In der Ausstellung „Grundberührung“ vom 12. Februar bis 15. März 2026 in der Kunsthalle Trier realisieren Bettina van Haaren und Wolfgang Folmer eine großformatige Wandarbeit von etwa 5 × 17 Metern, die nur für die Dauer der Ausstellung bestehen wird. Ergänzend werden neue Zeichnungen, Malereien und Filme gezeigt, die unterschiedliche Aspekte ihres künstlerischen Denkens und Arbeitens sichtbar machen.

Seit 2022 arbeiten Bettina van Haaren und Wolfgang Folmer als künstlerisches Duo zusammen. Im Mittelpunkt ihrer Zusammenarbeit steht die Auseinandersetzung mit einer zeitgenössischen Form der Historienmalerei. Diese knüpft nicht an die traditionelle Darstellung heroischer Ereignisse oder machtvoller Erzählungen an, sondern richtet den Blick auf gegenwärtige Erfahrungen und gesellschaftliche Zustände. Thematisiert werden unter anderem fragile Lebensverhältnisse, körperliche und soziale Verletzbarkeit sowie aktuelle politische und gesellschaftliche Verschiebungen.

Kuratorische Einführung:
Von der Dokumentation schrecklichster Gewalttaten bis hin zu mit künstlicher Intelligenz generierter Pornografie sind wir unfreiwillig mit affizierenden Inhalten konfrontiert. Wir ertrinken in einer Überflutung von Bildern. Aus unserer Betroffenheit ergeben sich jedoch keine Evidenzen einer besonders entwickelten Empathie gegenüber Menschen in Kriegszonen, und im Fall der Erotik leidet unser Sexualleben unter Dysfunktionalitäten infolge von Hyperstimulation.

Kann uns eine Zeichnung, die sich vor störenden Motiven nicht scheut, dennoch für schwierige Phänomene unserer Zeit sensibilisieren? Welchen Anspruch erheben die Künstler:innen Bettina van Haaren und Wolfgang Folmer, wenn sie ihre Werke als „zeitgenössische Historienmalerei“ bezeichnen? Mit einer großen Affinität zur europäischen Malereitradition ist diese siebzehn Meter lange Wandzeichnung schwarz-weiß und wirkt in diesem monumentalen Format zugleich entfremdend und aufmerksamkeitsfordernd: Sie ist zart und ephemer zugleich.

Grundberührung verlangt Entschleunigung, ja sogar den Stillstand der Betrachter:in. Als zwei etablierte Künstler:innen mit langen Solokarrieren ist diese Zusammenarbeit gleichzeitig ein gemeinsames Philosophieren und eine liebevolle Reflexion der jeweiligen Praxis. Daher sind die Dialoge in den Kunstfilmen Einfassung der Schwebung, Beschreibungen der Ränder und Unterströmung für ein Eindringen in die Zeichenwelten wertvoll, da das Duo seine eigene Begrifflichkeit sucht.

Das „Einfrieren der Bewegung“ als explizit benannte Strategie wird bildlich eingesetzt gegen die Idee des endlosen Fortschritts und des Geschwindigkeitswahns. Die beiden Künstler:innen arbeiten gegen Flüchtigkeit. Walter Benjamin korrigiert Karl Marx und behauptet, Revolutionen in der Geschichte seien eher Notbremsen als Lokomotiven, eine Unterbrechung: „Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.1“ Die Feststellung in der Kunst von Bettina van Haaren und Wolfgang Folmer gelingt mit der Widerstandskraft des Pinsels. Den Betrachter:innen wird die Verlangsamung aufgezwungen.

Die Balance zwischen dem Alltäglichen und dem Ungeheuren entsteht durch die Vertrautheit mit alt-meisterlichen Motiven. Beide Künstler:innen beziehen sich häufig auf europäische Malerei: Marien- und Kindfiguren, der Erkenntnisapfel der Eva, Leidenserzählungen, Architekturelemente oder Stillleben. Auch Naturelemente wie Wolken, Gräser, Gewässer oder Bäume sind in den Geweben verankert.

Die Wandzeichnungsprojekte von Bettina van Haaren und Wolfgang Folmer gründen auf dem kunsthistorischen und geschichtlichen europäischen Erbe. Tiere, Überschwemmungen, kippende Architekturen, Beweinungen, Überwachungsinstrumente, faschistische Fragmente, Waffen, hingestreckte Körper, Möbelstücke, Spielzeug und immer wieder das nachdenkliche, aufzeichnende Selbst der Bettina van Haaren. Die gezeigten Zerstörungen wurden immer schon im europäischen Kanon angelegt, ob bei Hieronymus Bosch, Mathias Grünewald, den spätgotischen Niederländern, Caravaggio oder Tintoretto und werden von Bettina van Haaren und Wolfgang Folmer konsequent und zugleich zärtlich wieder an die Oberfläche gebracht.

Der Wahrheitsanspruch des Duos, der trotz postmoderner Bewegungen nicht aufgegeben wurde, schafft eine Möglichkeit, unsere Zeit zu betrachten und den Folgen unseres Weltumganges ungeschönt zu begegnen.

Bettina van Haaren (*1961) ist Malerin, Zeichnerin und Druckgraphikerin. Ihre figurative Kunst untersucht auf konzeptuelle Weise innere und äußere Wirklichkeiten. Das Werk wurde in fast 100 Einzel- und über 130 Gruppenausstellungen in Europa, USA, Neuseeland, Japan und China gezeigt. 27 monographische Publikationen über sie liegen vor; sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien. Seit 2000 ist sie Professorin für Zeichnung und Druckgraphik an der TU Dortmund.

Wolfgang Folmer (1960 in Merzig geboren) studierte an der Akademie in Stuttgart bei Prof. Rudolf Schoofs. Er arbeitet medial übergreifend in der Zeichnung, Malerei, Druckgraphik, Bildhauerei, Fotografie, im Video, oft kombiniert mit eigener experimenteller Percussion, in Großprojekten im öffentlichen Raum und performativ. Materialorientiertes Vorgehen bestimmt die konzeptuellen Ausarbeitungen. Wolfgang Folmer stellte national und international aus und erhielt Preise und Stipendien u.a. in Schweden, Spanien, den USA, Argentinien und China. Seit 2023 ist er künstlerischer Mitarbeiter am Institut für Kunst und Materielle Kultur an der TU Dortmund.