Alle Vögel sind schon da – mit dem Frühling kehren auch die Vögel zurück. Ihre Gesänge, die ersten Nachtigallen und Mauersegler gehören zu jener Jahreszeit, die für das Erwachen des Lebens, für Fröhlichkeit und Leichtigkeit steht. Vögel begleiten unseren Alltag nicht nur im Frühling: Sie sind die Wildtiere, die in Stadt und Land am häufigsten gesehen werden. Für viele Menschen sind sie eine Freude, für manche ein Hobby. Millionen beobachten sie weltweit in ihrer Freizeit – und ihre Lieder sowie ihre Flugkünste haben seit Jahrhunderten die Künste inspiriert.

Die Ausstellung Vogelperspektiven – Die Vögel und wir lädt dazu ein, Vögeln auf Augenhöhe zu begegnen – teils wörtlich, teils im übertragenen Sinn. Die Ausstellung versteht Vögel nicht nur als Beobachtete, sondern als Mitgeschöpfe und Mitgestalter gemeinsam genutzter Lebensräume. Skulpturen, Filme, Fotografien, Gemälde sowie Tonaufnahmen und Musikstücke regen dazu an, vertraute Nachbarn neu wahrzunehmen und das Zusammenleben zwischen Spezies aus anderen Perspektiven zu denken. Die Künstlerinnen und Künstler folgen Fluglinien, Gesängen und Schwarmbewegungen. Sie zeigen die Schönheit der Vogelwelt und fragen zugleich nach der Reichweite menschlicher Empathie, nach verantwortungsvollen Wegen in eine gemeinsame Zukunft sowie nach Möglichkeiten und Grenzen von Perspektivwechseln.

Bei aller Nähe spiegeln Vögel die Ambivalenz unseres Zusammenlebens mit anderen Tieren besonders deutlich. Singvögel werden gefüttert und bewundert, Stadttauben polarisieren. Haushühner sind biologisch außerordentlich erfolgreich, leben jedoch meist unter nicht artgerechten Bedingungen, während die Zahl der Wildvögel seit Jahrzehnten sinkt. Viele Menschen bemerken bereits, dass in ihrer Kindheit mehr Vögel unterwegs waren. Selbst früher häufige Arten wie Grünfinken oder Haussperlinge sind vielerorts selten geworden.

Dem Bericht zum globalen Zustand der Vögel von 2022 zufolge gehen weltweit die Bestände bei 49 % aller Vogelarten zurück – und nur 6 % verzeichnen Zuwächse. Auch in Deutschland erleiden laut dem Bericht „Vögel in Deutschland: Bestandssituation 2025“ (BfN) vor allem Arten der Agrarlandschaften (wie zum Beispiel Kiebitze und Rebhühner) drastische Einbrüche, auch wenn Schutzmaßnahmen punktuell Wirkung zeigen. Als Zeigerarten für den Zustand von Ökosystemen machen Vögel sichtbar, wie sehr menschliches Handeln natürliche Lebensgrundlagen verändert – mit Folgen, die nicht nur Vögel betreffen, sondern auch den Menschen.

Vor diesem Hintergrund richtet die Ausstellung Vogelperspektiven – Die Vögel und wir den Blick auf Vögel als konkrete Gegenüber – nicht als abstrakte Symbole oder Indikatoren ökologischer Krisen. Vögel erscheinen nicht als bloße Motive, sondern als lebendige Wesen mit Bedürfnissen, die Räume gestalten und sich an eine von Menschen geprägte Welt anpassen – oder umgekehrt Anpassungen des Menschen erfordern. Wie begegnen wir den Vögeln um uns herum? Wie nehmen wir sie wahr – und welche Vorstellungen, Gefühle und Verantwortlichkeiten werden dabei wirksam? Die Ausstellung zeigt künstlerische Perspektiven, die vertraute Bilder verschieben und neue Denk- und Wahrnehmungsräume öffnen. Sie gliedert sich in fünf Kapitel – vom engen Zusammenleben von Vögeln und Menschen über Flug, Stimme und zwiespältige Beziehungen bis hin zu Fragen nach Raum, Revier und Wahrnehmung.

EINBLICKE IN DIE AUSSTELLUNG 
Doch was bedeutet es, von „Vogelperspektiven“ zu sprechen? Die Ausstellung zeigt keine Weltansichten von oben, sondern thematisiert die menschliche Perspektive auf Vögel – und lädt dazu ein, diese zu reflektieren und zu erweitern. Sie fragt nicht nur, warum wir Vögel gern betrachten, sondern auch, was wir dabei sehen, was wir ausblenden und was wir uns noch vorstellen können. Wie ein solcher Perspektivwechsel aussehen kann, zeigen einzelne Werke in sehr unterschiedlichen Formen. Exemplarisch dafür steht die Videoarbeit Video Conference for the Birds (2023) von Marcus Coates, in der Vogelexpertinnen und -experten Vögel verkörpern und aus deren Perspektive über Revierkämpfe, den Verlust von Lebensräumen und das Überleben in der Klimakrise sprechen. Die Arbeit ist humorvoll und berührend zugleich, indem sie die Kraft menschlicher Einfühlung zeigt. Dabei macht sie deutlich, dass Empathie immer eine Annäherung bleibt – und dennoch wirksam sein kann. Andere Arbeiten konfrontieren das Publikum mit Vögeln als körperlich präsenten Gegenübern.

Mit der etwa 2,40 Meter hohe Skulptur Goldammer (2019) von Matthias Garff können die Besuchenden Vögeln buchstäblich auf Augenhöhe begegnen. Die riesige Goldammer ist klar als solche zu erkennen, jedoch besteht sie nicht aus Federn und Knochen, sondern aus wiederverwerteten Materialien: etwa aus Rohren, Latten und Reflektoren. Die Goldammer, einst charakteristisch für Agrarlandschaften, ist vielerorts verschwunden oder stark zurückgegangen. Intensiver Landbau lässt ihr kaum Raum zum Brüten, Singen und Leben. Neben der Goldammer zeigt die Ausstellung neun kleinere Vogel-Skulpturen von Matthias Garff mit Soundspuren des Biologen und DJs Dominik Eulberg sowie neu produzierte Videos. Während Garffs Arbeiten vom genauen Beobachten und von alltäglichen Begegnungen mit Vögeln ausgehen, rücken andere Positionen globale Verflechtungen und Brüche in den Blick.

Die mehrteilige Arbeit Steppe Synanthropies (2024) von Selbi Jumayeva, Alisa Verbina und Olha Vinichenko verbindet speziesübergreifende Erfahrungen von Verwundbarkeit und Resilienz, indem sie menschliche und tierliche Migrationen in einen Zusammenhang stellen. Im Mittelpunkt steht hier der Steppenkiebitz (Vanellus gregarius), der in der Ukraine und in China bereits ausgestorben ist. Die kasachische Steppe ist sein letzter Nistplatz. Er ist auf beweidete Grasländer angewiesen, die durch nomadische oder halbnomadische Viehhaltung entstehen. Mit der Kombination von traditioneller Textilkunst, Video, Text und Objekten aus der ornithologischen Forschung veranschaulichen die Künstlerinnen, wie das Zusammenspiel von Landschaften, Wissen und Praktiken ein fragiles, doch hoffnungsvolles Zusammenleben von Menschen und Vögeln trägt. Die Ausstellung wendet sich aber auch jenen Vögeln zu, die unseren Alltag unmittelbar prägen.

So widmen sich zwei Arbeiten den Stadttauben – Vögeln, die wie kaum andere polarisieren. Als ehemalige Haustiere leben sie heute in von Menschen geschaffenen Abhängigkeiten und werden zugleich als Plage wahrgenommen. Die Stadttaube wird zum Sinnbild für die ethischen Spannungen des Zusammenlebens mit anderen Spezies im urbanen Raum. Werke der Malerin Vroni Schwegler und der Schriftstellerin Anna Yeliz Schentke erzählen von dieser widersprüchlichen Beziehung und werfen damit die Frage auf, welchen Tieren wir Fürsorge und Würde zugestehen – und welchen nicht. Ein weiterer Ausstellungsteil thematisiert Formen von Nähe, die von Faszination und Aufmerksamkeit geprägt sind.

Fokussiert wird hier die Nachtigall, deren Gesang Menschen seit Jahrhunderten fasziniert. Die fotografische Serie Revier (2019) von Daniela Friebel zeigt Orte, an denen Nachtigallen in Berlin ihre Reviere singend markieren. Wissenschaftliche Einblicke in die Funktion des Gesangs sowie Musikstücke verweben menschliche und Vogelperspektiven. Deutlich wird: Auch wenn wir die Welt niemals aus der Sicht eines Vogels erleben können, verändern genaues Beobachten, Zuhören und Einfühlen unseren Blick.

Die Ausstellung endet mit der Neuproduktion B5’s Dream (2025) von Robin Meier Wiratunga, die sich mit der Frage beschäftigt, was Vögel träumen – und wie Forschung und Technologie unsere Vorstellungen über Bewusstsein und das Verbindende zwischen Spezies verändern können.

So entfaltet sich die Ausstellung Vogelperspektiven als ein Parcours unterschiedlicher Beziehungen zwischen Menschen und Vögeln. Dabei wird deutlich: Beobachten ist keine neutrale Handlung, sondern eine Praxis der Verwobenheit. Die Ausstellung lädt dazu ein, Vögel mit Freude zu betrachten und dabei das eigene Sehen zu erweitern – im Bewusstsein dafür, wie umfassend wir Menschen gemeinsame Lebensräume prägen.

Titelmotiv: Matthias Garff, Fitis und Zilpzalp, 2022, Skulptur © Matthias Garff
22.03. - 09.08.2026

Vogelperspektiven – Die Vögel und wir

Museum Sinclair-Haus

Löwengasse 15
61348 Bad Homburg vor der Höhe