-Interview mit Nürnbergs Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich deutlich.
Darstellungen von Handwerkern wie Maurern, Pflasterern, Schlossern oder Zimmerern veranschaulichen, wie vor rund 500 Jahren gebaut wurde. Daneben faszinieren die in Vitrinen ausgestellten historischen Handwerksgeräte von Steinmetzen. Ein moderner Betonmischer steht für das Bauen heute. Das Baumaterial – zumeist Holz und Stein – stammte in der Regel aus dem Nürnberger Umland. Der Stadtbaumeister war dementsprechend für den Reichswald und die nahe gelegenen Steinbrüche zuständig, sorgte für Materialnachschub und deren Lagerung und achtete auf einen nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen.
Organisation von Großveranstaltungen
Ihm kam zudem die Organisation von Großveranstaltungen zu – Kaiserbesuche, die Präsentation der Reichskleinodien oder der Schembartlauf. Der Stadtbaumeister verantwortete die Sicherheit der Teilnehmenden, regelte den Verkehrsfluss und sorgte für störungsfreie Abläufe. Bis ins Detail berichtet Tucher, dass beispielsweise der Schöne Brunnen auf dem Hauptmarkt abzusperren sei, damit Schaulustige nicht wegen der besseren Sicht hinaufklettern. Außerdem empfahl er, den für den Kaiserbesuch vorgesehenen Schinken weit oben unterm Dach aufzuhängen, damit hungrige Mäuse ihn nicht erreichen.
Weniger überraschend ist vermutlich seine Zuständigkeit für Wartung und Instandhaltung von mehr als 100 öffentlichen Brunnen. Eindrucksvoll ist der farbig gestaltete Mühlenplan aus der Zeit um 1600, der die intensive und wohldurchdachte Nutzung Nürnberger Flüsse mit ihren Mühlen und Weihern zeigt. Doch Wasser bedeutete auch Gefahr: Flüsse konnten über die Ufer treten, weshalb das Bauamt Pegelstände regelmäßig überwachte. Auch eine Feuerordnung existierte, die Brandgefahr war in dicht bebauten Städten enorm hoch. Nürnberg war organisatorisch in acht Bezirke aufgeteilt, deren verantwortlichen Quartiermeistern der Stadtbaumeister Equipment wie Löscheimer oder Feuerspritzen zur Verfügung zu stellen hatte. Vier Mal im Jahr – so die Vorschrift – wurden die Feuerspritzen gewartet. Ein ebenfalls ausgestellter moderner Feuerlöscher erinnert daran, dass auch die heutigen Geräte einer regelmäßigen Überprüfung unterzogen werden.
Kooperation mit der Tucher Kulturstiftung
Als der Kunsthistoriker Florian Abe 2022 zur Tucher Kulturstiftung kam und begann, sich mit den Quellen der ehemaligen Patrizierfamilie Tucher vertraut zu machen, stieß er im Germanischen Nationalmuseum auf das Baumeisterbuch. Fasziniert von diesem bislang wenig bekannten Werk entstand die Idee einer Ausstellung. Als Mit-Kurator gewann er Prof. Dr. Andreas Huth von der Universität Bamberg, einen Experten für Technikgeschichte des 15. Jahrhunderts. Im Rahmen zweier Seminare wurden Studierende in die Vorbereitungen eingebunden. Sie bieten während der Laufzeit der Ausstellung regelmäßig Führungen an.
Nach seiner Tätigkeit als Stadtbaumeister zog Endres Tucher übrigens bis zu seinem Tod als Laienbruder in die Nürnberger Kartause, Kern des heutigen Germanische Nationalmuseums, das sein Baumeisterbuch heute verwahrt.
Die Studioausstellung entstand in Kooperation mit der Tucher Kulturstiftung und der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.
Öffnungszeiten:
Dienstag: 10:00 – 18:00 Uhr
Miittwoch: 10:00 – 20:30 Uhr
Donnerstag – Sonntag: 10:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen
Weitere Informationen direkt unter: gnm.de